Wirtschaftskriminalität Ergebnisse

Um die Tendenzen in der Wirtschaft weiter verfolgen zu können, hat KPMG nach 1995 und 1997 zum dritten Mal eine Umfrage zum Thema Wirtschaftskriminalität durchgeführt. Im August 1999 hat der Unternehmensberater die 1000 umsatzstärksten deutschen Unternehmen befragt.

Frage: Stellen wirtschaftskriminelle Handlungen Ihrer Meinung nach für Unternehmen generell ein ernsthaftes Problem dar?

Ergebnis: Obwohl 69 Prozent der befragten Unternehmen der Meinung sind, daß dolose Handlungen für sie generell ein ernsthaftes Problem darstellen, stufen nur 28 Prozent die eigenen Kenntnisse möglicher wirtschaftskrimineller Handlungsmuster als gut oder sehr gut ein. Im Jahr 1997 wurden diese noch zu 37 Prozent mit gut oder besser eingestuft. Vier Prozent der befragten Unternehmen antworteten mit nein, 27 Prozent hielten es für möglich und 69 Prozent bejahten die Frage.

Frage: Wie schätzen Sie selbst Ihre Kenntnisse möglicher wirtschaftskrimineller Handlungsmuster ein?

Ergebnis: Die eigenen Kenntnisse werden demnach heute vorsichtiger eingeschätzt, die Sensibilität bezüglich der Problematik wirtschaftskrimineller Handlungen ist aber nach wie vor stark ausgeprägt. Aus dieser Erkenntnis wird deutlich, daß im Hinblick auf Wirtschaftskriminalität großer Informationsbedarf bei den Unternehmen besteht. Wenig Kenntnis bezeugen 18 Prozent der Unternehmen, 54 Prozent halten ihren Wissensstand für mittelmäßig und 28 Prozent denken, dass sie gut bis sehr gut informiert sind.

Frage: Wird das Ausmaß wirtschaftskrimineller Handlungen nach Ihrer Einschätzung in nächster Zeit steigen, stagnieren oder fallen?

Ergebnis: 99 Prozent der befragten Unternehmen erwarten, daß das Ausmaß wirtschaftskrimineller Handlungen in nächster Zeit nicht sinken wird. 88 Prozent gehen sogar von einer Steigerung aus.

Frage: Welche Gründe sind aus Ihrer Sicht für eine etwaige Zunahme verantwortlich?

Ergebnis: Der Verfall gesellschaftlicher Werte wird erneut als Hauptursache für wirtschaftskriminelle Handlungen genannt. Mit Abstand folgen als Gründe: die zunehmende Internationalisierung der Wirtschaft, unzureichende unternehmensinterne Kontroll- und Steuerungssysteme und wirtschaftliche Schwierigkeiten der Täter. Bereits 1997 wurde der Verfall gesellschaftlicher Werte als Hauptursache für wirtschaftskriminelle Handlungen genannt.

Gründe:

Verfall gesellschaftlicher Werte 67 Prozent Zunehmende Internationalisierung der Witschaft 48 Prozent Unzureichende interne Kontroll- und Steuerungssysteme 44 Prozent Wirtschaftliche Schwierigkeiten der Täter 41 Prozent Technologischer Wandel 38 Prozent Mangelnde Identifikation mit dem Unternehmen 34 Prozent Öffnung nach Osteuropa 33 Prozent Lean Management/Personalmangel 30 Prozent Zunehmender Leistungsdruck 13 Prozent Übrige 8 Prozent

Erfahrungen mit Wirtschaftskriminalität

Frage: Wurde Ihr Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen?

Ergebnis: 61 Prozent der befragten Unternehmen geben an, in den vergangen fünf Jahren Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen geworden zu sein. Dabei erreichte die Schadensumme – soweit genannt – in den einzelnen Unternehmen Werte von 10.000 bis 500 Millionen Mark.

Frage: Wieviele Unternehmen aus den jeweiligen Branchen wurden Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen?

Ergebnis: Eine branchenspezifische Betrachtung der Anzahl der Schadenfälle ergibt, daß im Handel 80 Prozent, in der Versicherungsbranche 78 Prozent und im produzierenden Gewerbe 76 Prozent der befragten Unternehmen dieser Branchen nach eigenen Angaben in den letzten fünf Jahren Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen wurden. Im Handel wird eine höhere Anzahl von dolosen Handlungen angegeben, allerdings in der Regel mit geringeren Schadensummen.

Frage: Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer der Schäden durch wirtschaftskriminelle Handlungen in Ihrem Unternehmen?

