Investmentbanken Zurück auf null

Das US-Bankensystem hat sich selbst zur Strecke gebracht. Die verbliebenen großen Investmentbanken, Goldman Sachs und Morgan Stanley, flüchten im Sturm der Finanzkrise unter die Fittiche der Fed und firmieren nun als Geschäftsbanken. An die goldene Vergangenheit können die gefallenen Riesen so kaum anknüpfen.

Hamburg - Das Ende kam in der Nacht zum Montag und ziemlich unspektakulär daher. In einer dürren Pressemeldung (sechs Absätze, 31 Zeilen) teilte Goldman Sachs , die bisher mächtigste und schillerndste Investmentbank der Welt, mit, künftig als sogenannte "Bank holding" - also normale Geschäftsbank - firmieren zu wollen und sich der direkten Aufsicht der Notenbank Fed zu unterstellen.

Auch Konkurrent und Branchenzweiter Morgan Stanley  will sein traditionelles Geschäftsmodell ändern und sich künftig nicht mehr von der SEC, sondern der Fed in die Bücher schauen lassen und neuen Geschäftskunden öffnen. Das Geld soll verstärkt von Privatkunden und weniger über kurzfristige Anleihen kommen, wie sie zur Finanzierung der als Giftmüll bezeichneten kreditbesicherten Wertpapiere ausgegeben wurden.

Damit hat die Finanzkrise auch die letzten beiden großen unabhängigen US-Investmentbanken in die Knie gezwungen. Anfang des Jahres gab es noch fünf große, reine Investmentbanken, die auch für das Selbstverständnis der Wall Street als Mekka der freien Finanzströme standen. Zunächst musste sich Bear Stearns  mit Unterstützung der Notenbank in die Arme von J.P. Morgan flüchten, dann meldete Lehman Brothers  Insolvenz an, und Merrill Lynch  verkaufte sich selbst an die Bank of America.

Zwar müssen Goldman und Morgan im Gegensatz zu den kollabierten anderen großen "Broker Dealern", wie sie im US-Jargon heißen, nicht völlig aufgeben. Dennoch gestehen die Geldhäuser mit ihrem letztlich unfreiwilligen Wechsel des Geschäftsmodells ein, dass ihr Konzept der reinen Investmentbank zur Zeit schwer vermittelbar ist und sie nun unter anderen Bedingungen Geld verdienen müssen. Gleichzeitig ist das US-Bankensystem gescheitert, wie es 1933 als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise installierte wurde.

Damals hatten die Banken nach Ansicht der Politik mit den Einlagen der Sparer auf unverantwortliche Weise an der Börse spekuliert - mit der Folge, dass bei sinkenden Kursen nicht nur viele Banken, sondern auch Sparer mit leeren Händen dastanden. Mit dem so genannten Glass-Steagall-Act wollte der Kongress die Einlagen der Sparer sichern. Geschäftsbanken und Investmentbanken mussten in der Folgezeit unabhängig voneinander agieren.

Banken legen sich selbst an die Kette

Banken legen sich selbst an die Kette

Seit 1999 ist die Trennung im US-Bankensystem formal bereits wieder aufgehoben, doch faktisch bestand sie in weiten Teilen der Bankenlandschaft weiter. Und so sind sich in den vergangenen Jahren Investmentbanker und private Bankkunden wieder bedrohlich nahe gekommen. Die Banker verbrieften die Kredite von Hausbesitzern und Konsumenten wie Autokäufern und jagten sie durch die Kanäle des globalisierten Finanzsystems.

So entstand plötzlich eine neue Abhängigkeit. Die Investmentbanken stürzten in den Abwärtsstrudel der Immobilienkrise und litten darunter, dass beispielsweise die Hausbauer ihre Kredite wegen steigender Zinsen nicht abbezahlen konnten. Und den Hausbauern war der Ansprechpartner für ihre Kredite faktisch abhanden gekommen, weil der ihn im Paket weiterverkauft hatte.

"Nun zeigt sich endgültig, dass sich das Modell der reinen Investmentbank nicht durchgesetzt hat", sagt der Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance and Management, Martin Faust, gegenüber manager-magazin.de mit Blick auf die fatale Rolle der Investmentbanken in diesem System.

Immerhin hatten die Investmentbanken jahrelang Rekordgewinne mit den neuen Finanzderivaten verdient. Dabei setzten sie in einem Maße Fremdkapital ein, wie es bei Geschäftsbanken oder gar Sparkassen undenkbar wäre.

