ARS-Rückkauf "Die Banken müssen selbst zahlen"

Citigroup, Merrill Lynch und UBS kaufen strukturierte Anleihen zurück. Andere Häuser werden ihnen folgen. Christina Bannier, Ratingexpertin und Professorin der Frankfurt School of Finance & Management, erklärt im Interview mit manager-magazin.de, warum die Banken zahlen müssen, um weiter Geschäfte machen zu können.
Von Grit Beecken

mm.de: Frau Bannier, Citigroup , Merrill Lynch  und UBS  kaufen für Milliardenbeträge Auction Rate Securities (ARS) zurück. Es gilt als sicher, dass andere Häuser folgen werden. Was bedeutet das für den finanziell ohnehin angeschlagenen Bankensektor?

Bannier: Die Banken betreiben jetzt aktive Schadensbegrenzung. Denn ihr Geschäftsmodell steht auf dem Spiel. Die Strategie der Zukunft besteht schließlich nicht mehr in der traditionellen Vergabe von Krediten - was in den USA ohnehin immer nur ein Teil der Banken gemacht hat. Kreditinstitute beraten in großen Teilen nur noch. Sie initiieren die Geschäfte, tragen aber selbst kaum mehr Risiken. Damit umgehen sie Regulierungen und müssen keine eigene Liquidität vorhalten. Das werden sie auch in Zukunft so machen wollen, das Beratungsgeschäft ist das zukünftige Bankgeschäft. Dieses Modell basiert allerdings auf dem Vertrauen der Kunden.

mm.de: Und das Vertrauen ist dahin.

Bannier: Genau. Daher müssen die betroffenen Banken die Kosten für die ARS-Rückkäufe akzeptieren, um wieder Vertrauen aufzubauen. Ich denke, dass die Gewinne der vergangenen Jahre dies auch erlauben. Die Banken zahlen, weil sie jetzt die zukünftigen Gewinne abdiskontieren und die Beträge in den Aufbau des Kundenvertrauens investieren. Es ist ein gutes Signal an den Markt, dass die Banken jetzt bereit sind, Kosten zu tragen. Das ist Reputationsaufbau.

mm.de: Ist es realistisch, dass Privatanleger in zwei Jahren wieder strukturierte Anleihen kaufen?

Bannier: Die Probleme, vor denen wir stehen, beruhen alle auf dem gleichen Geschäftsmodell. Und das ist im Kern das klassische Bankmodell - eine Fristentransformation. Wir besorgen uns kurzfristig Geld und investieren es langfristig. Dieses Modell hat lange gut funktioniert, auch in Deutschland. Banken haben sich kurzfristig Einlagen besorgt und den Sparern gesagt, dass sie ganz kurzfristig immer nur einen kleinen Teil zurückzahlen können. Dadurch wussten die Häuser immer, wie viel Geld sie zur Verfügung haben. Insbesondere das deutsche Bankensystem war sehr stabil, wir haben nur sehr selten die sogenannten Bank Runs gesehen.

"Geschäfte außerhalb der Bilanz"

mm.de: Und heute?

Bannier: Im Grunde wird auch heute noch so gearbeitet: Man besorgt sich kurzfristig Geld und verleiht es langfristig weiter - nur mittlerweile außerhalb der Bilanz. Seien es forderungsbesicherte Wertpapiere wie Asset Backed Securities (ABS) oder andere Papiere: immer dieselbe Idee. Doch durch die derzeitige Vertrauensproblematik kommt es zu einem Sturm auf die Banken, mit dem Anleger zumindest einen Teil ihrer Vermögenswerte retten wollen.

mm.de: Sie sehen also die Chance, dass das Geschäft weitergeht? Obwohl bei der derzeitigen ARS-Problematik einige Händler auch krimineller Aktivitäten beschuldigt werden?

