Börse 99 Vom Sommerloch zur Winterhausse

Mit Intershop, dem besten Wert des Neuen Marktes, konnten Anleger über 600 Prozent verdienen - oder mit Cybernet über 60 Prozent verlieren. Aber auch der Dax bekommt dank Mannesmann, Siemens und SAP noch die Wende hin.

Weihnachtszeit ist Börsenzeit - das gilt nicht nur für die laufende Saison 1999/2000, sondern auch für das Jahr davor. Vom Russland- und Asien-Crash im Oktober 1998 konnten sich die Börsen erstaunlich schnell erholen. Bis Anfang Februar 1999 zeigten die Kurse nahezu ohne Unterbrechung nach oben - vor allem bei den spekulativen Werten des Neuen Marktes.

Aber nur einen Monat lang konnte sich der Nemax All Share, der Gesamt-Index für den Neuen Markt, auf dem erreichten Niveau halten. Dann ging es steil abwärts. Beobachter führten die Abschläge unter anderem auf Äußerungen von US-Notenbankchef Alan Greenspan zurück, der auf das hohe Risiko von Internet-Aktien hingewiesen hatte.

Die auf die USA gezielten Aussagen hätten auch hierzulande die Befürchtung verstärkt, daß High-Tech-Werte, von denen viele am Neuen Markt notieren, überbewertet seien. Die Folge: Erst sicherten die grossen Investoren ihre Gewinne, die sie über den Winter verbucht hatten, und brachten die Kurse ins Rutschen. Daraufhin folgten auch die privaten Anleger und verkauften, um zu retten, was noch zu retten war. Dem Dax ging es kaum besser.

Von der Frühjahrs-Schlappe konnte sich die Börse erst im Sommer wieder erholen. Wie im Vorjahr brachte der Juli einen deutlichen Kursaufschwung. Doch die Sommer-Hausse wurde schon nach wenigen Wochen durch erneute Zinsängste aus den USA gestoppt.

Zähes Sommerloch

Das folgende zähe Sommerloch machte den Anlegern wenig Freude. Der deutsche Aktienmarkt konnte kein Eigenleben entwickeln, die Umsätze sanken auf ein Minimum. Alles schaute auf die Entwicklung der US-Börsen. Dort bestimmten die Konjunktur-Reports - von der Verbraucher-Nachfrage bis zum Einkaufsmanager-Index - mit mal stärkeren, mal schwächeren Zinsängsten das Anlageverhalten. Unterm Strich gewann US-Notenbankchef Alan Greenspan: Mit gezielten Warnungen und einer Zinserhöhung trieb er die Kauflust für Technologie-Titel in den Keller. Eine Warnung aus Microsoft-Führung zur vermeintlichen "Überbewertung" von Computer-Werten tat ein übriges: Ende September erreichte der Nemax All Share-Index sein Jahrestief unter 2700 Punkten. Von dort aus sollte er bis kurz vor Weihnachten auf 4200 Punkte kräftig zulegen.

Goldener Oktober

Der Oktober war kein Crashmonat - das Schlimmste war in den Wochen zuvor geschafft. Die Trendwende kam, als die Inflationsängste endlich nachliessen. Plötzlich erschienen die Werte des Neuen Marktes als "billig" - Papiere, die vor wenigen Monaten noch das Doppelte kosteten, reizten nun zum Einstieg.

Die Jahresend-Hausse schloss sich unmittelbar an. Auf Beschwörungen, der anstehende Jahrtausend-Wechsel werde vor allem die Technologie-Firmen viel Geld kosten, wollte nun keiner mehr hören. Vor allem die Fonds hatten nun Nachkauf-Bedarf - schließlich investieren inzwischen auch die Fondsmanager, die sich bislang auf solide Dax- und MDax-Werte konzentrierten, in den Neuen Markt, um gegenüber den Konkurrenten nicht den Anschluss zu verlieren.

Bleibt abzuwarten, wie lange die Hausse diesmal hält. Im vergangenen Jahr war die Zeit der stetig steigenden Kurse Ende Januar schon wieder vorbei.

Martin Zeissler

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