Damit ist jetzt Schluss, die Fremdkapitalquote soll der von Geschäftsbanken angepasst werden. Im Gegenzug bekommen die Ex-Investmentbanken Zugang zur Finanzierung über die Fed. Und sie haben mehr Spielraum bei der Bilanzierung: Anders als Investmentbanken kommen Geschäftsbanken um schmerzhafte Abschreibungen herum, wenn sie Posten als langfristige Investments kennzeichnen.

Doch verwandeln sich Goldman Sachs und Morgan Stanley von schillernden Investmentbanken wirklich in normale Geschäftsbanken? Mutieren die "Master of the Universe" bald zu biederen Bankbeamten mit Armschonern?

Die kleine Konkurrenz reibt die Hände

Die kleine Konkurrenz reibt die Hände

"Wir werden unser bewährtes Geschäftsmodell beibehalten", heißt es beschwichtigend bei Goldman Sachs in Frankfurt, "wir bleiben auch künftig eine Investmentbank". Goldman werde weiterhin etwa als Fusionsberater, Co-Investor oder Asset-Manager tätig sein, sich aber über die amerikanische Notenbank Fed, die das Zahlenwerk der Investmentbank künftig kontrollieren werde, besser refinanzieren können: "Daher begrüßen wir diesen Schritt."

Auch mancher Bankenexperte erwartet, dass Goldman sein Geschäftsmodell zunächst nur kosmetisch ändert und dabei bewusst auf die Freiheiten verzichtet, die die Bank als reines, nur von der Börsenaufsicht SEC kontrolliertes Investmenthaus hatte. "Sie wollen das Vertrauen zurückgewinne, indem sie zeigen, dass sie sich auch anderen Regeln unterwerfen können", sagt Faust. Vor allem solle der Schritt helfen das ramponierte Image der Investmentbanken aufzupolieren.

"Wir glauben, dass Goldman Sachs unter der Aufsicht der Fed als eine noch sicherere Institution mit einer außergewöhnlich sauberen Bilanz angesehen wird", sagte Bankchef Lloyd Blankfein. Kein Wunder, dass Goldman und Morgan nun zudem betonen, dass sie durchaus über Einlagen verfügen, die ihrem Geschäft die allseits geforderte Sicherheit verleihen.

Beide Banken sortieren sich neu. Unter dem Dach seiner Tochter GS Bank USA will Goldman Aktivitäten bündeln, die dem Modell einer Geschäftsbank bereits nahe kommen. Dazu gehören 20 Milliarden Dollar Einlagen von Kunden. "Wir wollen unsere Einlagenbasis mit Zukäufen und durch organisches Wachstum vergrößern", teilte die Bank mit.

Morgan Stanley will das Privatkundengeschäft stärken und "eine stabile Basis" von Einlagen aufbauen. Nach eigenen Angaben verfügt das Institut bereits über 36 Milliarden Dollar Einlagen.

Nach und nach übernehmen die verbliebenen US-Banken damit das europäische Modell, in dem Investmentbank und Geschäftsbank unter einem Dach agieren. Die exorbitanten Renditen der Jahre vor der Krise dürften damit nicht wiederkommen.

Manchem Branchenkenner wird angesichts der neuen Verflechtungen bei den US-Instituten dennoch mulmig. Die US-Bankenaufsicht müsse verhindern, dass riskante Geschäfte der Investmentabteilung die übrigen Aktivitäten der Banken nicht gefährden.

"Auch eine Universalbank ist kein Garant, dass es nicht zu weiteren Insolvenzen kommt", sagt Bankenexperte Faust. Letztlich könnten dieselben Gefahren heraufziehen wie nach der US-Bankenkrise 1932/33. "Natürlich wird das Risiko für Kundeneinlagen zunehmen", sagt auch Bernhard Herz, Finanzwissenschaftler an der Uni Bayreuth.

Aber auch ein anderes Szenario ist denkbar. "Es kann sein, dass in ein paar Jahren neue starke Investmentbanken entstehen, die neue Risiken aufbauen", sagt Faust. Die existieren möglicherweise schon heute und agieren als kleine "Boutiquen" wie Keefe, Bruyette & Woods oder Adams, Harkness & Hill. Weil die Großen jetzt allesamt am Ende sind, reibt sich mancher ihrer Chefs möglicherweise schon die Hände.

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