Bannier: Betrugsfälle gibt es in gewissem Maße sicher auch. Aber die Banken beginnen jetzt, das Ausmaß der Problematik richtig einzuschätzen. Sie sehen die Vertrauensschädigung und steuern massiv gegen.

mm.de: Reicht der Rückkauf, um Vertrauen zurückzugewinnen? Schließlich haben die drei Banken bislang keine Schuld eingeräumt.

Bannier: Im westlichen Kapitalismus muss sich keiner geißeln. Die Tatsache, dass Geld für die Anleger in die Hand genommen wird, reicht aus. Mich stimmt es hoffnungsvoll, dass die Banken das Thema aus eigener Kraft angehen. Selbst, wenn sie zum Teil gerichtlich dazu gezwungen werden: Sie machen es.

Und vor allen Dingen sind dieses Mal die Zentralbanken nicht wieder beteiligt. Die Häuser werden nicht wieder aus dem Sumpf gezogen, indem die Zentralbanken Geld in die Hand nehmen. Die Banken müssen selbst zahlen, das ist der positive Aspekt. Dass insbesondere die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) in den vergangenen Monaten viele Fehler der Banken ausgemerzt hat, sorgte nicht gerade für einen großen Lerneffekt. Momentan aber lernen die Banken, und die Verluste müssen sie tragen.

"Die Fed ist ohnehin generöser"

mm.de: Wobei aber nicht sicher ist, dass die Notenbanken irgendwann doch wieder Geld in die Hand nehmen müssen. Denn was die Banken jetzt für die Rückkäufe ausgeben, könnte ihnen ja später wieder an empfindlichen Stellen fehlen, und die Fed spränge wieder ein?

Bannier: Das ist nicht auszuschließen. Die Fed ist ohnehin generöser als die EZB, die eine härtere Linie fährt. Dass der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan im Nachhinein sehr kritisiert wird, hält den einen oder anderen in der Fed jedoch von zu starker Großzügigkeit ab. Greenspans Aktionen sind noch stark im Bewusstsein verankert. Zudem muss man auch sagen, dass es ein Auftrag der Fed ist, die Wirtschaft zu unterstützen - im Gegensatz zum Auftrag der EZB. Man kann nicht verhindern, dass neben der Industrie auch die Banken diese Unterstützung in Anspruch nehmen.

mm.de: Irritierend scheint, dass der Markt für ARS-Papiere anscheinend bis Februar funktioniert hat. Andere Märkte brachen schon viel früher zusammen. Können Sie das erklären?

Bannier: Eine Krise steckt andere Märkte immer zeitverzögert an. Der Markt für ARS hatte nichts mit US-Immobilien zu tun. Weiterhin war keiner der typischen großen Spieler wie beispielsweise Hedgefonds in großem Maße involviert. Es ist die natürliche Reaktion des Markts, Schwierigkeiten erst nach und nach zu entdecken. Das Prinzip, kurzfristige Einlagen langfristig zu investieren, wird jetzt auf allen Märkten nach und nach auf den Prüfstand gestellt. Das dauert einfach.

mm.de: Was für Märkte gibt es noch, auf denen in den folgenden Wochen das Prinzip geprüft werden könnte?

Bannier: Da fällt mir spontan keiner ein. Vielleicht ebben die Ängste nach und nach ab. Die Krise der offenen Immobilienfonds, die wir in Deutschland vor einigen Jahren hatten, die traf ja auch nicht alle Fonds. Die Deutsche Bank  stützte ihren eigenen Fonds nicht mehr, das war für deutsche Verhältnisse merkwürdig. Andere Fonds hingegen kamen ungeschoren davon. Und nach einiger Zeit standen alle wieder gut da.

Im Nachhinein weiß keiner so recht, warum die Deutsche Bank ihren Fonds geschlossen hat. Und diese Krise hat im Grunde genommen die gleiche Geschichte wie die derzeitige: Kurzfristige Mittelzuflüsse wurden durch Marktunsicherheiten beschränkt. Man sieht, dass Kriseneffekte nicht notwendig ansteckend sein müssen.

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