Dax-Geflüster Wie Banken mit ihrer Zukunft spielen

Die krisengeschüttelten Finanzinstitute streiten mit der EU über neue Regeln am Kreditmarkt. Sie wehren sich gegen schärfere Kontrollen: Der Versuch, ihre zuletzt märchenhaften Gewinnmargen zu retten, könnte sie aber den letzten Rest Vertrauen kosten. Mit der jüngsten Erholung dürfte es rasch wieder vorbei sein.

Es ist ein Paradies für Zocker. Binnen fünf Handelstagen hat die Aktie der Deutschen Bank  rund 25 Prozent zugelegt, nachdem sie Ende vergangener Woche zeitweise auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen war. Das Papier der Commerzbank  hat eine ähnlich rasante Erholung hinter sich. Die Aktie der US-Bank Citigroup , die im Zuge der Kreditkrise bislang 56 Milliarden Dollar abgeschrieben und sich damit den Spitzenplatz gesichert hat, sprang binnen fünf Handelstagen um mehr als 30 Prozent nach oben. Krise ausgestanden?

Noch lange nicht. Die extremen Kursschwankungen sind lediglich Zeichen für eine extrem hohe Nervosität unter Investoren. Zum Wochenschluss ging es bereits wieder nach unten.

Internationale Großbanken, die für das Funktionieren der weltweiten Finanzmärkte eine Schlüsselrolle spielen, werden derzeit gehandelt wie damals die großen Luftbuden am Neuen Markt: Raus, rein und wieder raus. Jede neue Nachricht gibt eine neue Richtung vor.

Um die Märkte zu beruhigen und langfristige Anleger wiederzugewinnen, müssen die Geldhäuser Vertrauen schaffen. Das stellt sich nicht allein dadurch ein, dass etwa die US-Regierung den taumelnden Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac  mit Steuergeld in Milliardenhöhe zur Seite springt. Es sind auch innere Reformen nötig: Neue Spielregeln in der Branche, die sicherstellen, dass sich ein Desaster wie der weltweite Handel mit faulen Kreditpaketen nicht wiederholen kann.

EU: 10 Prozent des Risikos in den Büchern

In diese Richtung geht der jüngste Vorschlag der EU-Kommission. Banken sollen in Wertpapiere gebündelte Kreditpakete nur noch dann kaufen dürfen, wenn der Verkäufer mindestens 10 Prozent davon in seinen Büchern behält. Die Branche wehrt sich dagegen. Dann würden Kredite für Unternehmen, Häuslebauer und Verbraucher knapp und teuer, heißt es in einem Brief an EU-Kommissar Charles McCreevy. Noch immer halten es viele Branchenvertreter für unverzichtbar, dass Kredite in großem Stil weiterverkauft und Risiken auf diese Weise weitergereicht, sprich breit gestreut werden.

Eine abenteuerliche Argumentation. Schließlich liegt die Wurzel der weltweiten Kreditkrise darin, dass Banken Kredite wie durchlaufende Posten behandelt und dabei jedes Gefühl für Risiken verloren haben. Je höher das Risiko, desto höher die Rendite und umso höher der Bonus am Jahresende - so lange man einen Dummen findet, an den man die faulen Kredite, hübsch verpackt und gebündelt zu undurchschaubaren Paketen, weitergeben kann. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Noch im Herbst 2007 tourten US-Investmentbanken emsig durch Deutschland und verkauften schicke ABS-Pakete an deutsche Landesbanken und andere Kreditinstitute, die mit dem hoch verzinsten Giftmüll ihre Rendite aufpeppen wollten. Das Management der IKB  hat es mit einer besonderen Mischung aus Naivität und Selbstüberschätzung sogar geschafft, dass die biedere deutsche Mittelstandsbank mit bislang 16 Milliarden Dollar an Abschreibungen derzeit auf Platz fünf der größten Geldverbrenner notiert - weltweit.

Die bittere Einsicht: Ein fauler Kredit verschwindet nicht, wenn er "breit gestreut" wird. Er wirkt, wie im Fall der US-Hypotheken, manchmal sogar extrem infektiös, Inzwischen hat Giftmüll auch vormals gesunde Bereiche angesteckt, die mit dem US-Immobilienmarkt gar nichts zu tun haben.

Klägliche Reformversuche

Klägliche Reformversuche

Der Widerstand der Banken gegen neue Spielregeln ist nicht nachzuvollziehen - zumal sie in der schlimmsten Finanzkrise seit Jahrzehnten stecken. Rund 450 Milliarden Dollar haben die Kreditinstitute bislang abgeschrieben oder wertberichtigt. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds könnten die Schäden bis auf 1000 Milliarden Dollar steigen. Ohne sichtbare Zeichen, dass sie aus der Krise gelernt haben, werden Kreditinstitute ihre Kunden nicht wiedergewinnen.

Das Bemühen der Banken, zunächst selbst Reformen zu entwickeln und durch freiwillige Selbstverpflichtungen einer stärkeren staatlichen Aufsicht zu entgehen, ist verständlich. Schließlich bedeutet mehr staatliche Regulierung nicht unbedingt mehr Qualität, und viele Politiker, die jetzt lautstark nach schärferen Regeln rufen, haben jahrelang nichtsahnend und tatenlos in den Aufsichtsgremien von IKB, SachsenLB oder KfW gesessen.

