Finanzkrise "Methadon für Junkies"

Der 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplan für das marode US-Finanzsystem bekämpft Symptome, aber nicht die Ursachen der Krise, kritisiert Johannes Reich. Geldanlage in diesem verminten Umfeld sei kein leichtes Unterfangen, meint der Aktienexperte und Partner der Privatbank Metzler. Im Interview erklärt er, wie es die Profis machen und warum Furcht dabei ein schlechter Ratgeber ist.
Von Andreas Nölting

mm.de: Herr Reich, als Partner bei Metzler sind Sie unter anderem zuständig für die aktienstrategische Beurteilung der Märkte. Da zittern Ihnen in diesen turbulenten Tagen wohl zuweilen die Hände?

Banges Warten: Das Rettungsprogramm für US-Banken fällt mitten in den Wahlkampf und ist umstritten. Noch scheinen sich die politischen Lager in den USA über Details nicht einig zu sein.

Banges Warten: Das Rettungsprogramm für US-Banken fällt mitten in den Wahlkampf und ist umstritten. Noch scheinen sich die politischen Lager in den USA über Details nicht einig zu sein.

Foto: Getty Images

Reich: Die Märkte durchleben derzeit in der Tat starke Turbulenzen und das Anlagerisiko ist dementsprechend hoch. Doch Furcht wäre immer ein schlechter Ratgeber. Die Zuspitzung der Finanzkrise hat mich nicht wirklich überrascht. Beeindruckt war ich vom Umfang der geplanten Rettungsaktion der Bush-Regierung sowie der Notenbank Fed und den dabei aufgerufenen Zahlen.

mm.de: Weil wir eine historische Zäsur erleben?

Reich: Alle Krisen und Erschütterungen haben spezifische Auslöser und diese Auslöser erscheinen uns jeweils neu und spektakulär. Im Grunde genommen sind Krisen in ihrer Struktur immer wieder ähnlich, solange bis die Blase platzt. Eine historische Zäsur, wie sie jetzt medial und politisch heraufbeschworen wird, sehe ich nicht. Wir hatten auch keine historische Zäsur nach dem Platzen der Internetbubble oder anderer Blasen.

mm.de: Aber die großen Investmentbanken, die Big Five, sind plötzlich verschwunden, ist das denn keine Zäsur?

Reich: Ich betrachte das als Fußnote. Die reine Investmentbank gab es doch nur noch auf dem Papier, das Trennbankensystem existierte de facto schon länger nicht mehr. Von einem historischen Einschnitt sollten wir nicht sprechen. Womit ich den Schaden nicht kleinreden will.

mm.de: Ist das angelsächsische Wirtschaftsdogma des Shareholder-Value unserem Modell der Konsenswirtschaft unterlegen?

Reich: Bezogen auf das Bankensystem ist es im Moment so, dass das amerikanische Bankensystem im Ring einen schweren Niederschlag erlitten hat. Wenn Sie also das amerikanische Bankensystem gegen das europäische antreten lassen, gedanklich, dann haben wir gerade einen Runden-K.o. erlebt. Doch das deutsche Bankensystem hat auch erhebliche Probleme. Denken Sie an das Thema IKB , die Landesbanken oder die KfW .

mm.de: Da fühlen Sie sich im Haus einer 334-jährigen Privatbank wohl gut aufgehoben?

Reich: Als Privatbank sind wir sehr risikobewusst, um nicht zu sagen risikoavers. Bei uns sind Kunden nicht vom Thema Subprime betroffen. Wir haben es immer abgelehnt, in den damit verbundenen oder ähnlichen strukturierten Produkten zu agieren. Wir haben dort kein Exposure, unsere Kunden im institutionellen Bereich nicht und unsere Privatkunden auch nicht. Nun sind wir in einer komfortablen Situation. Unser Risikobewusstsein lässt uns im Vergleich zu anderen sehr gut aussehen.

mm.de: Haben Sie als Folge der globalen Finanzkrise Ihre Strategie geändert?

Reich: Aktuell nicht. Wir sind seit einem Jahr vorsichtiger. Wir gehen davon aus, dass die Finanzkrise auch auf die Realwirtschaft infektiös wirkt. Wir befürchten eine stagflatorische Entwicklung. Daher bevorzugen wir Werte, die ein plausibles Geschäftsmodell haben, die bilanziell und finanziell solide sind und somit sicher durch konjunkturelle Stürme fahren können, die hohe Gewinntransparenz aufweisen und die transparent und widerspruchsfrei kommunizieren.

"Aktienanlage in diesem Umfeld nicht das Schlechteste"

mm.de: Keine einfache Zeit, große Summen anzulegen, oder?

Reich: Das ist für jeden Anleger, ob institutioneller oder privater, ein sehr schwieriges Umfeld, in dem keiner Vermögensklasse ein eindeutiger Vorzug gegeben werden kann. Das gilt angesichts von Inflationsgefahren sowohl für den Bondmarkt als auch wegen der drohenden Rezession und den Gewinnwarnungen für den Aktienmarkt. Das gilt bei wachsenden Inflationsbefürchtungen selbst für die Kassehaltung. Absolut sicher können Sie nirgendwo anlegen. Meine Meinung: Aktienanlage ist in diesem Umfeld nicht das Schlechteste. Man investiert in Sachwerte und konzentriert sich dabei auf überzeugende Geschäftsmodelle. Solche Werte können auch einmal eine Krise durchstehen.

mm.de: An welche Aktien denken Sie dabei?

Reich: Im Moment würde ich etwa lieber in ein Unternehmen wie Fielmann  investieren als etwa in die UBS .

mm.de: Die Schweizer sind doch schon total geprügelt worden.

Reich: Aber in diesem Falle auf eine schnelle Erholung zu wetten, erscheint mir persönlich immer noch recht wagemutig.

mm.de: Bringt der 700-Milliarden-Retttungsplan die Lösung?

Reich: Zumindest in den USA wird das wohl so gesehen. Es fällt auf, wie massiv gerade dort die staatlichen Eingriffe sind. Allerdings wirkt das so ein wenig wie ein Methadonprogramm für Junkies. Es werden – weil es die politisch Verantwortlichen angesichts der Gefährdungslage für nötig halten – vielfach die akuten Symptome bekämpft, leider aber kaum die Ursachen.

Manchmal glaube ich, dass Leute am Werk sind, die Probleme zu lösen versprechen, zu denen sie selbst wesentlich beitragen. Da erhalten jene Wasser auf die Mühlen, die aus unterschiedlichsten Gründen gerne behaupten, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Das ist nicht gut. Es wäre wichtig, dass eine freiheitlich orientierte Gesellschaft sich die Fähigkeit erhält, Marktungleichgewichte durch Marktmechanismen abbauen zu können. Offenbar ist diese Fähigkeit gering geworden.

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