Ergebnis: 43 Prozent der bereits geschädigten Unternehmen gehen davon aus, daß die Dunkelziffer der Schäden in ihrem Unternehmen über eine Millionen Mark liegt. Eine Schätzung der Dunkelziffer wird jedoch dadurch erschwert, daß die Kenntnisse möglicher Handlungsmuster bei mehr als zwei Dritteln der Befragten lediglich mittel bis schwach ausgeprägt sind.

Frage: Wo wurden wirtschaftskriminelle Handlungen begangen?

Ergebnis: Im Ausland verübte wirtschaftskriminelle Straftaten fallen vergleichsweise wenig ins Gewicht. 57 Prozent der betroffenen Unternehmen sind international tätig, dennoch wurden nur 25 Prozent dieser Unternehmen nach eigenen Angaben im Ausland Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen.

Einige der Unternehmen verzichten nach Abwägen ökonomischer Chancen und Risiken ganz auf Geschäftsaktivitäten in ausgewählten Ländern, dies gilt nach eigenen Angaben insbesondere für Staaten des Ostblocks.

Frage: Welcher Personenkreis war an den wirtschaftskriminellen Handlungen beteiligt?

Ergebnis: In 29 Prozent der betroffenen Unternehmen waren auch Manager an einer Straftat beteiligt. Mitarbeiter waren in 64 Prozent der geschädigten Unternehmen beteiligt, Kunden in 54 Prozent sowie Lieferanten in 20 Prozent. Wirt-schaftskriminalität zeigt sich häufig durch kollusives Verhalten von unternehmensinternen und -externe Personen.

Frage: Gab es im Vorfeld Warnsignale für wirtschaftkriminelle Handlungen?

Ergebnis: Die Frage, ob es im Vorfeld Warnsignale für später aufgedeckte wirtschaftskriminelle Handlungen gab, wird von 38 Prozent der bereits geschädigten Unternehmen bejaht. Die Sensibilität in der Erkennung dieser Warnsignale hat gegenüber 1997 (24 Prozent) erheblich zugenommen.

Die häufigsten Nennungen sind: ungewöhnliche Verhaltensweisen der Täter, ausschweifender Lebenswandel der Täter und ungewöhnlich starkes Wachstum in einem bestimmten Unternehmensbereich. Dennoch wurde in fast 80 Prozent der Fälle nicht reagiert – die Anzeichen wurden entweder nicht als solche erkannt oder nicht ernst genommen.

Frage: Welcher Art waren die begangenen wirtschaftskriminellen Handlungen?

Ergebnis: Die Ausprägungsformen doloser Handlungen sind äußerst vielfältig. Unterschlagung, Wechsel-, Scheck- und Kreditkartenbetrug sowie Diebstahl sind die häufigsten Delikte. Die Vielfalt doloser Handlungen macht deutlich, wie komplex die Prävention gegen Wirtschaftskriminalität wirken muß. Perfekte Prävention ist unbezahlbar, vielmehr muß unter Berücksichtigung ökonomischer Gesichtspunkte (Kosten/Nutzen-Kalkül) die eigene Risikobereitschaft definiert werden.

Auf die Frage, ob schon einmal Computer-Hacker in das Netzwerk ihres Unternehmens eingedrungen sind, geben lediglich 6 Prozent der betroffenen Unternehmen an, dies entdeckt zu haben. Allerdings ist diese Ausprägung der Wirtschaftskriminalität erfahrungsgemäß mit einer hohen Dunkelziffer verbunden. Häufig stellen die Unternehmen gar nicht fest, ob ein Hacker im System war.

Dolose Handlungen (Mehrfachnennungen möglich):

Unterschlagung 50 Prozent
Wechsel-, Scheck-, Kreditkartenbetrug 43 Prozent
Kreditbetrug 38 Prozent
Diebstahl 38 Prozent
Scheinrechnungen 29 Prozent
Private Nutzung von Vermögensgegenständen 24 Prozent
Gefälschte Jahresabschlüsse/Finanzinformation 23 Prozent
Korruption 15 Prozent
Angebots-, Preisabsprachen 12 Prozent


Frage: Wodurch wurden wirtschaftskriminelle Handlungen aufgedeckt?

Ergebnis: Die wirtschaftskriminellen Handlungen wurden mit 38 Prozent der Nennungen überwiegend intern aufgedeckt. Die Zahl der zufällig entdeckten wirtschaftskriminellen Handlungen stieg allerdings im Vergleich zu unserer Umfrage von 1997 um sechs Prozent an. Dies zeigt einmal mehr den Handlungsbedarf der Unternehmen bezüglich der Aufdeckung doloser Handlungen der eigenen Mitarbeiter.

