Continental "Aktionäre über den Tisch gezogen"

Continental gibt seinen Widerstand gegen die Schaeffler-Gruppe auf und akzeptiert ein Angebot von 75 Euro je Aktie. Das sei absolut zu wenig und spiegele nicht den Wert des Dax-Konzerns wider, sagt Arndt Ellinghorst. Der Analyst von Credit Suisse empfiehlt den Aktionären, das Angebot nicht anzunehmen.

mm.de: Herr Ellinghorst, noch Mitte Juli hatte sich Conti-Chef Manfred Wennemer in einer Brandrede scharf gegen Schaeffler positioniert. Lange währte der Übernahmekampf nicht, und er hat ihn verloren. Woran ist Wennemer letztlich gescheitert?

Ellinghorst: Die Optionen Wennemers in diesem Abwehrkampf waren ohnehin sehr beschränkt. Es hat sich auch sehr schnell gezeigt, dass ein "weißer Ritter" nicht zur Hilfe eilen wird. Zudem hatte Wennemer offensichtlich nicht ausreichend Rückendeckung aus dem Aufsichtsrat. Und wenn die Würfel im Grunde schon vorher gefallen sind, steht ein Vorstandschef in einem Abwehrkampf mehr oder weniger auf verlorenem Posten.

mm.de: Für seine Aktionäre konnte Wennemer 75 Euro je Aktie herausholen. Das ist ein Plus von 8 Prozent gegenüber dem Dreimonatsdurchschnittskurs vor Bekanntwerden des Schaeffler-Plans. Sollten die Aktionäre das Angebot annehmen?

Ellinghorst: Ich meine Nein. Vor einem Jahr hatte Continental  noch eine milliardenschwere Kapitalerhöhung hinter sich gebracht. Da ging der Großteil des Kapitalmarkts davon aus, dass die Aktie zwischen 120 und 140 Euro wert ist. Sicherlich hat sich die Automobilkonjunktur weiter eingetrübt. Aber Schaeffler wird Continental auf lange Sicht mehrheitlich übernehmen und will nach eigenen Aussagen die langfristigen Werte des Automobilzulieferers heben. Dann müssen sie auch einen Preis bezahlen, der das langfristige Potenzial von Conti widerspiegelt.

mm.de: Das sehen Sie mit 75 Euro nicht eingelöst?

Ellinghorst: Auf keinen Fall, Conti ist erheblich mehr wert. Man muss deutlich sagen, Wennemer hat es nicht geschafft, den Wert zu heben, den Conti langfristig in sich birgt und den Aktionäre sich versprochen haben.

mm.de: Glauben Sie, die Continental-Aktionäre sind bei diesem Deal über den Tisch gezogen worden?

Ellinghorst: Ganz klar ja. Schaeffler hat sich auf eine undurchsichtige Art und Weise angenähert und dabei - wenn auch nicht rechtswidrig - klare Melderegelungen umgangen. Insofern meine ich, dass die Conti-Aktionäre über den Tisch gezogen worden sind. Bei den Annäherungs- und Übernahmemöglichkeiten, die das deutsche Aktienrecht bietet und die verschiedene Angreifer jetzt weidlich ausnutzen, besteht diese Gefahr indes immer.

mm.de: Schaeffler will unter der 50 Prozent-Schwelle bleiben. Was aber passiert, wenn viel mehr Aktionäre das Angebot annehmen sollten?

Ellinghorst: Die Herzogenauracher sind verpflichtet, das Angebot ohne Wenn und Aber einzulösen. Das birgt auch Gefahren. Schaeffler ist womöglich gezwungen, jene angedienten Aktien, die ihren Conti-Anteil über die 50-Prozentschwelle treiben, am Markt zu verkaufen, um eben nicht die Schulden der Hannoveraner teuer refinanzieren zu müssen. Dann könnte die Aktie schnell wegbrechen. Ich vermute aber, dass Schaeffler für diesen Fall über entsprechende Vereinbarungen mit Banken vorgesorgt haben dürfte.

"Schaeffler wird Conti ganz übernehmen"

mm.de: Begründet diese Unsicherheit, dass der Titel derzeit nicht die Marke von 75 Euro erreicht?

Ellinghorst: Ja. Ich glaube, dass bereits eine ganze Reihe von Marktteilnehmern darauf spekulieren, dass die Conti-Aktie fallen wird. Sie sehen ihr maximales Potenzial bei 75 Euro und gehen jetzt bereits short.

mm.de: Ob Strategie, Geschäftsbereiche, Markenauftritt oder Beschäftigte - Schaeffler macht weitreichende Zugeständnisse an Conti. Experten hatten dagegen für den Übernahmefall den Verkauf von Sparten oder gar eine Zerschlagung prophezeit. Überrascht Sie jetzt das Ausmaß der Zusagen?

Ellinghorst: Nein, nicht wirklich. Es geht hier um einen Zeitraum von maximal vier Jahren, in denen sich Schaeffler in einer Stillhalterposition befindet. In dieser Zeit hat sich Conti eng mit seinem neuen Großaktionär abzustimmen und seine Schulden aus eigenem Cashflow abzubezahlen. Ist diese Phase erst einmal vorbei, wird Schaeffler seinen Anteil deutlich erhöhen und Continental wahrscheinlich ganz übernehmen.

mm.de: Wo bleiben bei derlei Zusagen, die quasi eine Bestandsgarantie bedeuten, die viel zitierten Synergieeffekte?

Ellinghorst: Schaeffler und Continental  werden schon jetzt ihr operatives Geschäft annähern und können damit in bedingtem Umfang Synergien erzielen. Dazu bedarf es keiner Werkschließungen, struktureller Veränderungen oder gar einer Abspaltung des Reifengeschäfts bei Continental. Letzteres stünde erst dann zur Diskussion, sollte Schaeffler tatsächlich über die 50-Prozent-Schwelle gelangen und die Schulden der Hannoveraner finanzieren müssen.

mm.de: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist als Garant für die Wahrung der Aktionärs- und Arbeitnehmerinteressen von Continental benannt worden. Sollte sich Schaeffler entschließen, seine Anteile vor Ablauf der Vierjahresfrist zu veräußern, hätte Schröder ein gewichtiges Mitspracherecht. Steht zu befürchten, dass Conti in diesem Fall in die Hände russischer Großinvestoren fiele?

Ellinghorst: Ich glaube nicht, dass Schaeffler diese Intention hat. Mein Eindruck ist, man will sich langfristig bei Continental engagieren und betrachtet den Einstieg als Investition über Generationen hinweg. Mag Schröder auch auf der Gehaltsliste von Gazprom stehen, ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich in Herzogenaurach zum Steigbügelhalter eines russischen Staatsfonds macht.

mm.de: Mit der börsennotierten Continental und dem Familienunternehmen Schaeffler treffen zwei sehr unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander. Glauben Sie, das wird gut gehen?

Ellinghorst: Natürlich gibt es Reibungspunkte zwischen den unterschiedlichen Unternehmenskulturen. Damit ist so eine Übernahme aber nicht per se zum Scheitern verurteilt. Es wird dann funktionieren, wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, zusammenarbeiten und die derzeit feindliche Atmosphäre überwinden.

Conti/Schaeffler: Wie Schaeffler Conti-Aktien wieder loswird

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