Shortseller Die Nackten und die Toten

Sie schreiben Gewinn, doch die Aktien stürzen ab. Die US-Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs sehen sich von Spekulanten umzingelt, die auf den Niedergang der Geldhäuser wetten. Die Bankherren wittern Leerverkäufer am Werk, die schon so manches Unternehmen erlegt haben.

Hamburg - Leerverkäufe sind ein Werk des Teufels. Eine Geschichte vom 11. September 2001 belegt diese Sichtweise. Als damals vier Verkehrsflugzeuge von Al Qaida als fliegende Bomben missbraucht wurden und die Zerstörung des New Yorker World Trade Centers ein Fanal des Terrors setzte, sollen die islamistischen Drahtzieher nebenbei noch Geld verdient haben.

Schließlich wussten sie ja, dass Aktien von Airlines und Rückversicherern sowie von den Banken, die im World Trade Center residierten, nach den Anschlägen im Wert fallen würden. Mit diesem Wissen könnte jeder leicht Gewinne einstreichen, durch die Preisdifferenz dieser Papiere vor und nach den Terroranschlägen. Tatsächlich wurde an den Finanzmärkten in jenen Tagen eine höhere Aktivität bei Leerverkäufen und Optionsgeschäften verzeichnet.

Allerdings litten die Märkte vorher schon unter Rezessionsängsten. Ob die US-Behörden die These von den satanischen Geschäften der Gotteskrieger beweisen konnten, ist nicht überliefert. Vielleicht ist sie auch bloß eines der zahllosen Gerüchte, die nach dem 11. September kursierten.

Terroristenführer Osama bin Laden ist damit aber der bekannteste Investor, der in der jüngeren Vergangenheit als sogenannter Leerverkäufer verdächtigt wurde. Heute, in den Tagen der schlimmsten Finanzkrise seit Jahrzehnten, gerät die Spezies der Shortseller erneut ungewollt in den Blickpunkt einer breiten Öffentlichkeit.

Lehman Brothers , Merrill Lynch  und nun auch Morgan Stanley  - eine Traditionsbank nach der anderen gerät an der Wall Street ins Wanken. Die Leerverkäufer stehen im Verdacht, daran eine erhebliche Mitschuld zu tragen.

"Wir stecken mitten in einem Markt, der von Angst und Gerüchten geprägt ist", beschwerte sich jetzt Morgan-Stanley-Boss John Mack. Die Aktien seines Hauses waren am Mittwoch um 24 Prozent eingebrochen, obwohl es kurz zuvor noch einen Gewinn gemeldet hatte, der nur geringfügig zurückgegangen war - und das in Zeiten, in denen andere Investmentbanken wie Lehman Brothers kollabieren. Auch die Aktien des Branchenprimus Goldman Sachs  gerieten trotz schwarzer Zahlen zuletzt immer wieder unter Druck.

Morgan Stanley wittert Verschwörung

Morgan Stanley wittert Verschwörung

"Investoren, die mit ungedeckten Leerverkäufen auf Kursverluste setzen, treiben derzeit unsere Aktien herunter", ist Morgan-Stanley-Vormann Mack sich sicher. Ob er recht hat, weiß niemand genau. Aber das ist nicht weiter verwunderlich, denn es liegt in der Natur der Leerverkäufer, im Verborgenen zu agieren.

Leerverkäufe kennt man seit Jahrhunderten. In ihrer legalen Form sind sie wenig umstritten. Das Prinzip: Ein Händler rechnet damit, dass eine bestimmte Aktie bald deutlich an Wert verlieren wird. Um von dieser Entwicklung zu profitieren, leiht er sich Aktien des Unternehmens gegen Gebühr und verspricht, sie zum vereinbarten Zeitpunkt zurückzugeben.

Sofort nach dem Leihgeschäft wirft der Händler die Papiere auf den Markt. Noch bekommt er ja einen vernünftigen Preis dafür. Später, wenn er sie zurückgeben muss, kauft der Händler neue Aktien, die - wenn es in seinem Sinn gelaufen ist - nun deutlich billiger sind. Dann gibt er sie dem Entleihenden zurück. Letztlich hat er also Aktien zum niedrigen Preis gekauft und zum hohen Preis verkauft - wenn auch in umgekehrter Reihenfolge.

Das Ganze ist so weit rechtlich in Ordnung. Problematisch wird es, wenn der Händler nur vorgibt, sich Aktien geliehen zu haben, es tatsächlich aber nicht getan hat. Trotzdem bietet er eine Art Ersatzpapiere auf dem Markt an - er könnte sich die Aktien ja theoretisch immer noch hinterher tatsächlich leihen. Aber eigentlich steht er ohne Werte da und agiert als "naked short seller", wie die Amerikaner sagen.

Auf diese Weise kann an den Märkten ein Überangebot an Verkaufsangeboten für vermeintliche Werte entstehen. Ihr Preis fällt daraufhin, und das Spekulationsgeschäft hat sich in jedem Fall gelohnt. Zudem entfallen die Leihgebühren. "Die ständig neuen Gerüchte helfen zusätzlich dabei, dass diese Spekulationen aufgehen", sagt Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz gegenüber manager-magazin.de.

Dennoch, die britische Finanzaufsicht FSA wehrte sich lange dagegen, solchen Spekulationen Einhalt zu gebieten. Wozu ausgerechnet jenen raffinierten Händlern auf die Finger klopfen, die doch so viel zum prächtigen Gedeihen des Finanzstandorts London beigetragen haben?