Mittel der Aufdeckung:

Internes Kontrollsystem, interne Revision 38 Prozent
Information durch Kunden/Lieferanten 22 Prozent
Zufall 16 Prozent
Mitteilung durch Polizei oder sonstige Behörden 8 Prozent
Jahresabschluß-Sonderprüfung durch Wirtschaftsprüfer 6 Prozent
Übriges 10 Prozent


Frage: Durch welche Umstände wurden die begangenen dolosen Handlungen ermöglicht beziehungsweise begünstigt?

Ergebnis: Begünstigt wurden die begangenen wirtschaftskriminellen Handlungen nach Angabe der betroffenen Unternehmen hauptsächlich durch unzureichende interne Kontroll- und Steuerungssysteme, Schwächen in der Organisation und Besonderheiten der Branche, des Unternehmens oder der Abteilung.

Begünstigende Umstände:

Unzureichende interne Kontrollsysteme 26 Prozent
Schwächen in der Organisation 24 Prozent
Besonderheiten von Branche/Unternehmen/Abteilung 21 Prozent
Kollusion zwischen Internen und Externen 9 Prozent
Fehlende Unternehmensleitlinien/Ethik 6 Prozent
Management Override 5 Prozent
Kollusion zwischen Internen 3 Prozent
Übrige 6 Prozent


Frage: Welche Maßnahmen wurden nach Entdeckung der wirtschaftskriminellen Handlungen ergriffen?

Ergebnis: Die Unternehmen untersuchen den Tathergang vorrangig intern (interne Revision/interne Task Force). Jedem fünften Täter wird gekündigt und/oder es wird Strafanzeige erstattet. Die Anzahl der erstatteten Strafanzeigen ist gegenüber unserer Umfrage von 1997 um 13 Prozent gesunken. Aufgrund der Außeneffekte versuchen Unternehmen offenbar, die Probleme eher zivilrechtlich und nicht strafrechtlich zu lösen.

Maßnahmen: Untersuchung durch interne Revision 26 Prozent
Kündigung 21 Prozent
Strafanzeige 20 Prozent
Klage auf Schadenersatz 12 Prozent
Einsatz von Detekteien 7 Prozent
Stille Übereinkunft 5 Prozent
Untersuchung durch Wirtschaftsprüfer 4 Prozent
Übrige 5 Prozent


Frage: Ist Ihr Unternehmen gegen Vermögensschäden infolge wirtschaftskrimineller Handlungen durch Mitarbeiter versichert?

Ergebnis: 56 Prozent der befragten Unternehmen, die schon einmal Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen wurden, haben eine Vertrauensschadenversicherung abgeschlossen. Weitere vier Prozent planen, eine Versicherung abzuschliessen.

Prävention und Ethik

Welche Maßnahmen haben Sie implementiert/ergriffen, um wirtschaftskriminelle Handlungen zu verhindern?

Frage: Welche Konsequenzen haben die befragten Unternehmen für sich gezogen?

Ergebnis: In der Regel wurden mehrere Maßnahmen ergriffen: 88 Prozent der befragten Unternehmen arbeiten an der Verbesserung ihrer internen Kontrollsysteme,

64 Prozent sensibilisieren ihre Führungskräfte,


36 Prozent erarbeiten Leitlinien zur Unternehmensethik und


29 Prozent führen Mitarbeiterschulungen zur Verhinderung/Aufdeckung von dolosen Handlungen durch.

Die Unternehmen haben erkannt, daß eine wirksame Prävention in verschiedenen Bereichen ansetzen muß. Einerseits ist ein leistungsfähiges internes Kontroll- und Steuerungssystem unverzichtbar. Andererseits können nur ausreichend geschulte und sensibiliserte Führungskräfte Warnzeichen für dolose Handlungen frühzeitig erkennen und diese dann im Vorfeld verhindern. Letzlich spielt auch die Unternehmenskultur eine wichtige Rolle. Je wohler sich ein Mitarbeiter fühlt, desto weniger anfällig für dolose Hanldungen ist er. Nur ein abgestimmtes Zusammenwirken dieser Präventionsmaßnahmen kann das Risiko, Opfer wirtschaftskrimineller Hanldungen zu werden, effektiv mindern.

Frage: Gehen Sie davon aus, daß Ihr Risiko, Opfer von dolosen Handlungen zu werden, in den nächsten fünf Jahren zu- oder abnehmen wird?

