Börse Frankfurt "Esst so lang's euch schmeckt"

Die Kurse an Deutschlands wichtigster Börse fallen und fallen, Aktienhändler ducken sich weg. Selbst erfahrene Makler sind ratlos. Die ersten fordern jetzt das Management der Frankfurter Börse auf, Flagge zu zeigen – und das Finanzzentrum der bedeutendsten Volkswirtschaft Europas notfalls kurzfristig zu schließen.
Von Karsten Stumm

Frankfurt am Main - Während draußen die Sonne scheint, tobt über den Finanzmärkten ein globales Unwetter. Auch die Kursmakler im Frankfurter Börsensaal kämpfen um die Finanzen ihrer Kunden. Dutzende Verkaufsaufträge leuchten auf ihren Monitoren auf, geballt. Weitere und weitere kommen hinzu; zum dritten Mal schon so eine Spirale in dieser Woche. Und wieder drohen für viele Anleger Millionen zu verglühen, nachdem die Makler endlich einen Preis für ihre Aktien ermittelt haben, zu dem ihnen jemand die Wertpapiere überhaupt noch abnehmen will.

Um 9.30 Uhr, als der Dax , Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer, dann schließlich rund 400 Punkte weniger als gestern aufweist, herrscht einen Moment lang eisiges Schweigen im Börsensaal. Vielleicht nie zuvor fühlten die Makler ihre Ohnmacht so intensiv, wie in diesem Moment.

"Ich kann mich nicht erinnern, mit solchen Verlusten von rund 10 Prozent je in einen Handelstag gestartet zu sein", sagt Joachim Llambi, Geschäftsführer des Kursmaklers CFI. "Das ist der negative Knaller der vergangenen 20 Jahre, die ich hier auf dem Parkett arbeite. Wir wissen gar nicht mehr so genau, ob die Preise, die wir hier ermitteln, so rational sind."

Verkaufswelle nach Verkaufswelle lässt sich wenig später auf den Kurstafeln im Börsensaal ablesen, die sich von der Stirnseite des Börsensaals bis zum letzten Ende des Raumes fortsetzt. Wie ein schwarzer, senkrechter Strich fliegt die Aktualisierung über die Anzeigen, stets alte Kurse durch neue ersetzend, alle paar Sekunden aufs Neue - alle paar Sekunden hohe Verluste. Das Schnarren der Kursanzeigen, auf denen die Buchstaben und Ziffern wie auf alten Bahnanzeigetafeln umblättern, klingt irgendwie bedrohlich.

Es ist etwa um diese Zeit, als die Deutsche Börse entscheidet, den Aktienhandel nicht zu unterbrechen. Weiterhandeln zu lassen, immer weiter, trotz der gewaltigen Verluste. 9 Prozent sind es zu diesem Zeitpunkt im Dax, die Börse Wien ist schon dicht, die in Russland auch - wieder mal. "Die Auftragsabwicklung in Frankfurt aber, das Handelsgeschäft, ist an sich nicht gefährdet, die Computer können alle Orders abwickeln. Damit ist der ordnungsgemäße Ablauf sichergestellt", sagt ein Sprecher der Börse per Telefon aus seinem Büro in Frankfurt Hausen heraus.

"Nur noch raus, raus, raus"

Es ist eine Entscheidung aus der Distanz. Aus einem beschaulichen Randgebiet der Stadt, ein paar Kilometer von Frankfurts Börsenplatz entfernt, Kilometer vom Handelssaal entfernt, in dem die Kurstafeln unaufhörlich schnarren.

"Im Moment wollen die großen Anleger, Fonds und Hedgefonds beispielsweise, nur noch raus, raus, raus. Egal welche Aktie, egal wie die wirtschaftlichen Aussichten des Unternehmens dahinter sind. Nur raus. In dieser Phase könnte es vielleicht doch eine Überlegung wert sein, den Handel abgestimmt mit anderen großen Börsenplätzen zu unterbrechen, um zu sich selbst zu finden - auch wenn man nicht weiß, wie die Lage sein wird, wenn der Handel wieder aufgenommen wird", sagt Tobias Belger von der Börsenfirma Belger. Er ist mit seiner Meinung nicht alleine auf dem Parkett. Viele stecken die Köpfe zusammen.

Gegen zwölf Uhr bringen Kamerateams von ARD und RTL ihre Gerätschaften in Stellung, richten die Kameraleute ihre Objektive auf die Kursanzeigen und zoomen heran, was für mehr und mehr Menschen nicht mehr nur abstrakte, kalte Ziffern sind. Dax: minus 8 Prozent. "Es geht jetzt um die Ersparnisse der Menschen, es geht um die Rentenhoffnungen der Menschen und es geht um die Existenzen der Menschen", sagt Dirk Müller dazu, Leiter des Aktiengeschäftes bei ICF Kursmakler.

Er ist einer von den Getriebenen, die ohnmächtig mit ansehen müssen, wie immer neue Tiefstände über die Anzeigetafeln jagen. Die Makler halten das aus mit dem Gleichmut von Fluglotsen, die zig Bewegungen zugleich verfolgen müssen. Man hört keine lauten Rufe auf dem Parkett, alles geht seinen Gang, auch in der Abwärtsspirale. Man weiß, was man zu tun hat. Die Computerbörse bietet keinen Raum mehr für die Adrenalin-Aktienjongleure der wilden 1980er in New York.

Die Dramen draußen, in der Sonne des Alltags, sind dafür nicht kleiner. Auf dem Freitagsmarkt, am Schnitzelbrötchenstand, genau gegenüber des Börseneingangs in Frankfurt, hat der Metzger zwei knallrote Plakate an seinem Händlerstand angebracht. Die Aufschrift: "Liebe Leute, esst so lang's euch schmeckt, schon dreimal ist das Geld verreckt."

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