Dax-Geflüster Hoffen auf den Hormonschub

Nach der Finanzmarktmisere die Wirtschaftskrise, nach der Bankenrettung die Konjunkturspritze. So denkt es sich die Politik. Doch Vorsicht: Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen dürften ins Leere laufen. Und dort, wo die Hilfe tatsächlich greift, ist der Effekt wahrscheinlich kaum der Rede wert.

Der Aufschwung kam bei den Menschen nie an, das wissen wir. Anders ist es mit dem Abschwung. Der kommt an, bei jedem. Sei es als Informationsflut, sei es als finanzielles Desaster - oder als Mischung aus beidem.

Aber das reicht noch nicht. Jetzt kommt nach der Finanzkrise die Wirtschaftskrise. Und damit ist nach dem Ersparten auch der Arbeitsplatz in Gefahr. Kronzeugen sind die führenden Forschungsinstitute, die ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2009 gerade auf 0,2 Prozent gekürzt haben - von vorher 1,4 Prozent. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) ist gleicher Meinung. Sein Kommentar dazu ließ aufhorchen: Die Auswirkungen der Finanzkrise dürften dank Bankenrettungspaket begrenzt bleiben.

Was meint Herr Glos? Beim Rückgang des Wachstums um mehr als einen Prozentpunkt ist das sogenannte Rettungspaket doch schon berücksichtigt. Greift es nicht, so können sich die Experten im kommenden Jahr sogar ein "Minuswachstum" (sprich: Schrumpfen) von 0,8 Prozent vorstellen.

Im Klartext heißt das: Schon jetzt steht so gut wie fest, dass die Konjunktur eine Vollbremsung hinlegt - ein Ende der Vertrauenskrise auf den Finanzmärkten hin oder her. Gelingt es durch die staatliche Bankenhilfe nicht, das Dilemma aufzulösen, so würde dadurch alles nur noch schlimmer. Ein abruptes Umschalten vom Vorwärts- in den Rückwärtsgang dürfte folgen. Begrenzte Auswirkungen sind doch eigentlich etwas anderes.

Glos und Kollegen verspüren jedenfalls schon wieder Tatendrang. Nach den Banken wollen sie jetzt die ganze Konjunktur retten. Zwei Fragen drängen sich da auf: Wie genau soll das Wirtschaftswachstum vor dem Ableben bewahrt werden? Und vor allem: Kommt so ein Eingriff überhaupt noch rechtzeitig?

Um es vorwegzunehmen: Skepsis scheint angebracht. Auf die Frage, welche Konjunkturhilfe er derzeit für sinnvoll hält, antwortet beispielsweise Joachim Scheide, Leiter des Prognosezentrums am Kieler Institut für Weltwirtschaft: "Keine." Nach Ansicht des Professors haben wir jahrelang vom überzogenen Boom der Weltwirtschaft profitiert - nun kommt die Korrektur.

Probleme mit Steinbrücks Knauserigkeit

Aber selbst wenn man sich - wie in Berlin geschehen - grundsätzlich für Konjunkturhilfen entscheidet, stimmt ein Blick auf die derzeit diskutierten Alternativen nicht eben hoffnungsfroh.

Beispiel Senkung der Einkommensteuer. Damit könnte das verfügbare Einkommen der Menschen erhöht und so der Konsum gefördert werden - theoretisch jedenfalls. Praktisch ist aber fraglich, ob in unsicheren Zeiten wie diesen tatsächlich mehr konsumiert würde - und nicht lieber mehr gespart. "Grundsätzlich ist es sinnvoll, die Einkommensteuer zu senken, allerdings nicht aus konjunkturpolitischer Sicht", findet auch Professor Scheide. "Da die Bundesregierung aber keinen Weg sieht, zu sparen, wird daraus nichts."

Da hat er wohl recht. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) stellt sich zurzeit bei allem quer, was seinen Sparkurs gefährdet. Auch bei einem zweiten Vorhaben hat er schon Ablehnung signalisiert: bei der steuerlichen Absetzbarkeit von Krankenkassenbeiträgen. Ein Vorziehen dieser vom Bundesverfassungsgericht verordneten Steuerentlastung um ein Jahr auf 2009 würde den Staat pro Jahr neun Milliarden Euro kosten. Geld, das - wiederum theoretisch - für den Konsum zur Verfügung stünde.

