Finanzkrise Banken reißen Unternehmen mit

Kapitalsuchende Unternehmen haben ein Problem. Bankenzusammenbrüche und nervöse Börsen verteuern die Emission von Anleihen in untragbare Höhen. Wer irgend kann, vermeidet die Geldaufnahme am Kapitalmarkt. Das gefährdet die Konjunktur, lockt aber auch mutige Investoren.
Von Grit Beecken

Hamburg/München - Hans-Peter Rupprecht klingt resigniert: "Ohne ein tragfähiges Bankensystem funktioniert die Wirtschaft nicht. Als Unternehmen brauchen wir jeden Tag Bankdienstleistungen - und wenn es 'nur' um die Durchführung des Zahlungsverkehrs geht", sagt der Leiter des Treasury von Siemens Financial Services. Ein wichtiger Teil dieses Bankensystem funktioniert derzeit nicht: Kapitalsuchende Unternehmen kommen nur schwer an frisches Geld.

Vor diesem Hintergrund verwundert Rupprechts ruhige Stimme. Auf Nachfrage räumt er dann auch ein, dass er sich schon ein wenig ärgere. Schließlich haben Kreditinstitute und Notenbanken eine Finanzkrise ausgelöst, unter der jetzt die Unternehmen leiden: Sie können sich nur gegen sehr hohe Risikoaufschläge am Kapitalmarkt refinanzieren. Denn nach den Zusammenbrüchen im Bankensektor und angesichts turbulenter Börsen verleihen viele Anleger ihre Gelder lieber an den Staat als an Unternehmen.

Wer dennoch Kapital braucht, muss es teuer bezahlen. Die Risikoaufschläge (siehe Infokasten), die Unternehmen für frisches Geld zahlen müssen, sind enorm. "Die eingepreisten Ausfallwahrscheinlichkeiten sind so hoch wie nie zuvor", sagt Uwe Burkert, der bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) das Credit Research leitet.

Unternehmen, die diese Aufschläge zahlen, beäugt der Markt kritisch: "Das kommt im Moment nicht gut an", sagt Burkert. Zeige doch die Bereitschaft, trotz hoher Risikoaufschläge Anleihen aufzulegen, wie sehr das Geld benötigt wird. Das schüre bei Anlegern Misstrauen.

Auch Siemens-Manager Rupprecht beobachtet die Emissionsscheu: "Wer nicht gezwungen ist, der wird momentan keinen Bond emittieren". Siemens  muss nicht: "Wir haben vorhergesehen, dass die Finanzkrise noch nicht annähernd vorbei ist". Daher habe Siemens im Mai und im Juni, als der Markt sich einigermaßen erholt hatte, diverse Refinanzierungsmassnahmen durchgeführt und im August nochmals leicht aufgestockt: "Insgesamt haben wir gut fünf Milliarden Euro an Bord genommen". Experten erwarten, dass Unternehmen künftig jede kurzfristige Stabilisierung des Marktes nutzen werden, um sich mit Kapital zu versorgen.

"Das Vertrauen ist raus"

"Das Vertrauen ist raus"

Die jüngste Emission einer Unternehmensanleihe erfolgte am 9. September. Der niederländische Kommunikationskonzern KPN  nahm 850 Millionen Euro auf und zahlte dafür eine Risikoprämie von 175 Basispunkten. Seitdem liegt der Markt brach. Der Entertainment-Riese Vivendi scheiterte bereits kurze Zeit später mit der Platzierung einer Anleihe.

"Nach dem Lehman-Sturz ist das Vertrauen aus dem System zunächst einmal raus", sagt Burkert. "In diesem Umfeld wollen die wenigsten Investoren zusätzliche Unternehmensrisiken übernehmen - es sei denn, sie können diese über einen längeren Zeitraum ohne Marktbewertung in ihrer Bilanz halten".

Das Vertrauen in dieses System wollen die USA mit einem 700-Milliarden-Rettungspaket wiederherstellen. Doch selbst wenn dieses im Kongress gescheiterte Paket in einem neuen Anlauf doch noch eine Mehrheit findet, könnte dies eine weitere Belastung für Unternehmen bedeuten. Denn für das geplante Bankenrettungspaket werden die USA Staatsanleihen begeben müssen.

Angesichts des erneuten Geldbedarfs und der bereits hohen Staatsverschuldung müssen sie voraussichtlich höhere Zinsen zahlen als bislang. Das dürfte die Lage für die Unternehmen verschärfen - sie müssen schließlich höhere Renditen liefern als der Staat. Verzichten Unternehmen auf Investitionen, würde dies die Konjunktur erst recht belasten und Arbeitsplätze gefährden.

Anleger hingegen können von den hohen Risikoaufschlägen profitieren. Entweder durch Direktkauf einzelner Anleihen oder durch Investments in einen Rentenfonds. Für den Kauf von Fondsanteilen spricht die Risikostreuung, die ein Fondsvermögen ermöglicht. Laut Experten deutet zudem einiges darauf hin, dass die Risikoaufschläge derzeit unbegründet hoch liegen.

Wie Anleger profitieren können

Wie Anleger profitieren können

"Ob die Höhe der Risikoaufschläge gerechtfertigt ist, wird sich in Zukunft zeigen", sagt Rupprecht. Derzeit könne man das noch nicht beurteilen. Aber: "Wir sind der Meinung, dass sie in der derzeitigen Höhe für die Bonität unseres Unternehmens nicht gerechtfertigt sind", moniert der Siemens-Manager und verweist auf das gute Unternehmensrating.

Und tatsächlich: "Mit den aktuellen Aufschlägen wird das Risiko den Investoren mehr als bezahlt", sagt auch LBBW-Analyst Burkert. Wenn sich die düsteren Erwartungen nicht erfüllen - die Unternehmen also solvent bleiben und die geliehene Summe zuzüglich der Zinsen zurückzahlen -, dann sei das Risiko für Anleger gut bezahlt. Demnach könne der Einstieg lohnen.

Dieser Einschätzung folgt Michael Mewes, Renten-Chef von JPMorgan Asset Management in Frankfurt: "Die Risikoaufschläge sind fundamental extrem attraktiv bewertet". Der Einstieg lohne sich jedoch nur für Anleger, die über ein Risikobudget verfügen und einen langen Atem haben. "Das wird eine Achterbahnfahrt werden - wenigstens bis zu dem Zeitpunkt, an dem das US-Rettungspaket doch noch verabschiedet wird. Von einer nachhaltigen Beruhigung sind wir noch weit entfernt", sagt Mewes.

Vermögensaufbau: Die Rückkehr der Anleihen

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