Doch was kommt bei dem Versuch der Branche, sich selbst zu reformieren und damit auf die Krise zu reagieren, heraus?

Der internationale Bankenverband IIF will zwar mit einer brancheneigenen Aufsichtsinstanz die Selbstkontrolle stärken. Doch gleichzeitig spricht sich der Verband für eine Veränderung der Bilanzierungsregeln aus. Diese soll den Finanzinstituten den Ausweis allzu hoher Verluste in der Bilanz ersparen. Bei einem starken Verfall von Wertpapieren sollen Banken demnach eine Bilanzierung wählen können, die diesen Verlust nicht in voller Höhe abbildet.

Die US-Investmentbank Goldman Sachs ist aus Protest gegen dieses Vorhaben im Juni aus dem IIF ausgetreten. Zwar gab sich der amtierende IIF-Präsident, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, in der vergangenen Woche in Washington diplomatisch und kündigte lediglich "Gesprächsbedarf" hinsichtlich der Bilanzierung an. Doch als Signal, das Vertrauen wiederherstellt, taugt der Abschlussbericht des IIF nicht.

Wenn die Kreditinstitute Eingriffe von außen wie den 10-Prozent-Vorschlag der EU-Kommission verhindern wollen, müssen sie eigene, bessere Vorschläge machen. Der Einwand, dass regionale Lösungen den globalen Wettbewerb verzerren, reicht nicht aus.

Halsbrecherische Hebel

Halsbrecherische Hebel

"Ein Markt kann nur dann effektiv funktionieren, wenn er für alle Beteiligten transparent ist", sagt Jochen Felsenheimer, Kreditstratege bei der Unicredit Group. Schlupflöcher wie die berüchtigten "Structured Investment Vehicles" (SIV), in denen Banken Milliardenrisiken außerhalb ihrer eigenen Bilanz versteckten, dürfe es nicht mehr geben - nach Ansicht von Felsenheimer bestehe darüber Konsens in der Branche.

Verbesserungswürdig sei auch die Aufsicht, die Schlupflöcher wie die SIV jahrelang toleriert hat, sowie die Arbeit der Ratingagenturen, die Pakete aus hochriskanten Krediten mit besten Ratings versehen und damit falsch bewertet haben.

Den entscheidenden Schritt, um aus der Krise herauszukommen, müssen die Banken jedoch selbst gehen. Er besteht darin, Abschied zu nehmen von den märchenhaften Renditen von 20 bis 25 Prozent, die viele Finanzhäuser in den vergangenen Jahren erzielt haben. "20 Prozent Rendite auf das Eigenkapital sind nur bei sehr hohen Risiken möglich. Wenn man gesünder und langfristig stabiler wachsen will, muss man sich mit deutlich weniger zufrieden geben", sagt Felsenheimer.

Zukunft auch ohne "high leverage"

Zum Teil abenteuerliche Derivate haben in Zeiten der Kreditblase wie Hebel gewirkt. Sie dienten dazu, den Gewinn über die 20-Prozent-Marke zu stemmen. "Die Rückkehr zur Normalität bedeutet nichts anderes, als diese Hebel wieder herauszunehmen", sagt der Kreditexperte. Bescheidenere Renditeziele und die Rückkehr zu einem "normalen Branchenwachstum" bedeuteten die Chance auf eine gesündere, stabilere Struktur.

Die Kurshöhen aus dem Frühjahr 2007 werden viele im Dax  notierte Banken lange nicht mehr wiedersehen. Da das Kredit- und das Investmentbankinggeschäft vorerst nicht mehr als Goldesel dienen kann, muss sich die Branche in den kommenden Jahren mit bescheideneren Gewinnmargen begnügen.

Das rechtfertigt einen Kursabschlag auf Finanztitel, bedeutet aber nicht das Ende des Wachstums in der Branche: Auch mit dem klassischen, ungehebelten Konsumenten- und Kreditgeschäft lässt sich Geld verdienen, zumal der Bedarf in den Schwellenländern nach Altersvorsorge und Finanzdienstleistungen stark wächst.

Kreditinstitute können auch ohne halsbrecherische Gewinnhebel und mit einer gestärkten Aufsicht, sei es durch funktionierende Selbstkontrolle oder durch externe Aufsichtsbehörden, gutes Geld verdienen. Sie sollten nicht versuchen, nach den Regeln der vergangenen Jahre weiterzuspielen und ihre märchenhaften Gewinnmargen zu verteidigen. Denn die jüngsten vier Boomjahre, als Geld im Überfluss und Risiko scheinbar nicht vorhanden war, haben nicht mit einem märchenhaften Happy End, sondern mit einem Alptraum geendet. Banken müssen sich von diesem düsteren Märchen verabschieden - anderenfalls kehrt kein Vertrauen zurück.

Dann bleiben global agierende Banken, wie derzeit, Spielbälle der Zocker.

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