Als der Druck zu groß wurde

Als der Druck zu groß wurde

In den vergangenen Jahren stöhnten jedoch britische Großbanken vermehrt über Spekulationen, die jedes Mal dann auftraten, wenn sie eine Kapitalerhöhung anmeldeten. Dabei standen stets kurzfristige Geschäfte im Vordergrund. Prominent wurde schließlich das Beispiel von Northern Rock .

Die Bank hatte sich in der US-Immobilienkrise verzockt. Doch ihr Absturz geriet viel dramatischer als erwartet: Leerverkäufe entwerteten die Aktie zusätzlich. Schließlich wurde das gesamte Institut verstaatlicht.

Der Fall Northern Rock brachte die FSA dazu, ihre Haltung zu überdenken. Zu groß war der öffentliche Druck: Die Fotos von Kundenschlangen vor den Bankfilialen, die Geschichten verzweifelter Sparer, die um ihr Hab und Gut fürchteten - es musste etwas getan werden.

Im Juni schließlich rang man sich zu einer verschärften Meldepflicht durch: Short-Positionen müssen bereits ab einem Anteil von 0,25 Prozent am Aktienkapital eines Unternehmens publiziert werden, während die gängigen Beteiligungen - sogenannte Long-Positionen - erst ab 3 Prozent Beteiligungshöhe gemeldet werden müssen.

Wenig überraschend häufte sich die Kritik der Hedgefonds. Allerdings zeigte das Experiment schnell die gewünschte Wirkung. Direkt nach der Ankündigung des neuen FSA-Reglements nahmen die spekulativen Attacken auf eine andere Krisenbank, die HBOS , ab. Der Kurs erholte sich unerwartet - eine andere Erklärung als den Abzug von Leerverkäufern haben die Analysten nicht.

Dass die Bank inzwischen doch ihre Selbstständigkeit verloren hat und von Lloyds TSB  übernommen wird, entbehrt nicht einer bitteren Ironie. Doch es ist weitgehend unbestritten, dass die HBOS ihre Krise zum größten Teil selbst verschuldet hat.

Die SEC zieht die Reißleine

Die SEC zieht die Reißleine

Auch in den USA ist die Börsenaufsicht SEC seit diesem Sommer alarmiert. Zuvor waren ungedeckte Shorttrades weit weniger reguliert als etwa in Deutschland - hierzulande verbietet sie das Börsenrecht.

Zunächst unterwarf die SEC im Juli 19 Finanzwerte für eine Testphase strikteren Regeln: Händler müssen nun nachweisen, dass sie tatsächlich im Besitz der leerverkauften Aktien gewesen sind - damit wurde Naked Shortselling unmöglich.

Nun, da sich die Lage dramatisch verschärft, hat die SEC diese Regel auf alle Aktien ausgedehnt. Auch Leerverkäufern, die nicht "nackt" sind, wird so das Handeln schwer gemacht. "Die SEC hat schließlich folgerichtig gehandelt", sagt Heise. Die USA befinde sich in einer Ausnahmesituation. "Ich hatte gehofft, dass die Fed wenigstens das am Wochenende hinbekommt", kommentiert dagegen ein Beobachter der Finanzszene in einem Blog sarkastisch. "War aber wohl nix und für Lehman kam's zu spät."

Der Washingtoner Ökonom Dean Baker kritisiert den Schlag gegen die Spekulanten. Schließlich könnten sie, ungeachtet ihrer Motive, der Wirtschaft einen großen Dienst erweisen. "Wir haben ganz klar ein Problem mit Finanzblasen", so Baker. "Und eine Kraft, um das zu korrigieren, könnten Shortseller sein."

Amerika stünde seiner Meinung nach besser da, hätten Leerverkäufer rechtzeitig die Aktienkurse von Citigroup , Merrill Lynch  und Co. zum Fallen gebracht und sie so daran gehindert, die Immobilienblase weiter aufzupusten. Mitleid habe er trotzdem nicht mit den Short-Händlern, sagt Baker. "Sie spekulieren und sollten die Risiken kennen."

Selbst mit den neuen Regeln kann ein Shorttrader noch immer Einfluss auf die Entwicklung seines Geschäfts nehmen, indem er Gerüchte streut. Diese Kursmanipulationen - im Fachenglisch: bad mouthing - sind natürlich illegal, aber schwer nachzuweisen.

Versuchen sollte man den Nachweis trotzdem, findet die SEC. Beispielsweise hat sie eine Voruntersuchung eingeleitet, weil der Kurs der Fluglinie United Airlines am Montag um 75 Prozent eingebrochen ist. Auslöser dafür war ein Zeitungsbericht, das Unternehmen stehe vor der Zahlungsunfähigkeit.

Dumm nur: Der Bericht war sechs Jahre alt. Aus Gründen, die sich wohl nur den Algorithmen der Suchmaschine Google erschließen, tauchte er trotzdem in den elektronisch generierten Google-News auf und fand von dort seinen Weg in die aktuelle Berichterstattung der Nachrichtenagenturen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese merkwürdige Rückkehr einer untoten Nachricht nie aufgeklärt wird. Ein Leerverkäufer von United-Airlines-Aktien hätte aber seine helle Freude daran gehabt. Aber das ist wahrscheinlich nur ein Gerücht.

Finanzkrise: Was können wir noch glauben?

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