Interbankenhandel Das Dagobert-Prinzip

In der Finanzkrise parken Banken Rekordsummen bei der Europäischen Zentralbank, anstatt einander Kapital zu leihen. Weil jeder jedem misstraut, hat die Notenbank den Interbankenhandel übernommen. Auf diese Weise will sie das fatale Dagobert-Prinzip knacken und wieder Vertrauen im Markt schaffen.
Von Grit Beecken

Hamburg - In Zeiten der Finanzkrise wanken nicht nur Banken, sondern auch Prinzipien. "Die Theorie kann man im Moment vergessen", sagt beispielsweise Thomas Koch, Analyst bei der HSH Nordbank. Die Theorie besagt, die Europäische Zentralbank (EZB) sei der "Kreditgeber der letzten Instanz" und solle erst ins Spiel kommen, wenn eine Bank in Folge einer Liquiditätskrise strauchelt. Dann springt sie ein und überbrückt den Engpass.

Momentan aber wollen die Banken einander kein Geld leihen, weil keiner weiß, wer als nächstes in Schwierigkeiten gerät. In diesem Marktumfeld springt die EZB in die Bresche: Täglich pumpt sie Milliardenbeträge - in Euro und US-Dollar - in die Märkte. So ist aus dem Kreditgeber der letzten Instanz der Kreditgeber der ersten Instanz geworden. Irgendwer muss die Wirtschaft schließlich mit Liquidität versorgen: Damit Kredite ausgezahlt werden können, Überweisungen die Konten verlassen und sich die Wirtschaftwelt weiter dreht.

Mit der Übernahme des Interbankenhandels steckt die EZB mitten in einer schwierigen, wenn nicht unmöglichen Mission. Diese beschreibt Bernd Früh, Vorstand des Fondsanbieters Tiberius: "Die Notenbank will wieder Vertrauen am Markt schaffen - was allerdings nur begrenzt möglich ist". Wisse doch niemand so genau, wie viele faule Kredite noch ausfallen und bei wem sie liegen. "Daher können Banken die Transparenz, die der Interbankenhandel braucht, derzeit auch gar nicht schaffen", schließt Früh.

Geld über Nacht zur EZB - und nicht zur Konkurrenz

Dabei brauchen die Banken eigentlich gar kein Geld - das hat die EZB berechnet. Die Kreditinstitute haben einen Mittelüberschuss von 40 Milliarden Euro. Trotzdem leihen sie sich bei jedem Tenderverfahren (siehe Infokasten) Kapital.

"Die Banken sorgen vor, weil sie Angst haben, bei weiteren Marktverwerfungen ohne ausreichende Liquidität dazustehen", erklärt HSH-Nordbank-Analyst Koch diese Situation. Und wenn sie dann zu viel Geld auf ihren Konten haben, leihen sie es einfach der EZB.

Auch das zeigt, wie belastet die Märkte sind. Vor Beginn der Krise legten Banken nur dann über Nacht Geld bei der EZB an, wenn sie spät abends Liquiditätsüberschüsse hatten.

Denn für diese Einlagen gibt es nur wenig Zinsen. Mittlerweile parken Banken Rekordsummen in der so genannten Einlagefazilität.

Die EZB nimmt, die EZB gibt

Die EZB nimmt, die EZB gibt

Am Montag dieser Woche beispielsweise investierten die Banken 44,4 Milliarden Euro bei der EZB - zu einem Zinssatz von 3,25 Prozent. Hätten sie das Kapital aneinander verliehen, hätten sie 3,92 Prozent bekommen - so sieht es der Eonia vor - der Euro Overnight Index Average. Zu diesem Interbankensatz verleihen Kreditinstitute einander über Nacht Geld. "Im Moment geht Sicherheit vor Rendite", sagt Hans Köcher, der bei der Berenbergbank den Geld- und Devisenhandel leitet.

Über Tage oder Monate leihen Banken einander Gelder gegen die Euro Interbank Offered Rate, kurz Euribor. Der Euribor wird täglich gebildet, nachdem rund 57 Kreditinstitute gemeldet haben, zu welchem Zinssatz sie Geld an andere Banken verleihen.

