EZB "Signal an den Markt"

Die Zinserhöhung war keine Überraschung, sagt Erik Nielsen, Europa-Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Doch was kommt nun - gewinnt die Wirtschaft wieder an Fahrt? Und wie wird es mittelfristig weitergehen?
Von Arne Gottschalck

mm.de: Herr Nielsen, die EZB hat gesprochen und die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Sind Sie zufrieden, war das der richtige Schritt?

Nielsen: Ich denke, das war die richtige Entscheidung. Wir haben in den vergangenen Monaten gesehen, dass die Inflation steigt. Und im vergangenen Monat zeigte sich die Gesamtwirtschaft stärker als erwartet. Das Dilemma zwischen Preisstabilität auf der einen und Wirtschaftswachstum auf der anders Seite ist also da, ließ aber Spielraum. Ich betrachte das als Signal an den Markt, dass die EZB die Inflationssorgen ernst nimmt.

mm.de: Wäre eine Erhöhung um 0,5 Prozentpunkte nicht ein noch deutlicheres Signal gewesen?

Nielsen: Sicher, aber das wäre übertrieben gewesen und hätte die Leute nicht beruhigt, sondern geschockt.

mm.de: Haben Sie diese Entscheidung erwartet?

Nielsen: Ja, das kam nicht überraschend. Schon vor einem Monat auf der Pressekonferenz der EZB wurde klar, dass die steigende Inflation als Problem ausgemacht wurde. Seitdem hat die Inflation weiter angezogen, aber auch die Indikatoren der wirtschaftlichen Aktivität waren stärker als erwartet. Daher wird sich die EZB, trotz der politischen Bedenken und der Sorgen um die Aktienmärkte, bemüßigt gefühlt haben, zu handeln.

mm.de: Was bedeutet das nun für die Wirtschaft - den Ölpreis kann die Zentralbank damit doch nicht drücken?

Nielsen: Das ist eine Fehlwahrnehmung. Freilich kann die Bank den Ölpreis nicht drücken, ebenso wenig wie den von Kartoffeln. Aber sie kann das gesamte Preisniveau kontrollieren. Und vergessen Sie nicht; eine niedrige Inflation ist auch gut für die Gesamtwirtschaft.

mm.de: Wie politisch war diese Entscheidung eigentlich - Politiker hatten sich ja quer durch Europa zu Wort gemeldet?

Nielsen: Da ist die EZB unabhängig. Sie mag es allerdings nicht, wenn die Leute ihr vorschreiben wollen, was sie zu tun hat. Und sie hat sich in der Pressekonferenz vom Donnerstag übrigens auch auf ihren Auftrag, der Sorge für Preisstabilität, berufen.

mm.de: Ändert die EZB damit ihre Politik der Stille? Immerhin hatte Bankchef Jean-Claude Trichet den Schritt ja bereits angedeutet?

Nielsen: Das hat sie auf gewisse Art schon immer getan. Sie hat Code-Worte genutzt, zum Beispiel "erhöhte Wachsamkeit". Das mag ich nicht, es schafft nur Unruhe. Nun hat sie es im Vorfeld etwas deutlicher gesagt.

mm.de: Wird es nach Ihrer Meinung in der Zukunft einen weiteren Zinsschritt geben.

Nielsen: Aller Wahrscheinlichkeit nicht. Allerdings ist das eine Frage, die sehr schwierig zu beantworten ist, weil niemand die Inflationserwartungen vorhersehen kann.

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