Hausse Der Ölpreis und die deutsche Wirtschaft

Nach dem erneuten Preisrekord beim Öl werden die Stimmen lauter, die vor den Gefahren für die Konjunktur warnen. Aber wie schwer bremst die Verteuerung tatsächlich das Wachstum? Experten beruhigen - noch. Denn ein Ende der Rohstoffhausse ist derzeit kaum absehbar.

Hamburg - Ölpreisalarm in aller Welt. Der Rohstoff verteuert sich mit immer höherem Tempo. In Asien kostete ein Barrel am Donnerstagmorgen erstmals mehr als 135 Dollar - am Jahresanfang wurde noch diskutiert, wann wohl die 100 Dollar-Grenze geknackt würde. Der Aufschwung gibt den Sorgen um ein Abflauen der Konjunktur rund um den Globus neue Nahrung. Schließlich ist Öl wichtiger Rohstoff und Energieträger für das produzierende Gewerbe weltweit sowie für den gesamten Transport- und Logistiksektor. Nicht zu vergessen die dämpfende Wirkung hoher Spritpreise auf den privaten Konsum.

Die US-Notenbank hat ihre Prognose für die US-Wirtschaft angesichts steigender Energiepreise bereits drastisch gesenkt. Statt 1,3 bis 2 Prozent Wachstum erwartet die Fed in diesem Jahr nunmehr nur noch 0,3 bis 1,2 Prozent. Auch in Deutschland werden die Befürchtungen lauter. Nach Ansicht des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) etwa wird die Rekordjagd zunehmend zur Gefahr für das Wirtschaftswachstum.

Aber wie stark wirkt sich der Ölpreisanstieg tatsächlich auf die Konjunktur hierzulande aus? "Klar ist, dass jeder Dollar, den das Öl teurer wird, zu einem Kaufkraftabfluss führt", erläutert Jörg Hinze, Volkswirt beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). "Dieser Abfluss wird im Inland in Form eines geringeren Konsums, geringerer Investitionen oder aber in Form geringerer Ersparnis beziehungsweise geringeren Gewinns wirksam." Laut Hinze gilt noch immer die Faustregel, dass ein Anstieg des Ölpreises um zehn Dollar zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums um etwa einen Viertelprozentpunkt führen kann.

"Es gibt immer, wenn auch kurzfristig nur begrenzte Einsparmöglichkeiten", sagt der Experte im Gespräch mit manager-magazin.de. "Zudem hat das vergangene Jahr gezeigt, dass die deutsche Wirtschaft ihre Abhängigkeit vom internationalen Ölmarkt - zumindest vorübergehend - durchaus etwas variieren kann." 2007, so Hinze, wirkte sich die auch seinerzeit bereits zu beobachtende Energieverteuerung nicht so stark auf die Konjunktur aus, weil weniger aus dem Ausland importiert wurde als im Jahr zuvor. "Es wurden offenbar Lagerbestände abgebaut", vermutet Hinze. "In diesem Jahr ist der Import allerdings wieder erheblich gestiegen."

Erinnerungen an 1973

Erinnerungen an 1973

Dass der aktuelle Ölpreisanstieg zu einer ernsthaften Gefahr für die Wirtschaft wird, glauben dennoch die wenigsten Experten. Der Grund: Die überaus positiven Wachstumszahlen des ersten Quartals. Allen Unkenrufen zum Trotz hatte die Konjunktur hierzulande von Januar bis März überraschend stark um 1,5 Prozent zugelegt. Hinzu kommt das allgemein günstige Geschäftsklima sowie die Tatsache, dass die Auftragsbücher der Betriebe nach wie vor gut gefüllt sind.

"All diese Faktoren stimmen optimistisch", sagt Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. "Wir warten zunächst die endgültigen Zahlen zum ersten Quartal ab. Sollte der Aufschwung nicht ausschließlich auf das Baugewerbe zurückzuführen sein, sondern eine breite Basis haben, spräche dies dafür, dass die Prognose für das Gesamtjahr zumindest aus dieser Sicht nach oben korrigiert werden müsste."

Entgegengesetzt also zu der Richtung, die der Ölpreisanstieg vermuten ließe. "Der hohe Ölpreis wird sicher dazu führen, dass die Inflationsrate in diesem Jahr höher liegen wird, als erwartet" sagt Volkswirt Scheide zu manager-magazin.de. "Letztlich ist die Frage, was schwerer wiegt; die positiven Einflüsse aufgrund der grundsätzlich überraschend starken Konjunktur, oder die negativen vom Ölpreis."