Ergebnis: 52 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, daß ihr Risiko, Opfer doloser Handlungen zu werden, in den nächsten fünf Jahren zunehmen wird. Hat ein Unternehmen bereits einen Vermögensschaden erlitten, erhöht sich diese Einschätzung sogar auf 60 Prozent. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, daß Unternehmen das eigene Risiko tendenziell niedriger einstufen als das Durchschnittsrisiko. Diese Erfahrung wird dadurch belegt, daß zwar 88 Prozent der Unternehmen einen Anstieg der Wirt-schaftskriminalität erwarten, aber lediglich 52 Prozent von steigendem eigenen Risiko ausgehen.

Frage: Ist Ihr Risikomanagementsystem ausreichend im Bezug auf Wirtschaftskriminalität (im Sinne des KonTraG)?

Ergebnis: 68 Prozent der Unternehmen geben an, daß ihr Risikomanagementsystem im Sinne des KonTraG ausreichend auch gegen Wirtschaftskriminalität vorbeugt. Unternehmen, die bereits einen Schaden erlitten haben, beurteilen diese Frage allerdings vorsichtiger (64 Prozent Zustimmung).

Frage: Verfügt Ihr Unternehmen über Leitlinien zur Unternehmensethik beziehungsweise Wertemanagement?

Ergebnis: Nach eigenen Angaben verfügen 53Prozent der größten deutschen Unternehmen über Leitlinien zur Unternehmensethik. Vergleichbare Studien in den USA ergeben, daß dort nahezu alle großen Unternehmen aktives Wertemanagement betreiben und somit Unternehmensethik als Maßnahme zur Prävention anerkannt ist. 55 Prozent der Unternehmen, die über Leitlinien zur Unternehmensethik verfügen, haben diese nach einem Schadenfall als präventive Maßnahme erarbeitet.

Frage: Wurden in Ihrem Unternehmen Workshops zur Unternehmensethik beziehungsweise zum Wertemanagement durchgeführt?

Ergebnis: Zu den Themen Unternehmensethik und Wertemanagement haben 34 Prozent der Unternehmen Workshops angeboten. 89 Prozent dieser Workshops wurden in den Führungsebenen durchgeführt, lediglich 11 Prozent der übrigen Mitarbeiter wurden durch die Workshops erreicht. Gerade dieser Mitarbeiterkreis ist aber in 64 Prozent der geschädigten Unternehmen an wirtschaftskriminellen Handlungen beteiligt.

Frage: Welche Ebenen wurden durch die Workshops erreicht?

Ergebnis: Ethik und Integrität als präventive Maßnahme gelten für alle Mitarbeiter eines Unternehmens und sollten diesen sowohl mündlich als auch schriftlich kommuniziert werden. Dadurch können die Mitarbeiter für die Leitlinien gewonnen und Vertrauen und Loyalität gefördert werden. Zur Vertiefung dieser Frage verweisen wir auf unsere Untersuchung "Unternehmensleitbilder in deutschen Unternehmen", die wir 1998 in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Unternehmensführung der Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt haben.

Ebenen:

obere Führungsebene 37 Prozent
mittlere Führungsebene 34 Prozent
untere Führungsebene 18 Prozent
übrige Mitarbeiter 11 Prozent


Unternehmensprofil

Frage: In welcher Branche ist Ihr Unternehmen überwiegend tätig?

Ergebnis: Unternehmen aus der Versicherungsbranche (46 Prozent der angeschriebenen Versicherungen haben geantwortet) und der Kreditwirtschaft (44 Prozent der angeschriebenen Kreditinstitute haben geantwortet) zeigten das größte Interesse an dieser Umfrage. In diesen Branchen ist die Bereitschaft besonders hoch, sich mit dem Thema Wirtschaftskriminalität auseinanderzusetzen.

Branche:

Versicherungen 46 Prozent
Kreditinstitute 44 Prozent
Diensleistung/Medien/Sonstige 20 Prozent
Produzierendes Gewerbe 16 Prozent
Handel 10 Prozent


Frage: Welche Position nehmen Sie in Ihrem Unternehmen ein?

Ergebnis: 30 Prozent der Fragebögen wurden von einem Mitglied des Vorstands beziehungsweise der Geschäftsführung ausgefüllt. Weitere 35 Prozent wurden vom Leiter/in der Revision (die/der direkt an den Vorstand beziehungsweise die Geschäftsführung berichtet) bearbeitet. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema wird von der obersten Führungsebene wahrgenommen.


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