Paul A. Samuelson Der letzte Generalist

Markteffizienz, Inflation, Demografie - Paul A. Samuelson trug zu allem Maßgebliches bei. Seine wichtigste Leistung aber war eine andere: Der Nobelpreisträger verband vor Jahrzehnten die Neoklassik mit den Ideen von John Maynard Keynes. Am Sonntag starb der Ökonom im Alter von 94 Jahren.

Hamburg - Chicago, die 30er Jahre. Weltwirtschaftskrise. Banken brechen zusammen, in Massen verlieren die Menschen ihre Jobs. Mittendrin: Der Teenager Paul Anthony Samuelson, Sohn eines jüdischen Drogisten, ausgestattet mit ausgezeichneten analytischen Fähigkeiten - und, wie er später feststellt, dem Glück, immer im richtigen Moment am richtigen Platz zu sein.

Es war bereits Zufall, so sagte Samuelson einmal, dass er zu jener Zeit in eine Vorlesung über Thomas Malthus' Theorie zum Bevölkerungswachstum geriet. Samuelson wundert sich, dass er all die komplizierten Differenzialgleichungen so einfach versteht - und schreibt sich kurz entschlossen zum Wirtschaftsstudium ein.

Der Ort seiner akademischen Ausbildung: Die Universität von Chicago, damals das Zentrum neoklassischer Mikroökonomie. Wiederum kommt Samuelson das Schicksal zu Hilfe - er wählte die Uni nur, weil er eben in der Nähe wohnte.

Es begann eine der beeindruckendsten Ökonomenlaufbahnen des vergangenen Jahrhunderts. Im Eiltempo absolvierte "Wunderkind" Samuelson Grund- und Hauptstudium in Chicago und an der Harvard-Universität in Cambridge, promovierte 1941, da war er gerade Mitte 20, wurde Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1986 - und erschien auch danach noch lange beinahe täglich im Büro.

"Die Arbeit, die mich immer am meisten interessiert hat und die mich auch heute noch am meisten reizt, ist die Weiterentwicklung der mathematischen Wirtschaftswissenschaften", sagte Samuelson im Sommer vergangenen Jahres im Gespräch mit manager-magazin.de. "Auch wenn man das nicht so sehr in meinen Veröffentlichungen sieht, davon habe ich nie abgelassen." Allen Ratschlägen und Statements, die er zu ökonomischen Themen abgegeben hat, lagen laut Samuelson mathematische Analysen zugrunde - auch, wenn sie nicht immer mitpubliziert wurden.

Und veröffentlicht hat er einiges. In sieben Jahrzehnten schrieb Samuelson unzählige Fachartikel und Kolumnen sowie mehrere Bücher. Allen voran: "Economics" (deutsche Ausgabe: "Volkswirtschaftslehre"), eines der Standardlehrbücher dieser Disziplin, weltweit millionenfach verkauft.

"Schon als ich das Buch schrieb, wusste ich, dass es Erfolg haben würde, denn es bestand Bedarf nach einem solchen Lehrbuch", sagte Samuelson. "Was ich aber nicht ahnen konnte, war, dass es für mehr als 50 Jahre den Standard für ökonomische Lehrbücher setzen würde."

Berater von Kennedy und Clinton

Berater von Kennedy und Clinton

Samuelson beriet John F. Kennedy als Senator von Massachusetts und später - informell - auch als Präsidenten der Vereinigten Staaten. Auch andere Männer im höchsten Amt der USA hörten auf seinen Rat, darunter Bill Clinton, in dessen zweiter Amtszeit er dabei half, den US-Haushalt auszugleichen. Der Nato, dem US-Schatzamt und der Notenbank Fed stand der Ausnahmeökonom ebenfalls zur Seite.

Vor allem aber forschte er - und wurde dafür vielfach mit Preisen und Ehrendoktorwürden ausgezeichnet. Kaum ein Wirtschaftswissenschaftler hat sich im vergangenen Jahrhundert auf so vielen verschiedenen Gebieten Gehör verschafft, wie Samuelson. Der 94-jährige sechsfache Vater, der - wenn er nicht gerade seinen geliebten portugiesischen Wasserhund "Dacia" ausführte - bis ins hohe Alter Vorträge hielt und fleißig publizierte, bezeichnete sich selbst einmal als "letzten Generalisten" seiner Zunft.

