Dax-Geflüster Die Kunst, eine Bombe zu entschärfen

Kommt das US-Rettungspaket, oder kommt es nicht? Mit Hochdruck arbeitet die Politelite in Washington an einer Einigung. Die Börsen bejubeln jeden Schritt in diese Richtung - und knicken bei Rückschlägen sofort ein. Zwar sind die Aussichten auch ohne die Staatssanierung längst nicht mehr rosig. Eine kleine Hoffnung gibt es aber.

Ziehen die USA schon wieder in den Krieg? Es scheint ganz so. Ein milliardenschweres Gesetzespaket, das mit Hochdruck durchgepaukt werden soll, ein Präsident, der plötzlich landesweit auf den Fernsehschirmen auftaucht, ein parteiübergreifender Krisengipfel - mancher in Washington fühlt sich da an die Zeit vor dem Irak-Angriff erinnert. Und hat nicht Investmentlegende Warren Buffett schon vor Jahren Massenvernichtungswaffen an der Wall Street ausgemacht?

Zwar gibt es nach dem Treffen gestern Nachmittag im Weißen Haus zwischen Republikanern und Demokraten erneut Unstimmigkeiten. Mit dem Fall der größten US-Sparkasse Washington Mutual  steigt jedoch erneut der Handlungsdruck. Für bis zu 700 Milliarden Dollar wollen George W. Bush, Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke angeschlagenen Banken marode Wertpapiere abkaufen. So sollen die Finanzmärkte wieder liquide und der drohende Sturz der US-Wirtschaft in eine massive Rezession verhindert werden.

Die Börsen freuen sich über diese Aussichten. Bei jeder guten Nachricht zum Rettungsplan reagieren sie mit Kursanstiegen. Vor einer Woche, als erste Gerüchte über den bevorstehenden staatlichen Eingriff aufgetaucht waren, hatte sich unter Aktionären sogar regelrechte Euphorie breitgemacht. Am Ende finsterer fünf Tage mit der Insolvenz von Lehman Brothers , der Verstaatlichung von AIG und dem Verkauf von Merrill Lynch  und HBOS  beendeten Dax , Dow Jones  und Co. ihre Talfahrt und schossen nach oben.

Aber ist die Freude auch begründet? Wäre das US-Programm tatsächlich geeignet, die Turbulenzen auf den Finanzmärkten dauerhaft zu beruhigen? Oder wird die Wirkung verpuffen, sehen wir in ein paar Monaten wieder Bankenpleiten, Börsencrashs und hektischen Betrieb bei Notenbankern und Politikern?

"Wenn die 700 Milliarden Dollar kommen, wovon auszugehen ist, dann werden die großen Volatilitäten wohl aus dem Markt verschwinden", meint Aktienstratege Markus Wallner von der Commerzbank . "Denn jeder weiß, dass es dann eine Art der Absicherung nach unten gibt." Kursstürze wie in der Lehman-AIG-Woche, als zwischenzeitlich der Kollaps des gesamten Finanzsystems eingepreist wurde, sollte es nach Ansicht des Experten daher kaum noch geben.

Der Teufel steckt aber wie so oft im Detail. Und noch sind die entscheidenden Punkte des US-Plans ungeklärt. Zwar hat Minister Paulson inzwischen signalisiert, dass Managergehälter bei Banken, die staatliche Gelder annehmen, begrenzt werden sollen. Auch die von Kritikern angemahnte Eigenkapitalbeteiligung des Staates an den betroffenen Instituten wird wohl eingebaut.

Weitere Abschreibungen drohen

Weitere Abschreibungen drohen

Offen sind aber nach wie vor die beiden wichtigsten Fragen: Welche Papiere will die Regierung kaufen? Und vor allem zu welchem Preis? "Ein umgekehrtes Auktionsverfahren etwa, das in Betracht gezogen wird, kann extrem niedrige Preise mit sich bringen", befürchtet Wallner. "Bei den Banken könnte das letztlich sogar noch weitere massive Abschreibungen erforderlich machen."

Ähnliche Skepsis herrscht auch andernorts. Zum Beispiel auf dem Kreditmarkt, dem eigentlichen Schauplatz der Finanzkrise. Ein Blick dorthin zeigt: Unter den Banken herrscht weiterhin erhebliches Misstrauen.

