Telekommunikation Fusionskarussell dreht sich immer schneller

Wenn das Jahr 1999 in wenigen Tagen zu Ende geht, wird die Telekom-Branche auf die rasantesten zwölf Monate ihrer Geschichte zurückblicken. Nach zahlreichen Fusionen, Kooperationen und Akquisitionen ist nichts mehr so wie zu Jahresbeginn.

Frankfurt am Main - In den USA schlossen sich die großen Anbieter zu immer schlagkräftigeren Einheiten zusammen, Bündnisse und Deregulierung bescherten den Verbrauchern weltweit immer günstigere Tarife. "Konzentration" hieß das Zauberwort, dem sich kein Unternehmen verschließen konnte.

Erfolgreich und weitgehend friedlich schlossen sich im ausgehenden Jahr einige der wichtigsten US-Unternehmen zusammen oder erhielten die Kartell-Genehmigung für ihre Fusion: AT&T und MediaOne (Volumen: 63 Milliarden Dollar), die britische Vodafone und AirTouch (65 Milliarden Dollar), erneut AT&T und Tele-Communications (69 MilliardenDollar), Bell Atlantic und GTE (71 Milliarden Dollar) sowie SBC Communications und Ameritech (72 Milliarden Dollar). An die Spitze dieser "Mega-Merger" setzte sich MCI WorldCom durch die Übernahme von Sprint. Hier lag der Fusionswert mit 129 Milliarden Dollar erstmals im dreistelligen Milliarden-Bereich. Bemerkenswert: Sechs der zehn größten Fusionsvorhaben aller Zeiten waren Zusammenschlüsse im Bereich Telekommunikation.

Das "Millenniumsjahr" wartete aber auch mit Enttäuschungen auf - die Deutsche Telekom und ihr Chef Ron Sommer können ein Lied davon singen. "Pronto, Ron Sommer!", titelte das Nachrichtenmagazin "Focus" im April, nachdem Sommer freudestrahlend die Fusion mit der Telecom Italia verkündete. Beeilen sollte sich der als "weißer Ritter" gefeierte Bonner Konzernlenker, um die TI nicht wieder an den hungrigen Konkurrenten Olivetti zu verlieren.

Genau so aber kam es. Olivetti kratzte alle Lire zusammen und schluckte die mehr als sechs Mal so umsatzstarke TI für rund 60 Milliarden Mark. der deutsche Telekom-Hauptkonkurrent Mannesmann sicherte sich unterdessen die Kontrolle über die Festnetzgesellschaft Infostrada und den lukrativen Mobilfunker Omnitel, die Olivetti abgeben musste.

Über den gescheiterten Deal mit Rom verkrachte sich Sommer dann auch noch mit seinem langjährigen Bündnispartner Michel Bon von der France Telecom. Beiden sind Minderheitspartner beim Firmenkunden-Joint Venture Global One sowie der italienischen Mobilfunkgesellschaft Wind. Dafür kauften die Bonner für etwa 20 Milliarden Mark den viertgrößten britischen Mobilfunker One2One. Mannesmann musste für die Nummer drei, die Orange Plc, schon 60 Milliarden Mark hinblättern.

Mit ganz anderen Problem hatte die weltweit umsatzstärkste Telefongesellschaft, Japans NTT kämpfen. Sie strich 21.000 Arbeitsplätze, immerhin 16 Prozent der Belegschaft. Als Übernahmekandidat kam die NTT 1999 nicht in Frage.

Auch Kurioses hatte die Branche zu bieten. So mussten die norwegische Telenor und Telia aus Schweden ihren Zusammenschluss zum immerhin sechstgrößten Telekom-Anbieter Europas nach monatelangen Zänkereien wieder zu Grabe tragen. Zunächst hatten verbale Ausrutscher für Unterhaltung gesorgt. So beschimpfte Schwedens Industrieminister Björn Rosengren das Nachbarland als "letzte der Sowjet-Republiken". Telenor-Chef Tormod Hermansen hatte seine Nerven nicht im Griff, als er einem Radio-Reporter einen Fußtritt versetzte. Er habe den Journalisten mit einem Drogenabhängigen und dessen Mikrofon mit einem Messer verwechselt, begründete Hermansen seinen "Ausrutscher".

Norwegens König Harald versuchte, die nationalistische Haltung seiner Landsleute mit Minderwertigkeitskomplexen nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft durch Dänen und Schweden zu erklären. Letztlich platzte die Fusion, da sich die Nachbarn nicht auf den Standort der Mobilfunksparte einigen konnten.

Das Vokabular in der Branche wird dabei immer martialischer: War anfangs noch von "Elefanten-Hochzeit" oder "Groß-Fusion" die Rede, wenn zwei Unternehmen zusammenkamen, sind nun immer öfter Begriffe wie "Übernahmewelle", "Übernahmekrieg" und "Übernahmekampf" oder auch "Megafusion", "Mammutfusion" und "Mobilfunkschlacht" zu lesen, wenn die Dimensionen begreifbar gemacht werden sollen. Auch die Börse spiegelt die Branchendynamik wider. So verdrängte die finnische Nokia den Ölkonzern BP Amoco im Dezember als teuerstes Unternehmen Europas von Platz eins. Bei einem Kurs von 167,10 Euro lag Nokias Marktkapitalisierung am 23. Dezember bei gut 206 Milliarden Euro. Zu Jahresbeginn hatten die Titel noch 55,63 Euro gekostet.

Am heißesten Eisen wird unterdessen noch geschmiedet. Sollte Vodafone AirTouch die traditionsreiche Düsseldorfer Mannesmann AG schlucken, wäre dies mit mindestens 250 Milliarden Mark nicht nur die größte Firmenübernahme der Industriegeschichte, sondern auch die erste feindliche Übernahme eines deutschen Unternehmens durch einen ausländischen Konkurrenten. Zudem würde dann drei der vier deutschen Mobilfunkanbieter von ausländischen Unternehmen kontrolliert: Mannesmanns D2-Netz von der britischen Vodafone, E-Plus seit kurzem von der niederländischen KPN und Viag InterKom demnächst wahrscheinlich von der British Telecom. Einzig das D1-Netz der Telekom wäre noch in deutscher Hand - was angesichts des sich immer schneller drehenden Fusionskarussels nicht unbedingt so bleiben muss.

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