Zinsentscheid Chapeau, Monsieur Trichet!

Den Warnungen von Politik und Gewerkschaften zum Trotz - der Chef der Europäischen Zentralbank ist standhaft geblieben. Jean-Claude Trichet setzt damit ein klares Zeichen für die Unabhängigkeit der Notenbank und die Stabilität der kommenden Weltwährung.
Von Andreas Nölting

Chapeau, Monsieur Trichet! Der zuweilen ein wenig kauzig und unberechenbar wirkende Franzose Jean-Claude Trichet hat dem politischen Druck europäischer Staatschefs widerstanden und den Leitzins um einen Viertelpunkt auf 4,25 Prozent angehoben. Der Präsident der Europäischen Zentralbank setzt damit ein deutliches Zeichen für die Unabhängigkeit und die Glaubwürdigkeit seiner Notenbank, die Stabilität der kommenden Weltwährung Euro und die Zukunftsfähigkeit des europäischen Wirtschaftsraums.

Geld wird künftig teurer. Denn mit dem Leitzins bestimmt das EZB-Direktorium den Zinssatz, zu dem sich die Geschäftsbanken von der Notenbank Liquidität besorgen können. Die Geschäftsbanken wiederum werden (sie müssen es allerdings nicht) diese höheren Kosten an ihre Kunden weiterreichen. Will etwa ein Unternehmen eine Investition per Fremdkapital finanzieren, muss es höhere Kreditzinsen zahlen und überlegt sich den geplanten Ausbau seiner Fabrik zweimal. Eine Zinserhöhung wirkt daher – platt formuliert – kurzfristig wie eine Konjunkturbremse, ist Gift für die wirtschaftliche Prosperität und die Aktienmärkte.

Kritiker offenbaren wenig ökonomischen Sachverstand

Natürlich werden jetzt europäische Staatsoberhäupter, Wirtschaftsminister sowie Gewerkschafter aufheulen und die Hartherzigkeit Trichets anprangern. Wie wenig Verständnis für eine unabhängige und an der Geldwertstabilität ausgerichtete Notenbankpolitik Politiker haben, hat Nicolas Sarkozy unlängst bewiesen: "Erzählt mir nicht, dass die Zinsen steigen müssen, um die Inflation zu bekämpfen", meinte der französische Präsident arrogant. Und auch der Deutsche Gewerkschaftsbund schimpft, eine Zinserhöhung gefährde "fahrlässig Hunderttausende Arbeitsplätze".

Solche Äußerungen allerdings offenbaren wenig ökonomischen Sachverstand und sind eine Verharmlosung des Phänomens Inflation. Die Stabilität des Geldwerts ist eine unabdingbare Voraussetzung für das Prinzip Marktwirtschaft überhaupt, ohne einen stabilen Euro wird der europäische Wirtschaftsraum außer Kontrolle geraten, viele, viele Unternehmen und deren Arbeitsplätze gefährden.

Denn erwarten die Akteure, dass das Geld künftig weniger wert ist, werden sie schon jetzt höhere Preise und höhere Löhne einfordern. Es entsteht eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale, und die Inflation gerät - so wie in den 70er Jahren - außer Kontrolle. Geschieht dies in einer Phase wirtschaftlicher Stagnation, droht der volkswirtschaftliche GAU, das übelste ökonomische Szenario überhaupt: die Stagflation.

EZB setzt sich wohltuend von der US-Notenbank ab

Mit der Zinserhöhung zieht Trichet nun die Notbremse. Ihm blieb nichts anderes übrig. Natürlich wird dies den dramatischen Anstieg der Energiepreise nicht stoppen. Einen solchen Angebotsschock kann die Geldpolitik nicht konterkarieren, aber sie kann auf die Erwartungen einwirken, dass mittelfristig die Preise wieder sinken werden. Und das ist richtig.

Mit seiner souveränen und ruhigen Geldpolitik setzt sich der Europäer Trichet positiv vom zuweilen hektisch und konfus wirkenden Aktionismus der US-Notenbank um Ben Bernanke ab. Dessen (und die seines Vorgängers Alan Greenspan) eingeleitete Politik des billigen Geldes sowie die unkritische Nähe zu den US-Granden hat maßgeblich zur Subprime- und der darauffolgenden weltweiten Finanzkrise geführt.

Geradezu panisch hat Bernanke daraufhin mit vielen kleinen Schritten die Leitzinsen gesenkt. Das Ergebnis: Die US-Inflation ist höher als in Euro-Land, das Wachstum schwächt sich ab, der Dollar hat seinen Glanz verloren, und das US-Finanzsystem wankt weiterhin am Abgrund.

P.S.: Herzlichen Dank an die vielen Nutzer, die sich vor der EZB-Entscheidung an unserem Vote zur Zinspolitik beteiligt haben. Das Ergebnis zeigt den ökonomischen Sachverstand, den die Leser von manager-magazin.de offenbar haben: Insgesamt 80 Prozent der Nutzer plädierten für eine Zinserhöhung (um mindestens 0,25 Basispunkte), 54 Prozent der Teilnehmer favorisierten sogar ein kräftigen Schritt um 0,5 Punkte.

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