Zinsen Trichet wählt den kleinen Schritt

Angesichts des starken Preisanstiegs in der Eurozone hat die Europäische Zentralbank zum ersten Mal seit einem Jahr den Leitzins angehoben. Er steigt um 25 Basispunkte auf 4,25 Prozent. Die Reaktionen sind gespalten: Die Entscheidung stößt sowohl auf scharfe Kritik als auch anerkennendes Lob.

Frankfurt am Main - Die Leitzinsen in der Eurozone steigen auf 4,25 Prozent. Das teilte die Europäische Zentralbank am Donnerstagmittag mit. Die meisten Marktteilnehmer hatten im Vorfeld der Entscheidung mit einem Zinsschritt von 25 Basispunkten gerechnet, andere wiederum auch einen größeren Zinsschritt nicht ausgeschlossen.

Die Entscheidung ist umstritten: Die Zentralbank setzt darauf, durch höhere Zinsen die zuletzt hohen Preissteigerungen einzudämmen. Politiker befürchten, eine Zinserhöhung könne die Konjunktur schwächen und zudem den zuletzt starken Euro weiter beflügeln.

Trichet hatte bereits Anfang Juni mit ungewöhnlich deutlichen Worten eine Zinsanhebung signalisiert. Die Notenbank ist besorgt über die hohe Inflation im Euro-Raum: Im Juni erreichte die jährliche Teuerungsrate infolge hoher Öl- und Nahrungsmittelpreise mit 4,0 Prozent den höchsten Stand seit Einführung des Euro am 1. Januar 1999. Das ist doppelt so hoch wie das Ziel von 2,0 Prozent, bei dem die EZB Preisstabilität definiert.

Und so begründete Trichet am Nachmittag den Zinsentscheid vor allem mit den erhöhten Inflationsgefahren. Die Erhöhung solle Zweitrundeneffekte verhindern und wirke den mittelfristigen Inflationsgefahren entgegen, sagte der EZB-Präsident während einer Pressekonferenz. Die Geldpolitik werde zur Erreichung des Preisstabilitätsziels beitragen. Die Inflation sei besorgniserregend. Die Risiken für die Preisentwicklung im Euroraum hätten sich zuletzt erhöht und seien nach wie vor aufwärts gerichtet. Auch das Geldmengen- und Kreditwachstum im Euroraum sei nach wie vor kräftig. Dies sei ein wichtiges Signal für Inflationsrisiken.

Eine weitere Zinserhöhung ist vorerst wohl nicht in Sicht. "Die Geldpolitik wird nach der heutigen Entscheidung zum Ziel der Preisstabilität beitragen", zeigte Trichet sich überzeugt, ließ aber weitere Schritte der EZB erwartungsgemäß offen: "Wir sind nicht von Vornherein festgelegt. Wir werden tun, was notwendig ist, um die Kaufkraft zu wahren. Die Bürger können auf uns zählen."

Rainer Guntermann, Volkswirt von Dresdner Kleinwort erklärte dann auch in einer ersten Reaktion nach der Pressekonferenz: "Trichet hat uns wie erwartet keine klare Guidance gegeben. Von daher bleiben die Türen weit offen. Was die EZB entscheidet, wird nun von den neuen Daten abhängen. Derzeit deutet nichts auf eine weitere Zinserhöhung im August hin."

Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass die Zentralbank im September oder Oktober noch einmal die Zinsen erhöhen müsse, denn eine Entwarnung könne sie bei den Inflationsgefahren noch nicht geben.

Uwe Angenendt, Chefvolkswirt der BHF-Bank erklärte: "Die EZB nimmt jetzt eine neutrale Haltung ein. Sie wartet ab, wie es mit Inflation und Wachstum weitergeht. Eine Serie von Zinserhöhungen hat Trichet nicht angekündigt. Das ist für den Aktienmarkt positiv." Gleichwohl schloss auch Angenendt einen weiteren Zinsschritt nach oben noch in diesem Jahr nicht aus.