Da Kreditinstitute einander kein Geld mehr leihen, sind Eonia und Euribor eine Luftnummer, könnte man meinen. Dem ist aber nicht so. Denn in der Vergangenheit wurden viele Kredite gegen einen variablen Zinssatz vergeben, der sich aus der Höhe des Euribors und einer Marge zusammensetzt. Auch die Verzinsung von Spareinlagen und anderen Geldmarktprodukten richtet sich nach dem Satz. Außerhalb des Interbankenhandels hat die Kennziffer daher nach wie vor Gewicht.

Bizarre Situationen

Anders als im bisherigen Interbankenhandel vergibt und leiht die EZB Geld zu Zinssätzen, die in Auktionen festgelegt werden. Das führt mitunter zu bizarren Situationen.

Am Dienstag schrieb die EZB zwei Schnelltender über insgesamt 80 Milliarden US-Dollar aus. Da zum Quartalsultimo viele US-Dollarkredite refinanziert werden müssen, war die Nachfrage groß. Die Banken griffen so beherzt zu, dass der Zinssatz für die ersten 50 Milliarden US-Dollar bei 11 Prozent lag. Am Nachmittag jedoch, als die EZB erneut US-Dollar in den Markt gab, war die Nachfrage so gering, dass die Notenbank zu 0,5 Prozent zuteilte. Am Mittwoch gab die EZB dann erneut für 3,25 Prozent 50 Milliarden US-Dollar in den Markt.

Berenberg-Direktor Köcher erklärt, wie es am Dienstag zu dem sehr hohen Zinssatz gekommen ist: "Durch das vorläufige Scheitern des US-Rettungspaketes und das Übergreifen der Krise auf Europa ist das Misstrauen weiter gestiegen". Zudem seien kleinere Verwerfungen in den Zinssätzen zum Quartalsultimo normal, weil letzte Refinanzierungen oft ein- oder gleichtägig erfolgen. Und wer US-Dollar braucht, um seine Kreditverträge bedienen zu können, der zahlt auch höhere Zinsen, und deckt sich im ersten Tender ein, anstatt auf die Nachmittagszuteilung zu warten.

"Die Situation ist grotesk"

"Die Situation ist grotesk"

"Verrückt" sei die richtige Bezeichnung für die Situation am Geldmarkt, sagt Arne Holzhausen. Holzhausen leitet bei der Allianz Dresdner Economic Research den Bankenbereich. Seine Kollegin Claudia Broyer ergänzt: "Die Situation ist grotesk". Denn seit einem Jahr übernimmt die EZB nun schon den Interbankenhandel - das sei länger, als ursprünglich geplant. Wann ein Ende absehbar ist, darüber will kein Marktteilnehmer etwas sagen. Auch die EZB nicht.

"Seit Beginn der Finanzmarktturbulenzen leihen wir höhere Summen längerfristig aus", sagt Bundesbanksprecherin Madleen Petschmann. "Im gleichen Maße wurden die Wochentender reduziert oder liquiditätsabsorbierende Feinsteuerungsoperationen durchgeführt". Das Bundesbankdeutsch will besagen: Was früher wochenweise ausgeliehen wurde, wird den Banken nun für drei- oder sechs Monate überlassen – das soll Planungssicherheit bringen und das Vertrauen der Banken untereinander stärken.

Die Zentralbankgeldmenge wächst durch diese Eingriffe nicht, da sich nur die Zeiträume der Zuteilungen ändern, nicht aber die Höhe. Zudem entzieht die EZB dem Markt auch Geld. Am Mittwoch nahm sie 200 Milliarden Euro aus dem Markt, indem sie anlagewilligen Banken 4,25 Prozent Zinsen für ihre Einlagen bot.

Grundsätzlich begrüßen die Marktteilnehmen das Handeln der EZB. Es gibt aber auch Kritik: "Durch die Geldspritzen löst die EZB das Problem nicht, auch wenn es den Banken erst einmal gut getan hat", sagte Commerzbank Chefvolkswirt Michael Schubert am Dienstag.

Schließlich übernehme die EZB derzeit die Umverteilung der Banken. Und das sei nicht ihre Aufgabe und langfristig auch nicht in ihrem Interesse. Das Dagobert-Prinzip funktioniert eben doch nur in Entenhausen.

Mitarbeit: Franziska Fischer-Zernin

Finanzkrise: Zentralbanken fluten erneut Geldmarkt

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