Eins ist in jedem Fall klar: So sehr wie noch vor 35 Jahren dürfte der Ölpreisanstieg die Wirtschaft diesmal nicht schocken. 1973 führte eine drastische Einschränkung der Förderung seitens der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) weltweit zu einer Preisexplosion, die die gegenwärtige Verteuerung noch harmlos erscheinen lässt. In Deutschland mussten die Menschen daraufhin Ende 1973 an vier Sonntag aufs Autofahren verzichten.

Dass so ein Szenario diesmal kaum zu erwarten ist, liegt auch daran, dass die Wirtschaft inzwischen wesentlich energieeffizienter arbeitet. Schätzungen zufolge wird für die gleiche Wirtschaftsleistung wie einst heute nur noch die Hälfte des damaligen Energieeinsatzes benötigt. Hinzu kommt, dass die Entwicklung diesmal nicht nur weitaus gemächlicher vonstatten geht, sondern zusätzlich auch noch durch den starken Euro gedämpft wird.

"Die Blase wird platzen"

"Die Blase wird demnächst platzen"

Ohnehin ist offen, wie es mit dem Ölpreis weitergeht. Steigt er weiter oder nicht? "Ich erwarte einen weiteren Anstieg nur noch bis auf 150 bis 170 Dollar, dann kommt die Korrektur", sagt Eugen Weinberg von der Commerzbank. "Haupttreiber des Preises sind Finanzinvestoren, die auf Gewinne hoffen. Es gibt zwar viele fundamentale Gründe, die für einen Anstieg sprechen, eine solche Hausse ist damit aber nicht zu begründen."

Es handele sich vielmehr um eine Blasenbildung, so der Rohstoffexperte gegenüber manager-magazin.de. "Die Blase wird demnächst platzen", ist er sicher. "In den kommenden zwei Jahren sehen wir wieder Ölpreise unter 100 Dollar."

Die Alternative: Der aktuelle Anstieg könnte überwiegend fundamental begründet sein - und würde in dem Fall wohl noch einige Zeit anhalten. Dafür spricht zum Beispiel, dass die Nachfrage nach Öl vor allem in den Schwellenländern wie China und Indien seit Jahren steigt. Da in solchen Ländern der Energieverbrauch vielfach staatlich subventioniert wird, ist die Nachfrage dort - anders als in der westlichen Welt etwa - zudem vergleichsweise resistent gegen Preissteigerungen.

Auf der anderen Seite werden die Angebotskapazitäten seit Jahren viel zu wenig ausgebaut. "Die Ölproduzenten verdienen gut, neue Förderanlagen sind teuer", erläutert Klaus Matthies vom HWWI. "Es werden zwar große Summen investiert, sie reichen aber angesichts explodierender Erschließungskosten bei weitem nicht aus." Der Experte rechnet zwar ebenfalls mit vorübergehenden Korrekturen. "Langfristig dürfte der Preisanstieg aber weitergehen", so Matthies zu manager-magazin.de.

Er befindet sich damit im Einklang mit den Rohstoffexperten der internationalen Investmentbank Goldman Sachs, die den Preis spätestens in zwei Jahren bei 200 Dollar sehen.

Kommt es dazu, so freut das zumindest einen Wirtschaftzweig: Die Hersteller und Dienstleister im Bereich der neuen Energien. Die Bundesregierung rechnet allein bei der Umwelttechnik zwischen 2007 und 2009 mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 18 Prozent.

Ein Beispiel für die Profiteure der Ölverteuerung ist der Dämmstoffhersteller Puren. "Seit 2006 ist der Bedarf nach energiesparenden Baumaterialien weltweit regelrecht explodiert", sagt Geschäftsführer Hans Bommer. In China ist das Unternehmen bereits seit 12 Jahren mit Dämmmaterialien für Gebäude, Fahrzeuge und Schiffe am Markt. Auch in den arabischen Ländern, Osteuropa und Nordamerika verzeichnet Bommer steigendes Interesse an energiesparendem Bauen. "Dieser Prozess wird durch die steigenden Ölpreise begünstigt", sagt Bommer.

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