Nicht nur wegen Steinbrücks Knauserigkeit ist der Erfolg dieser Idee allerdings zweifelhaft. "Die Maßnahme bringt nicht den schnellen Effekt, der derzeit dringend erforderlich ist", sagt vielmehr Jörg Hinze, Volkswirt beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). "Die Versicherten bemerken die Steuerminderung in der Regel frühestens 2010."

Zweischneidig ist auch die Sache mit der Kfz-Steuer. Sie soll sich nicht mehr am Hubraum, sondern am CO2-Ausstoß orientieren, was der unter Absatzflaute leidenden Automobilindustrie helfen könnte. Gleichzeitig wäre ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet. "Eine dauerhafte Umstellung auf CO2 wäre vorteilhaft", meint Volkswirt Hinze. "Diese könnte auch kurzfristig den Pkw-Absatz stimulieren." Schließlich, so der Experte, sind die Autohersteller neben dem Baugewerbe von der Konjunkturschwäche am stärksten betroffen - und auf Hilfe daher am ehesten angewiesen.

"Es geht nur noch um Schadensbegrenzung"

Der Haken: Nach Ansicht des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen werden deutsche Hersteller durch die angedachten Steuererleichterungen für den Kauf schadstoffarmer Autos gegenüber ausländischen Firmen benachteiligt. Während nämlich die deutschen Hersteller vorwiegend Autos mit relativ hohem Verbrauch produzierten, verkauften ausländische Hersteller in Deutschland in erster Linie verbrauchsarme Autos, so der Fachmann. "Der Rabatteffekt der Maßnahme liegt also abseits der deutschen Hersteller."

Hinzu kommt laut Dudenhöffer, dass der größte Teil der in Deutschland hergestellten Autos im Ausland verkauft wird. "76 Prozent aller in Deutschland produzierten Pkw trifft das Programm nicht, da ja im Ausland die deutschen Steuervorteile beim Kauf von Neuwagen keine Rolle spielen", lautet sein Fazit.

Vom Ausbau der Förderung energieeffizienter Gebäudesanierungen bis zum Aufspannen eines Schutzschirms auch über dem Markt für Unternehmenskredite, von milliardenschweren Investitionen in Straßen, Schienen und andere öffentliche Einrichtungen über die Förderung des Kaufs stromsparender Elektrogeräte bis hin zur Leitzinssenkung durch die EZB: Was zurzeit diskutiert wird, ist teilweise sinnvoll, teilweise unsinnig. Teils wirkt es vorübergehend, teils nachhaltig.

Eins aber haben alle Maßnahmen, die auf dem Tisch liegen, offenbar gemein: Das Abbremsen der Konjunktur auf beinahe Tempo null können sie kaum noch verhindern. Bestenfalls lässt sich das noch geringfügig abschwächen.

"Wir erwarten für die Dax-Unternehmen im Jahr 2009 im Schnitt einen Gewinnrückgang von 20 Prozent", bestätigt Andreas Hürkamp, Portfolioanalyst bei der Commerzbank. "Wirklich aufhalten kann man das nicht mehr, es geht nur noch um Schadensbegrenzung." Auch Hürkamp sieht den Autosektor besonders in der Bredouille. "Dort werden die Gewinne gegenüber dem laufenden Jahr um 30 bis 40 Prozent sinken. Als Nächstes könnten industrienahe, zyklische Werte dran sein, die unter der nachlassenden Nachfrage aus den Schwellenländern leiden."

Für Versorger und Pharmawerte dagegen malt die Commerzbank die Zukunft nicht in so düsteren Farben. "Deren Gewinne stagnieren oder gehen um maximal 10 Prozent zurück", so Hürkamp.

Was also tun, wenn alle Konjunkturspritzen doch kaum nützen? Vielleicht hilft der Griff zu einer anderen Medizin: Studien haben ergeben, dass das Hormon Oxytozin, das eine wichtige Rolle bei der Geburt sowie generell bei zwischenmenschlichen Beziehungen spielt, auch in Finanzfragen vertrauensfördernd wirken kann. Ist das vielleicht der Schlüssel zur Lösung der Finanzmarkt-Konjunktur-Vertrauenskrise? Mühsame Überzeugungsarbeit wäre dabei jedenfalls ebenso überflüssig wie langwierige Gesetzgebungsverfahren. Der Botenstoff kann bequem per Nasenspray verabreicht werden.

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