Banken in Not "Tiefe Wirtschaftskrise droht"

Die Investmentbank Lehman Brothers in Not, die Hypothekenriesen Fannie und Freddie unter Zwangsverwaltung: Die Finanzkrise hat eine neue Dimension erreicht. Volkswirt Martin Hellwig erklärt im Interview, warum das Risikomanagement der Banken versagen musste - und was passieren wird, wenn die US-Häuserpreise weiter fallen.

mm.de: Professor Hellwig, die durch faule US-Hypotheken ausgelöste Finanzkrise kann nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds IWF für einen Gesamtschaden von bis zu 960 Milliarden Dollar sorgen. Nun hat die US-Regierung die weltgrößten Hypothekenfinanzierer Fannie Mae  und Freddie Mac  unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt. Schlittern wir in eine jahrelange Rezession, weil internationale Großbanken auf der Jagd nach immer höheren Renditen das Risiko aus dem Blick verloren haben?

Hellwig: Ich wäre vorsichtig, die Schuld allein bei einzelnen Akteuren des Bankensektors zu suchen. Selbst der IWF ging noch im April 2007 in seinem 'Global Financial Stability Report' davon aus, dass die Hypothekenkrise in den USA kein größeres Risiko für das Finanzsystem darstelle. Er bezog sich auf Stress Tests, bei denen selbst im Worst-Case-Szenario nur ein geringer Anteil der Mortgage Backed Securities (MBS) betroffen sein würde. Selbst im schlimmsten der betrachteten Fälle, einem jährlichen Absinken der amerikanischen Häuserpreise von 12 Prozent über fünf Jahre hinweg, sollte es danach bei Anleihen bester Bonität zu keinen Ausfällen kommen. Das waren 85 Prozent der Anleihen. Verkürzt kann man sagen: Die Fehler, die Großbanken wie die UBS , die Citigroup  oder die Deutsche Bank  gemacht haben, hat auch der Internationale Währungsfonds gemacht, ebenso wie viele Bankaufseher.

mm.de: Wie konnte es zu dieser allgemeinen Fehleinschätzung kommen?

Hellwig: Alle gängigen Risikomodelle waren nicht in der Lage, bestimmte systemische Risiken korrekt abzubilden. Das gilt insbesondere für die Risiken, die dadurch entstanden, dass viele der Mortgage Backed Securities bei Institutionen wie den Special Investment Vehicles (SIV) gehalten wurden, bei denen etwa die Sächsische Landesbank oder die IKB  engagiert waren. Die Risikokontrolle hat versagt, weil sie sich auf Risikomodelle verließ, die gar nicht funktionieren konnten.

mm.de: Was ist schiefgelaufen? Was hat die Modelle gesprengt?

Hellwig: Die SIVs betrieben in großem Maße Fristentransformation. Die damit verbundenen systemischen Risiken waren in den Risikomodellen der Banken nicht berücksichtigt, weil das Ausmaß der Fristentransformation gar nicht bekannt war. Ein großer Teil der Mortgage Backed Securities mit langer Laufzeit wurden nicht von Pensionsfonds oder Lebensversicherern, also Anlegern mit langem Zeithorizont gehalten, sondern landeten bei den SIVs, die sich durch Ausgabe kurzfristiger Titel auf dem Markt für Commercial Paper refinanzierten.

mm.de: Diese Art der Refinanzierung funktionierte nicht lange.

Hellwig: Als Zweifel an der Qualität der Mortgage Backed Securities aufkamen, bekamen die Anleger im Markt für Commercial Papers Zweifel an der Bonität der SIVs und waren nicht mehr bereit, diese zu refinanzieren. Zwar hatten die jeweiligen Sponsoren, zum Beispiel Sächsische Landesbank und IKB, für diesen Fall zugesagt, dass sie die Liquidität der betreffenden SIVs sicherstellen würden. Doch gingen diese Zusagen weit über das hinaus, was sie tatsächlich leisten konnten. Die Liquiditätszusagen überstiegen ihr Eigenkapital um ein Vielfaches.

mm.de: Und dann kollabierte der Markt.

Hellwig: Mit dem Zusammenbruch der SIVs geriet der Markt für Mortgage Backed Securities selbst noch weiter unter Druck. Es gab plötzlich einen Überhang an diesen Papieren. Gleichzeitig setzte sich bei den Investoren die Erkenntnis durch, dass die MBS doch erheblich riskanter sind als gedacht. Die Risikoprämien schossen in die Höhe, und die Marktwerte der MBS fielen in den Keller - wenn es denn überhaupt noch Märkte dafür gab.

"15 bis 60 Prozent Verlustquote"

mm.de: Der IWF hat die möglichen Verluste allein bei Hypotheken auf US-Wohnimmobilien inzwischen auf 540 Milliarden Dollar geschätzt. Wie kommt es zu dieser gewaltigen Summe? Der gesamte Subprime-Markt in den USA, also der Hypothekenmarkt für Schuldner mit geringer Bonität, ist rund 1000 Milliarden Dollar schwer.

