Altersvorsorge Die letzte Runde

Private Altersvorsorge tut not. Sie betrifft Millionen Deutsche. Und sie ist ein Riesengeschäft für die Finanzinstitute. Kein Wunder, dass die Nerven blank liegen. Zuletzt griff der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft zu harscher Kritik an der Fondskonkurrenz. Ein Kommentar.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Die letzte Runde ist eingeläutet - noch können Marktanteile erobert werden. Denn wenn die Abgeltungsteuer erst einmal in Kraft getreten ist, wird es schwierig, Anleger zum Umbau ihres Portfolios zu bewegen - eben aus steuerlichen Gründen. In der einen Ecke also der Gesamtverband der deutschen Versicherungsindustrie (GDV), in der anderen der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI).

Aktuell allerdings scheint der Schlagabtausch eher unter der Gürtellinie zu erfolgen. Denn der GDV wendet sich mit einem Brief, der manager-magazin.de vorliegt, an das Staatsministerium der Finanzen und erklärt, dem Journalisten sei die Zuspitzung gestattet, Fondsprodukte taugen nicht so zur Altervorsorge wie die Lebensversicherung. Das untermauert der Verband auf sechs Seiten und drei Seiten Anhang. Kein Tiefschlag, sondern "eine Reaktion auf einen Brief des BVI", sagt Peter Schwark, GDV-Sprecher. Beim BVI wiederum heißt es: "Der Brief spricht für sich selbst."

Investmentfonds sind nicht zur Altersvorsorge geeignet? Irren Millionen Amerikaner und Briten, die ihre Altersvorsorge in die Hände von Aktien und eben solchen Fonds legen? Kann Calpers falsch liegen - jener milliardenschwere US-Fonds, der die Pensionen der Lehrer aus Kalifornien verwaltet? Und warum kommen dann innerhalb der fondsgebundenen Lebensversicherung jene postalisch gescholtenen Fonds zum Einsatz?

Egal, das ist etwas anderes, so das Mantra des GDV. Aber sehen wir uns die Argumente des Versicherungsverbands genauer an. Sparpläne auf Fonds und Lebensversicherungsprodukte dürfen - anders als der BVI es fordert - steuerlich nicht gleichgestellt werden. So lautet das Petitum des GDV an Axel Nawrath, Staatssekretär im Finanzministerium. Denn beide Produkte seien nicht vergleichbar. Der GDV formuliert es freilich hübscher - die Lebensversicherung sei kein Sparvertrag mit aufgesetzter Risikoversicherung, sondern ein "Aliud". Eben etwas anderes.

Daher dürfte es den GDV kaum stören, wenn ab dem 1. Januar 2009 die Abgeltungsteuer in Kraft tritt und Fondssparer 25 Prozent der Erträge an das Finanzamt abtreten müssen. Bei Lebensversicherungen sieht das anders aus. Sofern die Verträge zwölf Jahre laufen und erst ab dem 60. Lebensjahr ausgezahlt werden, sind nur die Hälfte der Erträge mit dem persönlichen Steuersatz zu versteuern. Selbst Anleger mit Spitzensteuersatz und Reichensteuer müssen nur maximal 22,5 Prozent an das Finanzamt zahlen. Die Erträge aus einem Fondssparplan müssen dagegen voll mit eben jenen 25 Prozent versteuert werden. Der BVI dringt darauf, dass diese Ungleichbehandlung gekippt wird. Die Kernfrage lautet also, ob der Gesetzgeber die beiden Sparformen angleichen, den Steuerunterschied nivellieren soll? Verfassungsrechtler mögen ihr gedankenzerfurchtes Haupt wiegen und zu einem feinziselierten: "Grundsätzlich vielleicht" kommen - dabei täte es ein einfaches "Ja" auch.

Treu sorgende Versicherungen

Treu sorgende Versicherungen

Denn die Argumente, die der GDV vorträgt, überzeugen nicht wirklich. Fonds geben keine Garantie, sagt der Verband. Stimmt schon - wenn man von Garantieprodukten absieht. Aber langfristig ist das auch nicht nötig, weil Aktien auf lange Sicht nicht nur keine Verluste einfahren, sondern die höchsten Renditen. Der GDV bezweifelt diese Aussage im Anhang seines Schreibens - und kalkuliert, dass Lebensversicherungen im Mittelwert mehr erwirtschaften als Fondsparpläne. Im Mittelwert. Rechnet man allein mit Aktienfonds und nicht unter Berücksichtigung von Anleihen- oder Immobilienfonds, sieht das ganze schon anders aus.

