Nikolai Kondratjew Die K-Frage

Die Wirtschaft verläuft in langen Wellen, erkannte Nikolai Kondratjew bereits vor gut hundert Jahren. Der einzige Nachteil seiner Theorie - niemand weiß, wann so eine lange Welle ins Rollen kommt. Und ob nicht der sechste Kondratjew unmittelbar bevorsteht.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es klingt ein wenig nach den drei Fragezeichen, der Hörspielreihe jener drei Jungdetektive, die in den 80er Jahren deutsche Jugendzimmer bevölkerten und inzwischen wieder populär geworden sind. Die drei Fragezeichen und der sechste Kondratjew, das verspricht spannende Unterhaltung. Ist aber erlebte Geschichte.

Bereits vor über hundert Jahren nämlich hat Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew herausgefunden, wie die Welt funktioniert. Genauer, wie die Wirtschaft funktioniert. Sie entwickelt sich in lang andauernden Zyklen, erkannte der Russe. Rund 50 Jahre dauert so ein Zyklus, der mit einer längeren Aufschwungphase beginnt und einer kürzeren Abschwungphase endet. Freilich hieß das damals noch nicht Kondratjew - gesprochen übrigens wie geschrieben.

Der Entdecker selbst sprach von der "Theorie der langen Wellen". Erst Joseph Schumpeter prägte 1939 den Begriff der Kondratjews und modifizierte die Theorie, deren Anfang er in einer sogenannten Basisinnovation sah. Einer Erfindung, die die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig prägt. Kondratjew sah neue Techniken nur als Folge der langen Wellen, nicht als deren Ursache. Und er sah in den Wellen die Folge von Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus. "Indem wir das Vorhandensein langer Wellen behaupten und ihre Entstehung aus zufälligen Ursachen bestreiten, meinen wir zugleich, dass die langen Wellen Ursachen entspringen, die im Wesen der kapitalistischen Wirtschaft liegen."

Fünf davon gab es bislang, so der Konsens. Die Ära der Dampfmaschine zum Beispiel, die den ersten Kondratjew - oder auch K - prägte, gefolgt von Eisenbahn und Dampfschiff sowie der Elektrotechnik und der Schwerindustrie als K zwei und drei. Es folgte die Automatisierung - der K vier - und als fünfter K das Zeitalter der Informations- und Kommunikationstechnik. Nun steht der sechste Kondratjew an. Was ihn prägen wird, darüber streiten die Experten. Rohstoffe? Möglich, denn immerhin wird dieses Gut immer bedeutsamer, spätestens seit China in der Industrialisierung angekommen ist. Oder sind es Branchen wie Gesundheit und Biotechnologie? Oder vielleicht doch die Molekulartechnik?

Tödliche Analyse

Tödliche Analyse

Genau weiß es keiner. Denn die K-Zyklen verlaufen nun einmal nicht nach Lehrbuch. Und sie werden ihrerseits von kleineren Zyklen durchbrochen. Zum Beispiel vom Kuznet-Zyklus, der 15 bis 20 Jahre umfasst. Oder vom Juglar-Zyklus mit seinen sieben bis zwölf Jahren. Oder dem Kitchin-Zyklus, der drei bis fünf Jahre umfasst.

Der geistige Vater der Kondratjews war übrigens kein marktgläubiger Amerikaner. Er war Russe - und er arbeitete für die Sowjetunion. Eine Zeit lang war er Vize-Ernährungsminister, dann gründete und leitete er das Moskauer Konjunkturinstitut. Dort ersann er unter anderem den ersten Fünfjahresplan der Sowjets. Und er hatte die Entwicklung der Wirtschaften des Westens analysiert und war über deren Zyklen gestolpert. Daraus zog er allerdings eine Schlussfolgerung, die seinem Dienstherrn nicht gefiel. Denn wenn es solche Zyklen gäbe, sei der Kapitalismus auch nicht dem baldigen Untergang geweiht. Denn das System könne sich in einer Aufwärtsphase ja wieder regenerieren. Ein klarer Denkverstoß gegen die damalige Staatsdoktrin. Kondratjew kritisierte sogar, dass die sowjetische Landwirtschaft kollektiviert wurde. Dabei war das Ziel seiner Forschungen eigentlich ein ganz anderes.

Er sollte belegen, dass der Kapitalismus dem Untergang geweiht sei. Der Lohn für seine Offenheit folgte im Rahmen der großen Säuberung. Erst wurde Kondratjew ins Gefängnis geworfen, 1938 dann erschossen - ohne langes Gerichtsverfahren, nach nur einem kurzen Urteil eines Militärtribunals.

K hatte mit seinem Aufsatz von 1926 - übrigens in der Berliner "Zeitschrift für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" veröffentlicht - den Startschuss für eine andauernde Diskussion gegeben. Er selbst prognostizierte die dritte Welle Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zutreffend. Samt dem Börsenzusammenbruch und dem Schwarzen Freitag, samt der Weltwirtschaftskrise.

Der konjunkturelle Messias

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Auch nach Schumpeters Fortinterpretation blieb Kondratjew im Gespräch. 1978 hatte zum Beispiel Johann Millendorfer über die K-Zyklen nachgedacht und versuchte Kondratjews Modell soziopsychologisch zu untermauern. Ihm zufolge startet der Zyklus mit der Unzufriedenheit einer Generation über die von der Vorgängergeneration geschaffenen Rahmenbedingungen.

Heute wird darüber diskutiert, worin der sechste K liegen könnte - und wann er startet. Keine leichte Aufgabe. Denn die Basisinnovationen sind oftmals bereits vorhanden, treten aber erst durch bestimmte Umstände nach vorne. Die K-Frage geht weit über eine rein akademische Diskussion hinaus. Denn der Beginn eines Zyklus markiert regelmäßig einen Aufschwung. Und ein neuer Zyklus wäre in Zeiten wie diesen, wo Amerika zumindest am Rande einer Rezession steht, keine schlechte Nachricht. Das gilt auch für Anleger. Wer sein Geld frühzeitig in die Produzenten einer Basisinnovation steckt, dürfte ausgesorgt haben. Beispiel Microsoft und die Aktien des Hauses.

Wer am 13. März 1986 auch nur eine Microsoft-Aktie für seinerzeit 28 Dollar kaufte und sie bis 1999 behalten hätte, besäße nach den verschiedenen Aktiensplits Ende 1999 rund 14.000 Dollar. Kein Wunder also, wenn die Diskussionen um Kondratjew andauern. Und ebenso das Warten auf den neuen Kondratjew. Die K-Frage eben.

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