Donnerstag, 5. Dezember 2019

Einkommen Jeder Vierte arbeitet zu Niedriglöhnen

Gutverdiener legen beim Einkommen weiter zu, während die Realeinkommen der unteren Lohngruppen wegbrechen. Da in Deutschland inzwischen fast jeder vierte Beschäftigte sein Geld im Niedriglohnsektor verdient, macht sich die Lohnschere besonders deutlich bemerkbar.

Gelsenkirchen - Die Realeinkommen des am wenigsten verdienenden Bevölkerungsviertels seien zwischen 1995 und 2006 um fast 14 Prozent gesunken, berichtete am Dienstag das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen in Gelsenkirchen in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung. Die Bestverdiener hätten dagegen ein reales Lohnplus von 3,5 Prozent verbucht.

Weniger in der Tasche: Die Reallohnverluste reichen bis in die Mittelschicht
Zu den Verlierern gehören den Wissenschaftlern zufolge nicht nur Minijobber und Teilzeitkräfte, sondern auch Geringverdiener mit Vollzeitstelle. Die Reallohnverluste reichten sogar bis in die mittleren Einkommensgruppen. Das Institut bestätigte damit einen Bericht der "Frankfurter Rundschau".

Fast jeder Vierte - 22,2 Prozent oder umgerechnet 6,5 Millionen Menschen - verdiente sein Geld 2006 im Niedriglohnsektor. Im Jahr 1995 waren dies erst 15 Prozent. Das sei der höchste Anteil in der EU. Die Zahl der Gutverdiener stieg von 21,8 auf 26,3 Prozent.

1,9 Millionen Menschen bekamen 2006 sogar weniger als 5 Euro brutto je Stunde. "Gleichzeitig haben sich die Lohnunterschiede zwischen Großbetrieben und kleineren Betrieben, die oft keine Betriebsräte haben, sowie zwischen den Branchen mit hoher und geringer Tarifbindung deutlich erhöht", schreiben die Autoren.

Trend zur Lohnspreizung setzt sich fort

Die Forscher gehen davon aus, dass sich der Trend zu einer stärkeren Lohnspreizung seit 2006 nicht umgekehrt hat - trotz der teils höheren Lohnvereinbarungen der vergangenen Monate. Sie plädieren deshalb für einen bundesweiten gesetzlichen Mindestlohn.

Insgesamt seien aufgrund geringer allgemeiner Lohnsteigerungen die durchschnittlichen Realeinkommen von 1995 bis 2006 lediglich um 0,2 Prozent gestiegen, schreiben die Autoren in den WSI-Mitteilungen (8/2008) der Hans-Böckler-Stiftung (Düsseldorf). Die Folgen der schwachen Lohnentwicklung machen die Forscher in einer starken Zunahme der Beschäftigung im untersten Lohnbereich von brutto unter 7 Euro Stundenlohn aus. Der Anteil des mittleren Lohnsektors sei um 11 Prozentpunkte auf 52 Prozent gesunken und habe vor allem nach unten abgegeben.

Das wachsende Lohngefälle sieht das IAQ durch "politische Interventionen massiv gefördert", unter anderem durch europäische Wettbewerbsregelungen. Genannt werden Direktiven zur Privatisierung wie in den Bereichen Post oder Telekommunikation oder zur Dienstleistungsfreiheit, wodurch Arbeitskräfte nach Deutschland zu Lohnbedingungen ihres Heimatlandes entsendet werden können - ausgenommen in der Bauwirtschaft. Zudem hätten die Agenda 2010 und die Hartz-Reformen die Entwicklung forciert. Auf qualifizierte Langzeitarbeitslose sei der Druck gestiegen, schlecht bezahlte Arbeitsplätze anzunehmen.

manager-magazin.de mit Material von dpa

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