Merrill Lynch Doppelschlag

Merrill Lynch im Zugzwang - die Investmentbank muss weitere Milliarden abschreiben und versucht, sich mit einer Kapitalerhöhung frisches Geld zu verschaffen. Von diesem Schritt könnte ein Staatsfonds aus Singapur profitieren.

New York/Frankfurt am Main - Die schwer angeschlagene US-Investmentbank Merrill Lynch  will sich mit einem Doppelschlag aus der Krise retten. Neben dem Notverkauf eines großen Teils problematischer Wertpapiere soll eine weitere milliardenschwere Kapitalerhöhung Geld in die Kasse spülen. Die zu den weltweit größten Opfern der Kreditkrise zählende Investmentbank muss wegen des Verkaufs nochmals eine erhebliche Abschreibung vornehmen.

Die Ankündigung stimmte Anleger auch für deutsche Banken skeptisch, deren Quartalszahlen in den kommenden Tagen erwartet werden. Finanzwerte gaben am Dienstag auf breiter Front nach und belasteten den gesamten deutschen Aktienmarkt. Merrill muss wegen des anhaltenden Preisverfalls komplexer Schuldverschreibungen im laufenden dritten Quartal weitere 5,7 Milliarden Dollar abschreiben. Mit Belastungen von mehr als 40 Milliarden Dollar ist die US-Investmentbank mit der Citigroup und der Schweizer UBS am härtesten von der Finanzkrise getroffen.

Viele der oft mit US-Ramschhypotheken (Subprime) besicherten Papiere haben sich zu Giftmüll entwickelt, den Merrill kaum los wird. So verkaufte die Bank nun ein Paket komplexer Anleihen (CDOs) mit einem Ursprungswert von gut 30 Milliarden Dollar für nur noch 6,7 Milliarden Dollar an eine Tochter der Beteiligungsfirma Lone Star. Daraus rührt auch der Großteil der neuen Abschreibungen. "Was bei Merrill und anderen Banken passiert, ist nichts anderes als ein Tod durch tausende Messerstiche", sagte Daniel Alpert, Bankenexperte der Investmentbank Westwood Capital.

Andere Analysten äußerten Zweifel an der Fähigkeit Thains, das Ruder bei Merrill herumzureißen. "Er bekommt nun ein echtes Glaubwürdigkeitsproblem", sagte William Smith vom New Yorker Vermögensverwalter Smith Asset Management. Thain werde niemand mehr glauben, wenn er Licht am Ende des Tunnels vorhersehe. "Ein Ende der Krise scheint für Merrill nicht in Sicht." Thain hatte im Dezember inmitten der Krise das Steuer übernommen, um die Bank wieder in die Gewinnzone zu führen.

Eine teure Maßnahme

Eine teure Maßnahme

Besonders bitter ist für Merrill nun, dass das Institut den Investoren bei der neuen Kapitalerhöhung hohe Rabatte einräumen muss. Denn die Bank hatte bei früheren Kapitalmaßnahmen im Winter zugesagt, dass sie den Investoren einen Ausgleich zahlt, wenn sie sich künftig zu niedrigeren Preisen frisches Geld beschafft. Das ist nun der Fall.

Der Aktienkurs ist seit Monaten auf Sinkflug - seit Dezember hat sich der Kurs fast halbiert. Von den Ausgleichszahlungen profitiert vor allem der singapurische Staatsfonds Temasek, der bereits fast 10 Prozent an Merrill hält. Er erwirbt weitere Aktien für 3,4 Milliarden Dollar, zahlt aber effektiv nur 900 Millionen Dollar. Durch den Schritt könnte der Temasek-Anteil auf bis zu 15 Prozent steigen. Der wachsende Einfluss eines Staatsfonds dürfte bei einigen US-Politikern für Verärgerung sorgen.

Die Anleger traf der jüngste Merrill-Schock tief ins Mark. Zuletzt waren nach überraschend starken Zahlen von Credit Suisse leise Hoffnungen auf ein nahendes Ende der seit einem Jahr schwelenden Krise aufgekeimt. Sie hat bei Banken weltweit zu Abschreibungen von über 400 Milliarden Dollar geführt. "Die Subprime-Krise ist noch nicht verdaut und den Banken droht bereits neuer Ärger durch den Wirtschaftsabschwung", sagte Dieter Hein, Bankenexperte vom Analystenhaus Fairesearch. "Die Aussichten auch für die deutschen Institute sind eher verhalten."

Auch die Analysten der Ratingagentur Standard & Poor's erwarten in den nächsten Monaten zunehmende Probleme der Geldhäuser im klassischen Kreditgeschäft.

Der seit Ende vergangenen Jahres amtierende Merrill-Lynch-Chef John streicht derzeit mehr als 4000 der Ende 2007 noch rund 63.000 Stellen.

manager-magazin.de mit Material von dpa und reuters

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