Beispiel Altersvorsorge: Samuelson erkannte schon in den 50er Jahren, dass die Menschen für ihr Alter mehr sparen müssen. Er entwickelte zudem ein Analysetool, mit dem Wirtschaftsprozesse über mehrere Generationen dargestellt werden können.

Beispiel Markteffizienz: Samuelson vertrat als einer der Ersten die These, dass Informationen auf Kapitalmärkten heute so schnell verarbeitet - im Jargon "eingepreist" - werden, dass Kursverläufe praktisch nicht vorhersagbar sind. Kein Wissensvorsprung lasse sich lange genug halten, um daraus Profit zu schlagen - ein Postulat, das vor allem bei Börsenpropheten und Charttechnikern wenig Begeisterung auslöste.

Auch der Theorie öffentlicher Güter, bei denen die herkömmliche Preisbildung versagt und die daher vom Staat bereitgestellt werden müssen (Stichwort: Infrastruktur), hat er den Weg bereitet. Und: Samuelson war gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Solow maßgeblich an der Verbreitung der sogenannten Phillips-Kurve beteiligt, die eine Tauschbeziehung zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation unterstellt.

Hierzulande machte Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) diese Theorie populär ("Lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit"). Später wurde sie allerdings durch das Aufkommen stagflationärer Tendenzen unterminiert.

Der Meister kritisiert seine Schüler

Der Meister kritisiert seine Schüler

Zuletzt sorgte Samuelson 2004 in der Globalisierungsdebatte für Wirbel. Der allgemeine Konsens war seinerzeit - gemäß der bereits 200 Jahre zuvor aufgestellten Freihandelstheorie des britischen Ökonomen David Ricardo -, die stetige Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung sei letztlich von Vorteil für alle Beteiligten.

Samuelson wies jedoch darauf hin, dass die aufkommende Konkurrenz beispielsweise ausländischer Autobauer durchaus zur Bedrohung US-amerikanischer Arbeitsplätze werden könne. Keine neue Erkenntnis an sich, der US-Ökonom selbst hatte schon Jahre zuvor auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht. Zudem gibt ihm die Realität mehr und mehr recht.

Auch Ricardos Überlegungen werden damit keineswegs konterkariert, denn Samuelson ging bei seiner Herleitung von anderen Prämissen aus. Wohl aber richtete sich die Kritik des Altmeisters gegen seine ehemaligen Studenten Jagdish Bhagwati (seinerzeit Professor in New York) und Gregory Mankiw, den damaligen Wirtschaftsberater von US-Präsident George W. Bush. Beide hatten nach Auffassung Samuelsons "schlechte Beiträge" zur Globalisierung geschrieben, die er richtigstellen wollte, ließ er in einem Interview wissen.

Als Globalisierungsgegner will Samuelson aber nicht verstanden werden. Die Politik solle auf seine Erkenntnisse nicht mit Protektionismus oder gar Autarkiebestrebungen reagieren, sagt er. Denn "stark abgeschirmte Gesellschaften tendieren zur Stagnation. Und das ist weder im Sinne Ricardos noch der modernen analytischen Wirtschaftswissenschaft." Samuelsons Fazit: Richtig ist der Mittelweg. Globalisierung ja, aber mit einer Hand an der Handbremse.

"Ich bin ein Mann der Mitte"

Als Mäßiger erwies sich der Ökonom auch bei seiner wohl beachtlichsten wissenschaftlichen Errungenschaft: Er verschmolz die lange Zeit gültige neoklassische Wirtschaftstheorie, nach der am Markt - vereinfacht gesagt - allein der Preis eines Gutes oder der Lohn einer Arbeitsleistung für Gleichgewicht sorgt, mit den Thesen von John Maynard Keynes.

