Strommonopoly Nur die Großen überleben den Preiskampf

Der freie Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt geht ins zweite Jahr. Noch freuen sich die Verbraucher über sinkende Preise. Aber diese werden nicht uferlos sinken.

Düsseldorf - Zum Start des neuen Jahrhunderts wird, so lauten die Prognosen, der Preisverfall weitergehen. Und genauso sicher ist, dass den Preiskampf nur die Großen überstehen. Deshalb wird die Fusionswelle in Deutschland abebben, aber nicht aufhören. Das zahlenmäßig größte Übernahmeopfer stellen die 900 Stadtwerke dar. In vielen Vorstandsbüros zwischen Flensburg und Dresden hält man Ausschau nach einem Retter.

Einer dieser "Samariter" könnte die finnische Fortum Power and Heat Oy aus Helsinki sein, die nach der Übernahme der Elektrizitätswerke Wesertal GmbH nun die Elektrizitätswerke Minden-Ravensburg GmbH, Herford, schluckte. Als Kaufpreis seien wieder 800 Millionen Mark geflossen. Noch ist die Kriegskasse der Finnen gut gefüllt. Nächstes Opfer könnten, so die Auguren, die Stadtwerke Bielefeld sein. Die Vattenfall AB, Stockholm, kümmert sich um größere Fische und kaufte im November den 25,1 Prozent-Anteil des Senats an der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG (HEW) für 1,7 Milliarden Mark. Auch die Schweden versichern, das war nicht der letzte Streich.

Gerd Landsberg, Geschäftsführendes Präsidialmitglied beim Deutschen Städte- und Gemeindebund, fürchtet im Verein mit der Energiegewerkschaft Öffentliche Dienste Transport und Verkehr (ÖTV), dass keine 100 Stadtwerke überleben. Damit seien bis zu 40.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze gefährdet. Und so treten einige Stadtwerke die Flucht nach vorne an, wie etwa die Stadtwerke in Düsseldorf. Die Landeshauptstädter, die eh schon preisgünstig Strom, Gas und Wasser anbieten, wollen mit fünf Stadtwerken aus dem Umkreis den Großen trotzen.

Neben den aggressiv auftretenen Skandinaviern bleibt die große Unbekannte im deutschen Strommonopoly Electricite de France (EDF), Paris. Ob der Übernahmehunger des größten Stromkonzerns in Europa mit dem 34-Prozent-Anteil an der Energie Baden-Württemberg (EnBW), Karlsruhe, vorerst gestillt ist, weiß niemand. Ähnliches läßt sich auch für die deutsche Nummer 1, die Essener RWE AG, nach der Übernahme der Dortmunder VEW AG vermuten. So macht es Sinn, dass beispielsweise der scheidende Präsident des Bundeskartellamts, Dieter Wolf, kurz- bis mittelfristig nur noch vier bis fünf große Anbieter sieht.

Zum Club der großen deutschen "Vier bis Fünf" könnten neben der RWE/VEW und der fusionierten Veba-Viag-Töchter, PreussenElektra und Bayernwerk, noch die HEW und die Gruppe um die Berliner Bewag AG sowie die Karlsruher EnBW zählen. Offene Flanke ist dabei die starke Verflechtung aller großen Versorger bei der ostdeutschen Veag AG. Hier hat das Bonner Bundeskartellamt in den vergangenen Wochen wiederholt Klärungsbedarf angemahnt. Die Wettbewerbshüter werden mit Argusaugen darauf achten, dass beim finanzklammen ostdeutschen Braunkohleverstromer klare, entflochtene Besitzverhältnisse einkehren.

Im neu formierten deutschen Strommarkt werden die Preise aber nicht uferlos sinken. Fachleute wie der Präsident der Vereinigung der Deutschen Elektrizitäztswerke, Heinz Klinger, sehen das Ende der Tariffahnenstange im Privatkundenmarkt erreicht. Seit April 1998, dem Beginn der Liberalisierung, habe die Stromwirtschaft den Haushalten Preisnachlässe von 20 Milliarden Mark eingeräumt. Zwölf Prozent der Kunden sind, das belegen Studien, wechselwillig, aber nur ein Prozent hat aber auch tatsächlich den Versorger gewechselt. Diese schwach ausgeprägte Wechselbereitschaft spürt auch der Marktführer RWE und deshalb scheinen, so wird gemunkelt, die Tage der Privatstromoffensive Avanza gezählt.

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