Kurssturz Daimlers lange drei Wochen

Daimler weist Gerüchte über eine Gewinnwarnung zurück, spricht aber zugleich von einer stark eingetrübten Lage. So kann man Investoren nicht beruhigen: Die Aktie testet neue Tiefstände. Auch Analysten zeigen sich skeptisch und wähnen bei Daimler große Risiken, für die BMW schon teuer bezahlen musste.

Hamburg - Eigentlich hatte Daimler  in jüngster Vergangenheit nur Gutes zu verkünden. So bekräftigte der Autobauer seine Absatz- und Ertragsprognose für die Lkw-Sparte - dem schwachen US-Markt und der eskalierenden Kreditkrise zum Trotz. Zugleich ließ der Konzern durchblicken, man werde sich von seinen restlichen Anteilen des maroden Autobauers Chrysler trennen. Gute Nachrichten eigentlich. Doch die Aktie kann davon nicht profitieren, sondern gerät im Gegenteil völlig aus der Spur.

Besonders happig trifft es die Daimler-Investoren in den letzten Handelstagen. Nach Verlusten von 4 Prozent am Dienstag, gibt die Aktie am Mittwoch 8,6 Prozent ab und verliert am Donnerstag in der Spitze zunächst weitere 3 Prozent.

Der Autobauer räumt zwar ein, dass sich die wirtschaftliche Lage stärker als erwartet eingetrübt habe, dementiert aber Gerüchte über ein neuerliches Profitwarning. "Es gibt keine Gewinnwarnung", sagt eine Sprecherin. Den Geschäftsausblick will das Unternehmen mit den Zahlen zum dritten Quartal am 23. Oktober bekannt geben.

Ein schwacher Trost für die Aktionäre, deren Investment in den vergangenen sechs Monaten rund 41 Prozent verloren hat und damit deutlich mehr als die Anteilsscheine des schärfsten Mitbewerbers BMW . Für die Daimler-Aktionäre können das noch lange drei Wochen werden.

"Schließe Gewinnwarnung nicht aus"

So recht wollen Analysten dem Dementi am Mittwoch auch nicht folgen. "Ich schließe eine Gewinnwarnung nicht aus", sagt etwa Frank Schwope von der NordLB. "Ich glaube, dass sich die Absatzsituation für Mercedes extrem verschärft hat und dass auch der LkW-Markt in Europa stark zurückfallen wird", erklärt ebenso Arndt Ellinghorst von Credit Suisse. Viele Marktteilnehmer erwarteten weitere Hiobsbotschaften von den Autobauern.

Wenig ermutigende Signale für die Branche hat zuletzt auch Standard & Poor's ausgesandt. Für den weltgrößten Automarkt USA erwarten die Experten in diesem Jahr, dass der Absatz von Pkw und leichten Trucks um 13 Prozent auf 14 Millionen Fahrzeuge gegenüber dem Vorjahr zurückfallen wird. Für den US-Lkw-Markt prognostizieren die Analysten einen Rückgang um nochmals 10 bis 15 Prozent, nachdem der Markt in Nordamerika bereits im Vorjahr um 35 Prozent eingebrochen war.

Wenn die Leasingfalle zuschnappt ...

Wenn die Leasingfalle zuschnappt ...

Sorgen bereitet den Experten darüber hinaus, dass die Autobauer von der jetzt verschärften Finanzkrise in den USA mit in den Strudel gezogen werden könnten. Nicht nur, dass die US-Bürger womöglich weniger deutsche Autos kaufen. Sie haben in der Vergangenheit ihre Wagen überwiegend geleast oder mit einem Kredit der jeweils angeschlossenen Autobank finanziert.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer geht davon aus, dass die Premiumhersteller BMW , Daimler  und Audi  jeden zweiten Wagen in den USA über Leasingverträge verkaufen. Diese Leasing- und Finanzierungsgeschäfte könnten für die Autobauer in zweierlei Hinsicht zu einem ernsthaften Problem werden.

In der aktuell prekären Situation auf dem Geldmarkt, wo sich Banken untereinander kaum noch Geld leihen, müssten die Autokonzerne mit höheren Zinskosten rechnen, warnt Merrill Lynch in einer Kurzstudie. Dies wiederum kann ein schlechteres Rating für die Konzerne nach sich ziehen und ihre Refinanzierung am Kapitalmarkt verteuern. Laut Merrill finanzieren europäische Autobauer jährlich rund 250 Milliarden Euro für Autokäufe oder Leasing. Gut ein Drittel davon, also rund 80 Milliarden Euro, müssten sie jährlich refinanzieren.

Bei Leasingverträgen nehmen Autobauer den Wagen am Ende der Vertragslaufzeit wieder vom Kunden zurück und verkaufen ihn als Gebrauchtwagen. Dabei tragen sie das so genannte Restwertrisiko. Je nachdem wie hoch der unterstellte Restwert sich nun zu vergleichbaren Modellen auf dem Gebrauchtwagenmarkt verhält, bleiben die Autokonzerne entweder auf ihren Leasingfahrzeugen sitzen oder machen im günstigsten Fall ein gutes Geschäft.

Nach Aussagen von Ellinghorst haben BMW  und Daimler  ein Leasingvermögen von jeweils rund 20 Milliarden Euro in ihrer Bilanz stehen. Mit welchen Summen genau die Autobauer im US-amerikanischen Autofinanzierungsmarkt involviert sind, ist unbekannt. Gebrauchte Pkw in den USA verkaufen sich derzeit aber schlecht und die Gebrauchtwagenpreise liegen am Boden.

Wenig Hoffnung auf bessere Nachrichten

BMW stellte bereits 695 Millionen Euro zurück

Insbesondere BMW  hat in der Vergangenheit seine Kunden mit besonders niedrigen Leasingraten gelockt und offenbar zugleich mit hohen Restwerten kalkuliert. Die Münchener mussten dafür bereits teuer bezahlen: Der Autobauer hat für das erste Halbjahr 695 Millionen Euro für mögliche Kreditausfälle und Restwertrisiken bei Leasingverträgen zurückgestellt, was den Konzerngewinn empfindlich belastete.

Daimler  hat sich zu möglichen Belastungen aus Leasing- und Finanzierungsgeschäften noch nicht geäußert, geschweige denn Geld dafür zurückgestellt. Über ihre Restwertannahmen schweigen sich die Autobauer ohnehin aus.

Neben der sich eintrübenden Autokonjunktur stimmt eben auch dies die Märkte und Analysten skeptisch. "Mich würde es nicht überraschen, wenn auch die Stuttgarter hier in Kürze mit negativen Nachrichten aufwarten, sagt Analyst Schwope. "Financial Services kann ein Riesenproblem für deutsche Autobauer werden. Und der Markt bewertet dieses Risiko derzeit sehr hoch", sagt Ellinghorst von Credit Suisse.

Daimler-Aktionären bleibt derzeit wohl nichts anderes übrig, als auf weitere Nachrichten zu warten. Noch vor dem Geschäftsbericht will der Autobauer kommende Woche neue Absatzzahlen vorlegen, die eine erste Tendenz über den Verlauf des gesamten dritten Quartals erlauben. Für den Monat August hatte Daimler zuletzt schwache Zahlen gemeldet. Und Analysten sehen wenig Hoffnung auf Besserung. "Die Autokonjunktur macht derzeit einfach komplett die Grätsche", sagt Analyst Ellinghorst.

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