Dax-Geflüster Angst auf Vorstandsniveau

Deutschlands Unternehmen werden gejagt. Zu hoch sind ihre Gewinne, und zu billig sind sie derzeit zu haben, als dass internationale Aufkäufer an den hiesigen Konzernen vorbeischauen wollten. Jetzt scheint mit dem Mittelstand auch noch das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bedroht - der schwache Aktienmarkt macht es möglich.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Das Zittern greift um sich in den Vorstandszimmern. Die Angst vor der plötzlichen Übernahme, dem hinterhältigen Angriff. Denn schon wieder scheint es ein Opfer der Aufkäufer in Deutschland zu geben, und dann noch aus der mittelständischen zweiten Börsenliga - den Finanzdienstleister MLP .

Mit einem verdeckten Manöver hat AWD-Lenker Carsten Maschmeyer seinem neuen Eigentürmer, dem Versicherer Swiss Life  , eine Sperrminorität an dem MDax-Unternehmen aus Wiesloch gesichert, und dessen Management steht prompt unter Druck: Werden die neuen Haupteigentümer versuchen, Schritt für Schritt die Kontrolle über MLP zu erhalten? So, wie es Porsche  gemacht hat, als sich die Sportwagenschmiede erst mit einer Minderheit bei Volkswagen  einkaufte, um nun doch mit aller Entschlossenheit die Mehrheit an Europas größtem Autokonzern anzustreben?

Deutschlands börsennotierte Aktiengesellschaften sehen sich plötzlich einer gefährlichen Welle ausgesetzt, die so noch nie über die Wirtschaft hierzulande hinweggeschwappt ist. "Wenn dieses Anschleichen Schule macht, kann sich kein Konzern mehr sicher sein", sagt Hubertus Schmoldt, Chef der Gewerkschaft IG BCE.

Nach Angaben von Thomson Reuters gab es allein in der ersten Jahreshälfte 62 feindliche Übernahmeversuche innerhalb und außerhalb der deutschen Grenzen. Das sind so viele wie zuletzt vor acht Jahren, mitten im Internetboom, als Vodafone  den Düsseldorfer Traditionskonzern Mannesmann für die schier unvorstellbare Summe von umgerechnet 190 Milliarden Euro kaperte. Dieses Mal allerdings sind nicht einzelne Branchen oder Unternehmen betroffen, wie damals die Mobilfunker, sondern scheinbar die gesamte deutsche Firmenelite. Bis hinein in den Mittelstand, das Herz der hiesigen Wirtschaft.

"Ich bin mir sicher, dass sich die Aufsichtsräte in vielen Unternehmen schon auf den nächsten Sitzungen wieder mit den Abwehrstrategien gegen eine feindliche Übernahme beschäftigen werden", sagt Gewerkschaftschef Schmoldt, der selbst Aufsichtsrat in Dax-Unternehmen ist.

Selbst jahrzehntelange Trutzburgen deutschen Kapitalismus müssen mittlerweile fürchten, Opfer einer radikalen Aufkäuferschar zu werden. "Daimler beispielsweise muss sich Sorgen machen", sagte etwa Jürgen Pieper, Analyst des Bankhauses Metzler - und das, obwohl der Firmenwert des schwäbischen Autokonzerns locker auf 80 Milliarden Euro geschätzt wird; das ist nahezu so viel, wie alle österreichischen Aktiengesellschaften derzeit zusammen an der Börse wert sind, deren Titel im Wiener Vorzeigeindex ATX gelistet sind.

Sogar der Energieriese Eon  scheint sich nicht mehr sicher zu fühlen, der mit einem Konzernwert von 120 Milliarden Euro selbst für europäische Verhältnisse ein Dickschiff unter den Aktiengesellschaften des Kontinents ist. Doch die Düsseldorfer haben bereits auf die neue, bedrohliche Lage reagiert: Ende des Jahres werden sie doppelt so viele Schulden wie noch 2006 aufgetürmt haben, um nicht auch noch mit hohen Bargeldbeständen in der Kasse auf sich aufmerksam zu machen.

Schnäppchenjagd in Deutschland

Schnäppchenjagd in Deutschland

Eigentlich grotesk: Was in normalen Zeiten als eher schlechte Firmennachricht gewertet würde, nämlich mehr Schulden verantworten zu müssen, hat Eon-Finanzvorstand Marcus Schenck kürzlich selbst voller Stolz im Schulungszentrum des Energiekonzerns bekannt gegeben. Allerdings kann die Schuldentreiberei als Abwehrstrategie auch danebengehen: Die Kreditlast sollte, bitte schön, nie auf den Aktienkurs durchschlagen und die Firma so auf einen Ausverkaufspreis drücken. Dann wäre niemand mehr auf die Milliarden in Eons Firmenkasse angewiesen, um den Rheinländern auf die Pelle zu rücken, sondern könnte den Brocken womöglich sogar allein stemmen.

Eon ist deshalb weiter gegangen. Der Stromkonzern hat seine bisherigen Inhaberaktien auf Namensaktien umgestellt. Jeder Anteilseigner muss sich jetzt zu erkennen geben. "Wir hoffen, damit unsere Anleger besser kennenzulernen", sagte Finanzvorstand Schenck lakonisch.

Grund für die Ausverkaufsstimmung in den deutschen Chefetagen ist der niedrige Aktienkurs vieler hiesiger Börsenunternehmen. Weil der Dax  seit Jahresbeginn peu à peu mehr als 1500 Indexpunkte auf nunmehr knapp 6450 Zähler verloren hat, und die Titel der Unternehmen in vielen Fällen im Gleichschritt absackten, aber die Gewinne auf hohem Niveau verharrten, sind die guten deutschen Firmen derzeit vergleichsweise billig zu haben. "Und günstige Aktienkurse bei Unternehmen mit guten Perspektiven sind immer eine Einladung für feindliche Übernahmen", sagt Kai Lucks, Vorsitzender des Bundesverbands Mergers & Acquisitions.

"Das ist eine günstige Lage für kaufwillige Unternehmen, die selbst über eine gut gefüllte Kriegskasse verfügen", sagt dann auch Henrik Aslaksen, Übernahmeexperte der Deutschen Bank  - und eine schlechte für jene, die in ihr Visier geraten.

Das MLP-Management beispielsweise soll schon erste Gespräche mit den neuen Herren im Hause geführt haben, mit dem Swiss-Life-Management. Ob es etwas genutzt hat? Der Continental-Vorstand ist zuvor geradezu in einen öffentlichen Dialog mit seinen fränkischen Aufkäufern getreten, der Schaeffler-Gruppe. Dennoch scheint alles darauf hinauszulaufen, dass Continental  sich mit der neuen Situation abfinden muss. "Die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen ist besser als der Börsenkurs. Das ist eben eine Einladung zu Übernahmen", sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker.

Seiner Meinung nach sind Firmen in der zweiten und dritten Börsenreihe, wie beispielsweise MLP, noch stärker übernahmegefährdet als die Dax-Riesen. Schließlich müssten für diese Unternehmen weniger große Summen aufgebracht werden. Da können dann auch viele Finanzinvestoren wieder locker mitbieten, die durch die höheren Kreditkosten bei der Übernahmefinanzierung infolge der internationalen Finanzkrise zuletzt im Bieterkampf etwas ins Hintertreffen geraten sind. Und gerade der Mittelstand gilt als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

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