Kurse Die rätselhafte Rally der VW-Aktie

Die Aktie von Volkswagen kennt kein Halten mehr. Die vorläufige Bilanz weniger Handelstage: Knapp 44 Prozent plus und ein Rekordhoch von über 300 Euro. Kauft Porsche? Kauft VW-Chefkontrolleur Ferdinand Piëch? Oder sind Spekulanten am Werk? Vier denkbare Erklärungen.

Hamburg - Schon lange, so scheint es, spielt Volkswagen  in einer anderen Börsenliga. Und schon lange halten Experten die Kurse des Autobauers fundamental nicht für gerechtfertigt. Seit vergangenem Freitag aber - die zugespitzte Finanzkrise hatte den Dax zwischenzeitlich um rund 300 Punkte in die Tiefe gestürzt - katapultierte sich die VW-Aktie völlig rätselhaft in die Höhe. Während der deutsche Leitindex bis Donnerstag in der Asche sudelte, stieg Volkswagen wie Phoenix aus ihr hervor - knapp 44 Prozent Kurszuwachs gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag und ein Rekordhoch von 305,06 Euro schlugen bis dahin zu Buche.

Auf und davon: Die Volkswagen-Aktie hat in dieser Woche in der Spitze knapp 44 Prozent an Wert gewonnen.

Auf und davon: Die Volkswagen-Aktie hat in dieser Woche in der Spitze knapp 44 Prozent an Wert gewonnen.

Foto: [M] DPA; mm.de

"Das ist völlig absurd. Würden Sie für 288 Euro eine VW-Aktie kaufen? Ich jedenfalls nicht", kommentierte ein Marktteilnehmer die Kursrally gegenüber manager-magazin.de. Fundamental sei der Preis nicht zu rechtfertigen, hieß es erneut. Umso mehr mussten und müssen auch nach ersten Gewinnmitnahmen am Freitag Spekulationen als Erklärung herhalten.

Eine lautet so: Der Mutterkonzern Porsche  - seit Dienstag ist der viel größere Volkswagen-Konzern de facto eine Tochter der Porsche-Holding - wolle sich in dem zuspitzenden Machtkampf mit einer einfachen Mehrheit bei Volkswagen nicht mehr zufriedengeben und strebe zudem einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag an. Die Wolfsburger müssten dann nicht nur ihren Gewinn nach Stuttgart abliefern, sondern von dort auch die Befehle entgegennehmen. Porsche dementiert, spricht lediglich von einer "theoretischen Möglichkeit".

So theoretisch erscheint manchem Analysten dieses Ansinnen nicht. Es sei absehbar, dass Porsche sich nicht mit einer einfachen Mehrheit bei Volkswagen  begnügen werde. "Porsche will den Durchgriff auf den ganzen Konzern, den Griff in die VW-Kasse, den Einfluss auf Forschung und Technik - natürlich wollen sie das", ist Analyst Frank Schwope von der NordLB überzeugt.

Das Problem: Porsche hat zwar zuletzt seinen VW-Anteil offiziell auf 35,14 Prozent aufgestockt und damit Volkswagen nach dem Wertpapierübernahmegesetz faktisch zur Tochter degradiert. Für eine völlige Beherrschung des VW-Konzerns benötigten die Stuttgarter aber mindestens 80 Prozent der Stimmrechte. Denn das umstrittene VW-Gesetz und die VW-Satzung, räumen dem staatlichen VW-Großaktionär Niedersachsen ein Vetorecht ein. Solange das Land Niedersachsen sich aber nicht von seinem 20-Prozent-Anteil trennt, "ist diese Perspektive völlig hinfällig", sagt Analyst Arndt Ellinghorst von Credit Suisse. Gleichwohl: Die VW-Aktie steigt, springt im Donnerstagshandel über die 300-Euro-Marke und steht nach Gewinnmitnahmen am Freitag immer noch bei stolzen 285 Euro.

Porsche oder Piëch am Werk?

Porsche oder Piëch am Werk?

Der zweite Erklärungsversuch lautet: Porsche selbst erwerbe am Markt VW-Anteile, um seine Position auszubauen. Strategisch mache das wenig Sinn, denn faktisch hätten die Stuttgarter bereits jetzt die Kontrolle über Volkswagen, und bei den derzeitigen Kursen wäre dies ein äußerst teures Unterfangen, sagen die Experten.