Hellwig: Die Schätzung von 540 Milliarden Dollar Verlusten bei Hypotheken auf US-Wohnimmobilien gründen sich nicht auf tatsächliche Zahlungsausfälle und Insolvenzen, sondern auf die Kursverluste dieser Papiere im Markt. Nur die Verlustschätzungen bei nicht sekuritisierten Hypotheken, das sind etwa 90 Milliarden Dollar und 15 Prozent der ausstehenden Forderungen, entsprechen Verlusten durch Zahlungsausfälle und Insolvenzen. Die Verlustschätzung bei sekuritisierten Hypotheken, das sind 450 Milliarden Dollar, 30 bis 60 Prozent der ausstehenden Forderungen, ergeben sich aus den bisher beobachteten oder vermuteten Kursverlusten.

mm.de: Das System der Sekuritisierung, also der Verbriefung von Forderungen, steht seitdem in der Kritik. Kredite wurden weitergereicht, und am Ende wusste niemand mehr, wo das Risiko eigentlich noch steckt.

Hellwig: Die Differenz zwischen 90 und 540 Milliarden Dollar, also zwischen 15 und 30 bis 60 Prozent Verlustquote, ist ein Indiz für den Zusammenbruch der Märkte in der Krise. Natürlich kann man vermuten, dass bei sekuritisierten Hypotheken aufgrund des größeren "moral hazard" der Kreditvergabe die Qualität der Hypotheken schlechter ist. Darüber hinaus wirkt sich aber auch die Belastung der Märkte durch die Fristentransformation und den stetigen Refinanzierungsbedarf der SIVs aus.

Die daran beteiligten Banken haben das Finanzsystem insgesamt auf unverantwortliche Weise gefährdet. Dadurch, dass sie die Risiken aus ihren Bilanzen auslagerten, haben sie auch dafür gesorgt, dass niemand das Ausmaß dieser Gefährdung kannte. Das wurde erst im Juli und August 2007 erkannt. Vorher sorgte man sich vor allem über Hedgefonds - die Gefahren durch Mortgage Backed Securities wurden dagegen unterschätzt.

mm.de: Banken müssen nun Milliardensummen abschreiben, bauen Stellen ab und schränken ihre Kreditvergabe ein. Wird dadurch der Abschwung noch zusätzlich verstärkt?

Hellwig: Banken, die ihre Bücher nach dem Prinzip des "Fair Value Accounting" führen, müssen die Bewertungsverluste ihrer Mortgage Backed Securities unmittelbar in ihre laufende Rechnung einbringen. Damit verringert sich ihr Eigenkapital, sofern die Verluste nicht durch anderweitige Gewinne ausgeglichen werden. Die Banken müssen bei sinkendem Eigenkapital ihre Kredite verringern - das wiederum drückt auf die Konjunktur.

Wenn Banken ihre Kredite nicht einschränken wollen, brauchen sie neues Eigenkapital. Einigen Großbanken wie UBS , Citigroup  oder Merrill Lynch ist es ja auch gelungen, sich zu rekapitalisieren, bemerkenswerterweise mithilfe ausländischer Staatsfonds. Ohne deren Beteiligung wären die Probleme noch viel größer.

"USA droht Krise wie damals Japan"

mm.de: Wann wird die Krise überstanden sein?

Hellwig: Es hängt viel davon ab, wie tief die US-Immobilienpreise noch fallen. Wenn die Abwärtsspirale noch in diesem Jahr stoppt, besteht die Chance, dass sich die Krise auf den Subprime-Bereich und damit auf rund 15 Prozent des US-Hypothekenmarkts beschränkt. Fallen die Immobilienpreise jedoch auch 2009 weiter, kann ein erheblicher Teil des "normalen" Häusermarkts betroffen sein. Dann können auch Hypothekenschuldner mit besserer Bonität und damit viele Menschen aus der amerikanischen Mittelschicht Probleme bekommen. In diesem Fall kann uns eine tiefe Wirtschaftskrise bevorstehen, denn ich habe Zweifel, dass die US-Zentralbank in der Lage ist, einen so großen Teil des amerikanischen Immobilienmarkts zu schützen. Möglich ist dann eine Krise, wie sie Japan in den 90er Jahren erlebt hat.

mm.de: In welcher Weise muss man die Bankenaufsicht verbessern, damit sich eine solche Krise nicht wiederholt?

Hellwig: Die Regulierer haben oft erst als Letzte gemerkt, dass etwas schiefging. Die Aufsicht war weder in der Lage, die Krise zu antizipieren, noch gegenzusteuern. Ihre Informationsdefizite haben verschiedene Gründe: Die Aufsicht hat nicht die Kapazität, die Risikomodelle der Banken grundlegend infrage zu stellen. Sie ist zudem auf die Kontrolle der einzelnen Bankinstitute ausgerichtet: Die Risiken, die für das gesamte Finanzsystem entstehen können, kommen demgegenüber zu kurz.

mm.de: Was folgt daraus?

