Dax-Geflüster Die Börse und die Moral

Bespitzelung, Ausforschung von Bankdaten und Aufenthaltsorten, möglicherweise sogar Einsatz ehemaliger Stasi-Leute - seit einer Woche überschlagen sich die schlechten Nachrichten über die Deutsche Telekom. Und wie reagiert die Börse? Der Kurs der Aktie hat sich seit Beginn der Affäre kaum verändert. Aber warum eigentlich nicht?
Von Grit Beecken und Christoph Rottwilm

Juni 2005: Das Magazin "Focus" enthüllt erstmals Schmiergeldzahlungen bei der Volkswagen-Tochter Skoda. Es kommt ins Rollen, was die Öffentlichkeit und die Gerichte noch Jahre später als VW-Rotlichtaffäre beschäftigen wird. Und was macht die VW-Aktie ? Von Mitte Juni bis Ende Juli 2005 verzeichnet das Papier ein Kursplus von gut 21 Prozent. Einen ordentlichen Schub gibt es, als VW-Personalvorstand Peter Hartz wegen seiner Verstrickung in die Angelegenheit zurücktreten muss.

15. November 2006: Razzia bei Siemens  in München. Die Schmiergeldaffäre, die den Konzern bis heute in Atem hält, nimmt ihren Anfang. Und die Siemens-Aktie? Der Kurs reagiert kaum auf die Ereignisse. Eine Woche nach dem Besuch durch die Fahnder und täglicher Berichterstattung in den Medien notiert das Papier sogar leicht im Plus. Bis heute hält die Aktie das Niveau - nach einer zwischenzeitlichen Hausse auf mehr als 110 Euro.

24. Mai 2008: Das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL berichtet erstmals über die Bespitzelungen der Deutschen Telekom . Seitdem ist eine Woche vergangen, in der sich die Affäre kontinuierlich ausgeweitet hat. Offenbar wollte das Unternehmen mit Spionagemethoden herausbekommen, wer aus den eigenen Reihen vertrauliche Informationen an die Presse gegeben hatte. Auch Bankdaten sollen zu dem Zweck ausgeforscht und sogar Bewegungsprotokolle verdächtigter Aufsichtsräte und Journalisten erstellt worden sein.

Die Rede ist von Anzeigen gegen ehemalige Telekom-Vorstände und von früheren Stasi-Mitarbeitern, die an den Bespitzelungen beteiligt gewesen sein sollen. Zu allem Überfluss hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) Telekom-Chef René Obermann auch noch einbestellt, um mit ihm über den Datenschutz zu diskutieren.

Reichlich schlechte Nachrichten also. Und was macht die Aktie? Nichts. Jedenfalls so gut wie nichts. Am Freitag, den 23. Mai 2008, dem letzten von der Affäre unberührten Tag also, schloss das Papier bei 10,76 Euro. Eine Woche später kostet eine Telekom-Aktie 10,83 Euro (diesen Freitagmittag) - ein leichtes Plus von 0,65 Prozent.

Woran liegt das bloß? Weshalb ignorieren die Anleger negative Neuigkeiten, die Medien und Öffentlichkeit jenseits der Börse in helle Aufregung versetzen? Klar ist: Auf dem Parkett werden Erwartungen gehandelt. Nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft ist entscheidend. Wie wird sich ein Unternehmen entwickeln, welche Aussichten bestehen für einen Markt, wohin bewegt sich die Gesamtwirtschaft - das sind die Fragen, die Börsianer interessieren. Da erscheint es einleuchtend, wenn wegen Ereignissen, die zwei Jahre zurückliegen, heute kaum noch ein Aktionär mit der Wimper zuckt.

"Wer raus wollte, ist schon draußen."

"Wer raus wollte, ist schon draußen."

"So schlimm die Vorwürfe auch sind, wir sehen derzeit keine größeren Auswirkungen auf das operative Geschäft und bleiben bei unserer Empfehlung, die Papiere zu halten", argumentiert daher auch Stefan Borscheid, Analyst bei der WestLB, gegenüber manager-magazin.de. Und Jochen Intelmann sagt: "Der Telekom-Kurs ist schon recht weit unten. Wer raus wollte, ist schon draußen." Schließlich, so der Analyst von der Hamburger Sparkasse, waren die Nachrichten schon im vergangenen Jahr nicht besonders gut.

Bleibt die Frage nach der Moral der Aktionäre. An einem solchen Unternehmen Geld zu verdienen, dass offensichtlich gegen Gesetze verstößt und Grundrechte mit Füßen tritt - wer macht denn sowas? manager-magazin.de wollte dazu verschiedene Fondsgesellschaften befragen - sie wollten sich nicht äußern.

Klar aber ist: Selbst, wer zurzeit die Augen zukneift und anstatt die Meldungen zu lesen auf die Dividende schielt, wird vielleicht irgendwann handeln. Denn die Beispiele Volkswagen und Siemens zeigen, wie lange sich solche Affären hinziehen können. Und nicht immer müssen sie langfristig so wenig Einfluss auf die Aktienperformance haben, wie in diesen Fällen.

Der Imageschaden der Deutschen Telekom jedenfalls dürfte mit jedem weiteren Detail, das bekannt wird, größer werden. Und sobald noch mehr Kunden als bisher schon dem Unternehmen deshalb den Rücken kehren, dürfte sich dies auch in den Geschäftszahlen niederschlagen. Spätestens dann könnten die schlechten Nachrichten auch die Börse erreichen.

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