Analysten bezweifeln deshalb, dass Porsche auf diesem Niveau zukauft, um Volkswagen letztlich ganz zu dominieren. Schließlich sei noch unklar, ob und wann das VW-Gesetz gekippt oder verändert werde. Wollte Porsche die restlich benötigten Stamm- und Vorzugsaktien einsammeln, müssten sie den Aktionären ein Angebot etwa in Höhe von 50 Milliarden Euro unterbreiten, hat Ellinghorst errechnet. "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie das finanzieren wollen." Porsche selbst dementiert am Donnerstag mögliche Zukäufe: "Wir sind nicht am Markt aktiv", sagt ein Sprecher des Stuttgarter Sportwagenbauers.

Will Piëch dem Fall des VW-Gesetzes zuvorkommen?

Folgt der dritte Erklärungsversuch: VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch kaufe am Markt auf eigene Rechnung Aktien des Wolfsburger Autobauers auf, um dem Fall des VW-Gesetzes vorzugreifen und gemeinsam mit dem vom Land Niedersachsen gehaltenen Anteilen die dann sehr wahrscheinlich gültige Sperrminorität von 25 Prozent zu erreichen, sollte das Gesetz null und nichtig werden. Piëch müsste dann 5 Prozent der VW-Aktien erwerben und dafür umgerechnet mindestens 3,6 Milliarden Euro berappen.

"Piëch ist extrem vermögend. Und das benötigte Geld könnte er wohl auftreiben", meint Ellinghorst, der diese Variante nicht völlig ausschließt. Mittlerweile werde der Machtkampf zwischen Porsche und Volkswagen mit allen Mitteln ausgefochten. Auch Eitelkeit und verletzter Stolz könnten Entscheidungen beeinflussen, bei denen ökonomische Erwägungen dann in den Hintergrund treten würden. Sein Kollege von der NordLB hält dieses Gerücht dagegen für wenig stichhaltig: "Das hätte Piëch auch schon vor zwei Jahren tun können und vor allem billiger."

Wie verbissen mittlerweile der Machtkampf zwischen den ungleichen Autobauern geführt wird, zeigt ein von VW erarbeitetes Rechtsgutachten, demzufolge es auch nach einer Mehrheitsübernahme durch Porsche "keinerlei allgemeine Pflicht" zur Weitergabe vertraulicher Informationen gebe. Ein Sprecher von VW bestätigte gegenüber dem "Handelsblatt", dass es dieses Gutachten gebe. Er dementierte aber, dass es sich um einen verbindlichen Kodex für Manager handeln soll.

Oder doch die Spekulanten?

Oder doch die Spekulanten?

Bleibt ein vierter Erklärungsversuch: Papiere von Volkswagen steigen deshalb so stark, weil sogenannte Leerverkäufe der VW-Aktie wieder eingedeckt werden müssen - Short Covering nennt das der Experte. Dabei könnte die insolvente US-Investmentbank Lehman Brothers eine Rolle spielen. Sie soll Vertragspartner von diesen Aktienleihgeschäften mit Volkswagen-Titeln gewesen sein.

Bereits am Vortag erklärten Händler den Kursanstieg mit gekündigten Aktienleihen zu Volkswagen-Papieren, an denen die US-Bank beteiligt gewesen sein soll. Die Entleiher hätten die geliehenen Aktien inzwischen am Markt verkauft und seien jetzt zum Rückkauf gezwungen. Dieses Short Covering sorge für starken Kaufdruck am Markt.

"Das könnte ein Grund sein", sagt Ellinghorst von Credit Suisse. Es sei aber auch möglich, dass Hedgefonds Aktien an Lehman verliehen haben, jetzt aber befürchten, dass sie die Papiere von der insolventen Bank nicht mehr zurückbekommen und nun selbst die Aktien zurückkauften, um ihre Short-Positionen zu schließen. "Es gibt einfach sehr viele technische Einflüsse, die die Volkswagen-Aktie derzeit treiben könnten", sagt der Experte.

Analyst Schwope von der NordLB hält diese Geschäfte noch für die wahrscheinlichste Erklärung des fulminanten Kursanstiegs, räumt aber andererseits ein: "Wir können nur spekulieren. Die genauen Gründe kennen wir nicht."

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