Geteiltes Echo auf die Zinsentscheidung

"Ursachen der Inflation außerhalb der Eurozone"

Während Privatbanken und Sparkassen den Zinsbeschluss der EZB begrüßten, äußerten sich die Genossenschaftsbanken zurückhaltender. Die Erhöhung sei vertretbar, aber nicht zwingend, erklärte der Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken am Donnerstag. Eine straffere Geldpolitik sei erst dann nötig, wenn es deutliche Zeichen für eine Abkehr von der moderaten Lohnpolitik im Währungsraum gebe. Dies sei nicht zu erkennen. Die Ursachen für die hohe Inflation lägen außerhalb der Euro-Zone und zwar vor allem in der starken Energienachfrage der Schwellenländer.

Der Bankenverband als Vertretung der Privatbanken nannte den Schritt dagegen notwendig, um die Inflationserwartungen rechtzeitig zu dämpfen. "Das Risiko einer Stagflation, wie sie von vielen derzeit befürchtet wird, kann nicht mit einer laschen Haltung gegenüber der Inflation beseitigt werden", sagte Hauptgeschäftsführer Manfred Weber. Auch Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis sprach von einer richtigen Entscheidung. "Die EZB hat damit deutlich gemacht, dass sie die derzeit hohen Preissteigerungsraten in Europa nicht auf Dauer hinnehmen wird", erklärte der Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands.

"EZB gefärhdet Hunderttausende Arbeitsplätze"

Erwartungsgemäß erneuerte dagegen die Gewerkschaft ihre Kritik an der Zinsentscheidung. "Die EZB schwächt dadurch die Konjunktur und gefährdet Hunderttausende Arbeitsplätze in der Euro-Zone", sagte der Chefvolkswirt des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Dierk Hirschel. "Das ist der Einstieg in den Abstieg, weil es die EZB dabei nicht belassen wird."

Die Wirtschaft reagierte dagegen mit Verständnis auf die erste Zinserhöhung der EZB seit mehr als einem Jahr. "Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank mag unbequem sein, ist aber notwendig und richtig", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann. Das Preisklima im Euro-Raum habe sich zuletzt durch massive Verteuerung von Energie und Nahrungsmitteln dramatisch verschlechtert. Da könne die EZB nicht tatenlos zusehen. "Der Zinsschritt ist auch als unmissverständliche Warnung an die Tarifparteien zu verstehen, keine neue Lohn-Preisspirale loszutreten."

Deutsche Bank warnt vor Stagflation

Deutsche Bank sieht vorerst kaum Wirkung auf Inflation

Die höheren Leitzinsen wirken sich nach Einschätzung des Chefvolkswirtes der Deutschen Bank, Norbert Walter, nicht direkt auf die hohe Inflationsrate in der Eurozone aus. Allerdings werde das Sparen attraktiver, sagte Walter am Donnerstag im Hessischen Rundfunk. "Auf diese Weise haben wir eine Perspektive, dass die Inflationsrate, die wir ja unter 2 Prozent halten wollen, nicht auf diesem hohen Niveau bleiben wird." Einen möglichen Dämpfer für die Wirtschaft müsse man dabei akzeptieren.

Ausdrücklich warnte Walter davor, angesichts der hohen Inflationsrate von 4 Prozent im Euro-Raum Preise und Löhne zu erhöhen. "Wir haben derzeit in Unternehmen, beim Staat und bei den Gewerkschaften die Vorstellung, die Preisbelastungen der letzten Zeit könnten auf die Preise und Löhne umgelegt werden. Wenn das geschieht, enden wir in der Inflation."

Walter äußerte sich zudem im SWR besorgt, dass es in Deutschland zu einer Stagflation - also einer Mischung aus schwacher Konjunktur und hoher Inflation - kommen könnte. Schon im kommenden Jahr gebe es in der Bundesrepublik kaum noch Wachstum und gleichzeitig eine Teuerungsrate, die weit vom Ziel unter 2 Prozent entfernt sei.

manager-magazin.de mit Nachrichtenagenturen

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