"Der Interbankenmarkt ist zurzeit praktisch außer Funktion", sagt Tim Brunne, Kreditstratege bei Unicredit . "Libor und Euribor befinden sich auf extrem hohem Niveau, die Geldspritzen der Notenbanken in den vergangenen Tagen waren bei hohen Zinssätzen deutlich überzeichnet." Im Klartext heißt das: Die Banken horten immer noch Geld, keiner traut dem anderen über den Weg. Auch die Aussicht auf das 700-Milliarden-Dollar-Paket sorgt nicht für Entspannung.

Ein ähnliches Bild bietet der Markt für Unternehmensanleihen. Sowohl in den USA als auch in Europa sind die Investoren trotz Bekanntgabe der Rettungspläne äußerst zurückhaltend. Am gesamten europäischen Anleihemarkt etwa hat es seit dem 9. September, als der niederländische Telekomkonzern KPN  850 Millionen Euro platzierte, keine erfolgreiche Emission mehr gegeben. Der Entertainment-Riese Vivendi  scheiterte kurze Zeit später. "Nach vielen Stunden Bookbuilding wurde die Emission abgebrochen", sagt Brunne. "Vivendi hätte einen Zins akzeptieren müssen, der 90 Basispunkte über dem normalerweise üblichen inklusive Risikoprämie liegt. Das war dem Konzern zu teuer."

Damit aber nicht genug: Nicht nur die Ungewissheit über das Rettungspaket und dessen exakte Ausgestaltung sorgt für Zurückhaltung. Viele Experten gehen vielmehr davon aus, dass sich die Konjunkturschwäche, die in den vergangenen Monaten schon eingesetzt hat, auch künftig fortsetzen wird - die 700-Milliarden-Spritze hin oder her.

Die Worte von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) in der gestrigen Haushaltsdebatte etwa gehen deutlich in diese Richtung. "Die Welt wird nicht wieder so werden wie vor der Krise", sagte Steinbrück. Ein Ende der Krise und deren langfristige Folgen seien noch nicht absehbar, die Menschen müssten sich auf niedrigere Wachstumsraten und einen raueren Wind auf dem Arbeitsmarkt einstellen. "Unsere Realwirtschaft wird in Mitleidenschaft gezogen", sagte der Minister.

Die Waffen können entschärft werden

Die Waffen können entschärft werden

"Das US-Rettungspaket ist eine Beruhigungspille, die lediglich dafür sorgt, dass sich die volkswirtschaftlichen Erwartungen stabilisieren", meint auch Jörg Hinze, Volkswirt beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. "Das heißt, dass es wohl nicht zum Abgleiten in eine ernste Rezession kommen wird. Die konjunkturelle Abkühlung der vergangenen Monate dürfte sich aber zunächst fortsetzen."

Keine guten Nachrichten für den Aktienmarkt also. Egal ob mit oder ohne US-Eingriff - den Unternehmen stehen schwierige Zeiten bevor. "Den einzigen Lichtblick bietet zurzeit die wieder leicht sinkende Inflation", meint auch Commerzbank-Experte Wallner. "Und es besteht Hoffnung auf eine Zinssenkung der EZB."

Die Skepsis bei der Commerzbank reicht sogar weit über 2008 hinaus. Für 2009 haben die Experten gerade ihre Gewinnerwartungen der Dax-Konzerne um 25 Prozent zurückgenommen. Für den Dax ist demnach vorläufig lediglich eine Seitwärtsbewegung zu erwarten.

Zumindest für die Amerikaner gibt es allerdings noch einen anderen Grund zur Zuversicht. Denn wenn die öffentliche Hand dort tatsächlich in den Besitz all der faulen Kredite gelangt, dann hat sie auch die Möglichkeit, deren Konditionen zu modifizieren. So könnten Tausende amerikanische Häuslebauer in die Lage versetzt werden, ihre Darlehen weiterzubedienen - anstatt sie, wie jetzt zu befürchten, verfallen zu lassen.

Auf diese Weise könnten Bush, Paulson und Bernanke die Massenvernichtungswaffen der Wall Street zumindest teilweise entschärfen und die Konjunkturaussichten der USA verbessern. Warren Buffett jedenfalls glaubt offenbar daran - sonst wäre er nach eigenem Bekunden in der vergangenen Woche nicht mit fünf Milliarden Dollar bei Goldman Sachs  eingestiegen.

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