Abgesehen davon - in der Praxis seien die Anlageentscheidungen beim Investmentsparen zumeist falsch. Ist das Timing gemeint? Sicherlich werden dabei Fehler gemacht - wie auch bei den Versicherungen, die ihr Geld ja ebenso in den Kapitalmarkt tragen wie die Fonds. Ist die Asset-Allokation gemeint? Die liegt in der Tat beim Anleger. Er kann sie selbst wahrnehmen oder auch ein vermögensverwaltendes Produkt wie Mischfonds, Dachfonds oder Superfonds wählen, deren Manager diese Arbeit übernehmen. Ohne dass bei jeder Umschichtung ein Ausgabeaufschlag anfällt.

Fonds seien außerdem flexibel und dürften daher nicht steuerlich gefördert werden. Denn wenn die Anleger jederzeit aussteigen dürfen, könnte es zu Steuerausfällen kommen, klagt der Verband. Da sei die Lebensversicherung doch die bessere Alternative, drechselt der GDV seine Argumentation weiter auf die Gedankenwelt des Finanzministeriums. Dabei verschweigt er geflissentlich, dass die Kunden auch aus Lebensversicherungen aussteigen können. Rund 50 Prozent der Sparer beenden ihren Vertrag vorzeitig. Mit fatalen Folgen: Denn kündigt der Kunde in den ersten Jahren der Laufzeit, macht er ein Verlustgeschäft. Dennoch rückt der GDV die Lebensversicherung sogar in die Nähe der Sozialversicherung - wegen ihres "spezifischen Solidarelements". Nun denn.

Alles Argumente, die dem Menschenbild der Bundesregierung nahekommen dürften. Bürger, die zum Müllsortieren durch verschiedenfarbige Tonnen angehalten werden müssen, brauchen offenbar auch in Sachen Altersvorsorge eine strenge Führung, wie sie die Lebensversicherung gewährleistet. Und tatsächlich scheint das der Kern des Konflikts zu sein: Das Verständnis des Begriffs der Geldanlage. "Fondsanlagen dienen faktisch typischerweise nicht der Altersversorgung, sondern der mittelfristigen Vermögensbildung", sagt GDV-Mann Schwark auf Nachfrage. Mit der Konsequenz: "Wegen der jederzeitigen Liquidierbarkeit und der jährlichen Ausschüttung von Erträgen handelt es sich bei Fondsanlagen um freie Kapitalbildung, die zu Recht anders besteuert wird als langfristige Lebensversicherungsverträge." Und weiter: "Das Etikett Altersvorsorge könnte beliebig auf- und abgeklebt werden. Es gäbe keinen Grund, warum ein Kunde nicht seine kompletten Finanzanlagen so etikettieren sollte." Der BVI sieht das naturgemäß anders.

Lockmittel Steuer

Lockmittel Steuer

Dabei geht es um mehr als nur sozialpolitische Bedenken. Es geht um einen Riesenmarkt, der sich mit der Geschenkschleife Steuer trefflich ködern lässt. Das lehrt uns der Blick in die vergangenen Jahre.

Nehmen wir einmal das Beispiel der geschlossenen Fonds. Zahllosen Ostimmobilien wurde ein Fondsmantel übergeworfen und so unters Volk gebracht. Anleger wollten damit ihr zu versteuerndes Einkommen senken. Ob die Immobilien selbst überhaupt etwas wert waren, interessierte viele nicht.

Oder auch das Beispiel Lebensversicherungen. 2004 hatte der Gesetzgeber beschlossen, statt bis dato alle Erträge nur die Hälfte steuerfrei zu stellen. Die Verkaufszahlen schossen vor der Neuregelung in den Himmel. Heute bleibt der Versicherungsbranche dieser letzte Steuervorteil - 50 Prozent der Erträge sind steuerfrei. Um diesen Vorteil ringt der GDV. Und bittet Staatssekretär Nawrath um ein persönliches Gespräch. Würde der nette Herr Kaiser, das telegene Vorzeigegesicht der Versicherungsindustrie, so etwas machen?

Angesichts des dank der Abgeltungsteuer anstehenden Geschäfts schon. Abgesehen davon ist es heute üblich, dass Verbände Einfluss auf ein solches Gesetzgebungsverfahren nehmen. Jeder Verband kann und soll die Meinung seiner Mitglieder vertreten - allerdings ohne Tiefschläge.

Um es deutlich zu sagen: Es geht nicht darum, allein einer Produktkategorie das Wort zu reden, sondern der Vielfalt. In einer freiheitlich orientierten Gesellschaft muss der Bürger wählen können, wie er seine Altersvorsorge gestaltet. Alles andere ist Dogma pur. Und dass es klappt, zeigt das Beispiel Riester, wo Lebensversicherung und Fondssparen als gleichberechtigte Alternative nebeneinander stehen. Die Regierung muss es nur wollen. Ring frei.

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