Hellwig: Bisher steht der Anlegerschutz im Zentrum der Bankenaufsicht. Man könnte sich aber auch vorstellen, dass die Bankenaufsicht sich auch um den Systemschutz kümmert: Dann dürfte es keinen gänzlich unregulierten Bereich mehr geben, sondern alle Teilnehmer eines bestimmten Markts müssten sich einer Aufsicht unterwerfen, die die Funktionsfähigkeit des Markts schützt. Eine solche Regel würde Institutionen wie den SIVs, mit extrem hoher Verschuldung und extremer Fristentransformation, das Handwerk legen.

mm.de: Man sollte also den Blick auf das gesamte System und auf die Abhängigkeiten der einzelnen Akteure untereinander schärfen, statt nur einzelne Institutionen zu beobachten?

Hellwig: Das tatsächliche Risiko einer einzelnen Institution ist oft nur zu erfassen, wenn man sie im Systemzusammenhang sieht. In der aktuellen Krise ist es auch deshalb so gut wie unmöglich, sich einen Überblick über das tatsächliche Risiko zu verschaffen, weil es unzählige Gegenparteirisiken gibt. Ein Kreditgeber hat zum Beispiel das Risiko, dass sein Schuldner nicht zahlen kann, bei einem Kreditversicherer abgesichert. Viele dieser Versicherer sind nun selbst zahlungsunfähig.

Es fehlten also Informationen, wie solide dieser Versicherer selbst finanziert und mit welchen Gegenparteien er außerdem im Geschäft war. Diese Korrelationen verschiedener Risiken sind nur im Systemzusammenhang zu erfassen. Die Bankenaufsicht um eine solche systemische Komponente zu ergänzen, wird eine große Herausforderung sein.

"Nicht nur auf Modelle verlassen"

mm.de: Viele Kritiker fordern, dass Banken künftig mehr Eigenkapital vorweisen müssen, um bestimmte Geschäfte einzugehen.

Hellwig: Wir brauchen in jedem Fall Regeln, die robust sind und nicht davon abhängen, ob die Risikomodelle der Banken funktionieren oder nicht. Das betrifft beispielsweise die Eigenkapitalausstattung der Banken. Derzeit haben Banken, die mit den für geeignet gehaltenen Modellen arbeiten, die Möglichkeit, das der Bankenaufsicht vorzuweisende Eigenkapital nur aufgrund ihrer Modelle zu bestimmen. Dabei darf nach den Modellrechnungen bei den von der Bank betriebenen Geschäften die Wahrscheinlichkeit, dass das Eigenkapital nicht ausreicht, einen bestimmten Höchstwert nicht übersteigen.

Dieses Verfahren hat etwa den Schweizer Großbanken die Möglichkeit gegeben, ihre Eigenkapitalausstattung von mehr als 10 Prozent der Bilanzsumme in den frühen 90er Jahren auf weniger als 3 Prozent zu senken. Die Schweizer Nationalbank hat darin schon 2006 ein Problem gesehen, doch die Banken haben beschwichtigt und auf die Professionalität ihrer Risikomodelle und ihres Risikomanagements verwiesen. Das ist schiefgegangen.

Man sollte daher darüber nachdenken, die bestehende Eigenkapitalregulierung um eine Komponente zu ergänzen, bei der man sich nicht davon abhängig macht, ob die Risikomodelle der Banken verlässlich sind oder nicht. Alternativ wäre zu überlegen, ob man eine Mitwirkungsmöglichkeit für diejenigen schafft, die durch einen Bankzusammenbruch belastet werden, beispielsweise für Vertreter einer Einlagenversicherung.

mm.de: Glauben Sie an die Einsicht der Marktteilnehmer, künftig vorsichtiger zu sein?

Hellwig: Sicher in dem Sinn, dass die Fehler, die in den letzten Jahren gemacht wurden, in Zukunft nicht wiederholt werden. Dafür wird man allerdings andere Fehler machen, spätestens dann, wenn die jetzige Krise ausgestanden ist und eine neue Generation im Finanzmarkt neue Möglichkeiten sieht.

Jedoch sind Risiken in der Wirtschaft nicht zu vermeiden, auch systemische Risiken nicht. Man sollte sich daher hüten, beispielsweise das System der Kreditverbriefung als solches zu verbieten oder drastisch einzuschränken. Sicher ist es notwendig, die Haftungsmodalitäten in diesem System besser zu regeln. Jedoch sollte man darauf achten, dass die Vorteile der weltweiten Verteilung der Risiken und der weltweiten Diversifizierung der angelegten Mittel nicht zerstört werden.

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