Dax-Geflüster Vorsicht, billig!

Daimler, ThyssenKrupp, MAN: Rasant sind viele deutsche Aktien in den Keller gerauscht, die als grundsolide gelten. Dabei soll 2009 ein Jahr sprudelnder Gewinne werden. Zeit zum Einsteigen also? Die jüngsten Kursturbulenzen bei den Autoherstellern wecken Zweifel und nähren die Angst vor einer Reihe drastischer Gewinnrückgänge.

Wenn es kracht, dann richtig. Um bis zu 35 Prozent weniger Autos haben die großen Hersteller wie Ford , Chrysler und Toyota  im September in den USA verkauft. Das Absatzfiasko geht ungebremst weiter und reißt an den Börsen verstärkt auch die Aktien deutscher Autobauer mit.

Denn die neueste Erklärung für das Debakel muss exportstarke deutsche Unternehmen beunruhigen. Eine generelle Kaufunlust der zudem noch immer weniger kreditwürdigen US-Bürger soll Schuld sein. Die These, spritschluckende Autos seien eben nicht mehr gefragt, rückt in den Hintergrund.

Die Nachfrage in den USA schwächt sich im Zuge der Finanzkrise immer stärker ab. Daher reift die Erkenntnis, dass die positiven Aussichten der deutschen Konzerne auch in anderen Branchen kaum zu halten sind. "Mittelfristig wird der Wirtschaftsabschwung in den USA voraussichtlich auf die deutsche Industrie überschwappen", prognostizieren die Analysten von Equinet.

Damit haben viele Unternehmen bisher nicht gerechnet, zumindest nicht offiziell. Doch nicht nur die fehlende Nachfrage bringt Unternehmen jetzt in die Klemme. "Seit der spektakulären Zuspitzung dieser Krise im September mehren sich die Anzeichen für einen Kreditstau auch außerhalb des Bankensektors", sagt Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater gegenüber manager-magazin.de.

Die Folgen könnten sich noch im Herbst zeigen. "Es ist nicht auszuschließen, dass im November das eine oder andere Unternehmen eine Gewinnwarnung herausgibt", formuliert es der Chefanalyst der NordLB, Volker Sack, gegenüber manager-magazin.de vorsichtig. "Die Berichtssaison wird spannend."

Schlechte Nachrichten kündigen sich für alle Anleger an, die bei den zuletzt kräftig gesunkenen Kursen mancher Dax-Werte ein niedriges Einstiegsniveau wittern. Dabei erreichen Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder der Kurs-Buchwert bei vielen Aktien fast schon historisch günstige Werte.

Gewinnwarnungen am Horizont

Gewinnwarnungen am Horizont

Von den 110 Unternehmen in Dax , MDax  und TecDax  erreichten in dieser Woche fast 40 ein Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2008 von unter zehn. ThyssenKrupp  ist an der Börse nur so viel wert wie der 4,8-fache prognostizierte Jahresgewinn. Bei MAN  beträgt der Faktor 4,7, bei Daimler  6,4. Üblich sind Werte zwischen 12 und 15, doch die Unternehmen haben eine steile Abwärtsrally von zum Teil mehr als 50 Prozent in einem Jahr hinter sich.

Weil die Gewinne für 2009 noch mindestens in ähnlicher Höhe vorhergesagt werden, fallen die Zahlen für das kommende Jahr kaum höher aus. An der Börse sind Daimler  und zahlreiche andere Werte zudem weniger wert als das in der Bilanz ausgewiesene Eigenkapital.

In der zweiten Reihe sorgte bereits Heidelberger Druck  für Missstimmung. Am Donnerstag sackten die Papiere nach enttäuschenden Quartalszahlen um gut 6 Prozent auf zehn Euro ab. "Das muss noch nicht das Ende der Gewinnwarnungen sein. Die negativen Nachrichten dürften erst einmal nicht abreißen", sagte ein Börsianer.

Bis die Konzerne im November Quartalszahlen vorlegen, tappen Analysten jedoch weitgehend im Dunkeln bei der Frage, wie schmerzhaft der Aufprall noch wird. "Gefühle und Stimmungen treiben den Markt", sagt ein Analyst. Viele klammern sich noch an die Zahlen der Konzerne. Um satte 20 Prozent soll demnach der Gewinn pro Aktie deutscher Dax-Konzerne 2009 steigen, vermutet das Gros der Analysten.

Bei Siemens  steht ein Plus von 43 Prozent, bei Tui  sind es 39, bei ThyssenKrupp immerhin noch 11 Prozent. "Das erscheint zu optimistisch angesichts des wirtschaftlichen Verfalls wichtiger Exportmärkte wie den USA", urteilen jedoch die Experten von Equinet.

Die Automobilindustrie haben sie dabei ganz oben auf der Warnliste. "Ein wahres Desaster gäbe es, wenn Rohstoffe in einem Abschwung nicht deutlich billiger würden. In einem solchen Szenario würde die gesamte Branche Verluste schreiben." Auch für Teile der Chemieindustrie und die Branche der Erneuerbaren Energien bestehe ein erhebliches Risiko, wenn sich die Konjunktur deutlich eintrübt, wie es viele erwarten.

Das Abgeltungssteuer-Dilemma

Das Abgeltungssteuer-Dilemma

Beispiele wie Heidelberger Druck zeigen, dass niedrigere Gewinne zwar durchaus erwartet werden, die Schockwirkung an den Märkten deshalb aber keinesfalls ausbleibt. Viele Anleger wollen offenbar nicht wahrhaben, dass der befürchtete Abschwung längst noch nicht eingepreist ist. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking sorgte am Mittwoch dieser Woche für Aufruhr, bloß weil er sich auf die Höhe des Gewinns im laufenden Geschäftsjahr nicht festlegen wollte. Der Kurs der Aktie brach zwischenzeitlich um fast 15 Prozent ein.

Manche Anleger sehen sich nun im Dilemma. Einerseits würden sie bis zum Jahresende einen Teil ihres Geldes gern in Aktien und Fonds anlegen, um später Gewinne abgeltungssteuerfrei zu kassieren. Andererseits halten sie ihr Vermögen bei den unsicheren Aussichten zusammen. "Es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren", sagt NordLB-Mann Sack. "Erst wenn wir da durch sind, ergeben sich wieder Einstiegsmöglichkeiten."

Doch wie lange die Turbulenzen weitergehen, steht in den Sternen. Auch das Rettungspaket der US-Regierung für die angeschlagenen Banken wird das Blatt nicht vollständig wenden, sagt Deka-Chefvolkswirt Kater. "Eine schnelle Rückkehr zum Normalbetrieb ist auch mit dem Rettungspaket nicht zu erwarten."

Er erwartet allerdings, dass ein guter Teil der Rezessionsängste schon in den gegenwärtigen Aktienkursen enthalten ist und macht langfristig orientierten Anlegern daher Mut. Der Dax liegt nach seiner Einschätzung am Ende des Jahres bei 6000 Punkten.

Fantasie weckt bei anderen Beobachtern dagegen nur noch die Aussicht auf einen Überlebenskampf manch angeschlagenen Konzerns, der Käufer auf den Plan ruft. So wie sich die Banken derzeit in den USA und Europa gegenseitig aufkaufen, könne es auch in anderen Branchen kommen, sobald klar wird, wer die Krise nicht durchstehen wird, sagt NordLB-Analyst Sack.

Daimler ist für ihn ein wahrscheinliches Übernahmeopfer. Allein wegen dieser Aussicht liege der Börsenwert des Unternehmens nicht noch deutlich unter dem gegenwärtigen Niveau.

Finanzkrise: Konzerne unter Druck

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