"Ich war nie Extremist", kommentierte Samuelson diese Leistung, die nicht nur mit einem gründlichen Sinneswandel, sondern auch mit einem Wechsel der Universität einherging. "Ich bin ein Mann der Mitte, und als solcher muss man seine Position von Zeit zu Zeit verändern."

Hintergrund: In Chicago war der junge Mann zum reinen Neoklassiker geschult worden. Was er zu jener Zeit, in den Jahren der großen Depression, auf den Straßen der Windy City zu sehen bekam, war mit dieser Lehre aber nicht vereinbar. Tausende Menschen verloren ihren Arbeitsplatz - und versuchten vergeblich, einen neuen zu finden.

Samuelson wird Keynesianer

Samuelson wird Keynesianer

In der neoklassischen Theorie fand sich dafür keine Erklärung. Lohnsenkungen hätten das Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt vielmehr beseitigen müssen. Stattdessen wurde offensichtlich, dass in extremen wirtschaftlichen Krisen offenbar mehr nötig ist, als das freie Spiel von Angebot und Nachfrage, um eine Trendwende in Richtung Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsplus herbeizuführen.

Keynes hatte auf diese Erkenntnis seine damals neue Theorie gebaut. Er sah in der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen die entscheidende Größe - und forderte, der Staat müsse an dieser Stelle stimulierend wirken. Samuelson fand das einleuchtend - mit seinem Wechsel an die Harvard-Universität wurde er zum Keynesianer. Und mehr noch, er fand einen Weg, den Widerspruch zwischen beiden Lehren aufzulösen.

Sein Kniff: Er führte zwei verschiedene Arten von Krisen in die Theorie ein, die neoklassische, die durch zu hohe Löhne ausgelöst wird, und die keynesianische, bei der es an der Nachfrage hapert. Sowohl auf Seiten der Neoklassiker als auch auf Seiten der Keynesianer machte er sich mit dieser Aufweichung der jeweiligen Lehre allerdings nicht nur Freunde.

"Das System von Keynes gab mir die Handhabe, die mir meine Professoren in Chicago nicht hatten geben können", sagte Samuelson. "Und - mit ein paar Ausnahmen - konnten sie mir diese Handhabe nie geben." Sein Schwenk führte letztlich auch zu der gewaltigen Diskrepanz zwischen ihm und Milton Friedman, seinem großen wirtschaftsliberalen Konterpart. Beide absolvierten die Universität von Chicago etwa zur gleichen Zeit und lieferten sich später - bis zu Friedmans Tod im Jahr 2006 - jahrzehntelang akademische Diskurse auf hohem Niveau.

"Das letzte Element ist, natürlich, Glück."

1970, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, erhielt Samuelson den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Der Preis wurde in jenem Jahr erst zum zweiten Mal verliehen. Samuelson bekam ihn "für wissenschaftliche Arbeiten, durch welche er eine statische und dynamische wirtschaftliche Theorie entwickelte", so die offizielle Begründung des Komitees.

Mehr als jeder andere zeitgenössische Ökonom habe er dazu beigetragen, das Niveau der Analyse in der Wirtschaftswissenschaft zu heben. Auch die Schweden erkannten die große Zahl verschiedener Gebiete, die Samuelsons Leistungen abdecken. In der Laudatio mussten sie sich daher auf Beispiele beschränken.

Am Abend der Preisverleihung, beim feierlichen Bankett, nannte Samuelson die fünf Väter seines Erfolgs: Wichtig seien vor allem seine großartigen Lehrer (darunter Joseph Schumpeter, Wassily Leontief und Alvin Hansen, der "amerikanische Keynes"), seine Kollegen (Robert Solow, James Tobin) und seine Schüler (Robert Mundell, Joseph Stiglitz) gewesen. Auch die Lektüre der "großen Meister", wie etwa - den Ort des Geschehens würdigend - Bertil Ohlin, Gunnar Myrdal oder Erik Lundberg, seien unerlässlich.

All dies nutze jedoch nichts ohne die fünfte Bedingung, sagte Samuelson am Ende seiner Ansprache: "Das letzte Element ist, natürlich, Glück." Samuelson starb am Sonntag im Alter von 94 Jahren.

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