Öl Die begrenzte Macht der Spekulanten

Der Preis für Rohöl hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Das ist Gift für die Wirtschaft und Anlass für die Suche nach Schuldigen. Investoren sollen am Terminmarkt die nächste Spekulationsblase erzeugt haben. Doch an dieser Version gibt es Zweifel.

Hamburg - "Let's get physical", schlägt Paul Krugman vor. Nein, der streitbare Ökonom von der Universität Princeton möchte nicht mit seinen Kritikern intim werden. Was nach seinem Willen körperlich werden soll, sind vielmehr Beweise dafür, dass Spekulanten täglich Millionen Tonnen Öl auf die Seite schaffen.

Denn nur so, sagt Krugman, ließe sich die These halten, dass der rasante Anstieg des Ölpreises Ausdruck einer gewaltigen Spekulationsblase sei. "Ich wundere mich, warum die Leute die Diskussion über den Ölmarkt so kompliziert machen", sagt der renommierte Wirtschaftsprofessor. "Sie verlieren aus dem Blick, dass man nur zwei Dinge mit der Weltölförderung anstellen kann: sie lagern oder sie verbrauchen."

Die offiziellen Statistiken zeigten aber, dass praktisch die gesamte Produktion bei den Verbrauchern landet und der Bestand in den Öllagern konstant bleibt. Große Ölvorräte ließen sich wohl kaum geheim halten. Krugmans Argument geht so: Keine geheimen Öllager, keine übertriebenen Preise auf dem Spotmarkt, wo der Treibstoff tatsächlich den Besitzer wechselt - da können sich Hedgefonds und andere Investoren, die den Ölpreis als nächste große Wette entdeckt haben, noch so sehr auf dem Terminmarkt austoben. Öl sei eben, anders als beispielsweise Gold , in erster Linie eine Ware und kein Anlageobjekt.

Wenn die Futures auslaufen, muss jemand bereit sein, das Öl zu dem geforderten Preis zu nehmen. Für die Ölpreisrally liefert Krugman eine einfache Erklärung: Weder Angebot noch Nachfrage können sich kurzfristig an einen neuen Preis anpassen. Weil die Nachfrage seit Jahren schnell wächst, das Angebot damit aber nicht mithalten kann, muss der Preis steigen. Selbst kleinere Rückgänge des Angebots wie ein Streik auf schottischen Förderanlagen oder neue Anschläge in Nigeria sorgen dafür, dass Rohöl schnell teurer wird.

"Die Leute", denen Krugman so das grundsätzliche Verständnis der Gesetze von Angebot und Nachfrage abspricht, gehören allerdings vielfach zu denjenigen, die sich gut auf dem Markt auskennen sollten.

Warnung vor der "Superspitze"

Warnung vor der "Superspitze"

"Der Preisanstieg der vergangenen Jahre hat mehr mit der Volatilität der Finanzmärkte zu tun als mit fundamentalen Gründen", sagte der saudi-arabische Ölminister Ali al Naimi am Donnerstag - und erneuerte damit die Beteuerung des Exportländerkartells Opec, selbst nichts für den Preisanstieg zu können.

"Völlig verrückt" sei die Preisrally, gab Rex Tillerson, Chef des größten privaten Ölkonzerns Exxon Mobil , schon im März zu Protokoll, als das Fass Rohöl noch nahe der 100-Dollar-Marke notierte. Ein Drittel des Anstiegs könne der fallende Dollar  erklären, ein weiteres Drittel die "geopolitische Unsicherheit" (also Angst vor Krieg), der Rest sei der Spekulation anzulasten.

Die Rohstoffanalysten Eugen Weinberg und Barbara Lambrecht von der Commerzbank zählen in einer neuen Kurzstudie zwar sieben Gründe auf, die fundamental für teureres Öl sprechen - vom immer noch enormen Nachholbedarf in China und Indien bis zum parallelen Preisanstieg anderer Rohstoffe, die nicht an der Börse gehandelt werden. Doch diese Gründe reichten nicht aus, "das Ausmaß und das Tempo der Aufwertung des Ölpreises derzeit zu erklären". Sie sehen den fairen Preis unter 100 Dollar je Fass. "Wir denken, dass wir uns kurz vor oder bereits in der letzten Phase einer spekulativen Blasenbildung befinden"

Daran, dass immer mehr Investoren auf einen höheren Ölpreis spekulieren, besteht kein Zweifel. Laut Weinberg und Lambrecht werden die passiven Öl-Investments auf rund 240 Milliarden Dollar geschätzt - das entspricht zwar nur einem guten Promille des weltweiten Aktien- und Rentenvermögens, bedeutet aber einen Zuwachs um 30 Prozent allein seit Beginn dieses Jahres. Nicht nur Hedgefonds, auch andere institutionelle und private Anleger sehen im Ölmarkt eine Alternative zu den klassischen Anlageklassen.

Kurios finden die Commerzbank-Analysten, dass die Futures-Spekulanten sich besonders auf die Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) stürzen, die als Leitsorte bei der Preisbildung gilt, im physischen Handel aber kaum eine Rolle spielt. Täglich wird tausendmal so viel WTI als Futures an der New Yorker Terminbörse Nymex verkauft, wie tatsächlich produziert wird - das heißt allerdings nicht, dass es übertrieben viele Futures gibt; sie wechseln nur besonders oft den Besitzer.

Zu denen, die an der wachsenden spekulativen Nachfrage verdienen, gehört Goldman Sachs . Die Investmentbank berechnet unter dem Kürzel GSCI Rohstoffindizes, auf die sich ein Teil der neuen Ölinvestoren stützt. Die Bank verwaltet die Mehrzahl der GSCI-Fonds selbst. Da mag es anrüchig erscheinen, dass ausgerechnet Goldman-Sachs-Analyst Arjun Murti als Ölpreisbulle auffällt. Murti schrieb jüngst in einem Kundenbrief, eine "Superspitze", in der der Ölpreis in diesem oder dem kommenden Jahr rasch bis auf 150 oder 200 Dollar ansteigt, werde zunehmend wahrscheinlich. Doch sollte dieses Szenario eintreten, meint Murti, würde der Ölpreis nach Erreichen der Spitze ebenso schnell wieder fallen.

Was China tun kann

Was China tun kann

An einen unbegrenzten Anstieg des Ölpreises glaubt übrigens auch Krugman nicht. Wenn Angebot und Nachfrage für die steigenden Preise verantwortlich sind, können Änderungen dieser Faktoren den Preis ebenso schnell wieder nach unten schicken. Die Nachfrage der USA, des weltweit größten Ölverbrauchers, lässt angesichts der beginnenden Rezession und der gestiegenen Preise spürbar nach, hat die Internationale Energieagentur (IEA) estgestellt.

Im Moment sorgt vor allem China dafür, dass die weltweite Nachfrage weiter kräftig steigt. Doch dazu trägt wesentlich der Staat bei, der Spritpreise kräftig subventioniert und Öllager auffüllt, um während der Olympischen Spiele nicht ähnliche Engpässe wie im vergangenen Sommer befürchten zu müssen. Die Analysten der IEA schreiben, dass die chinesische Nachfrage im zweiten Halbjahr nachlassen könnte.

Dank der höheren Preise könnten auch Öllager erschlossen werden, deren Ausbeutung bisher nicht wirtschaftlich war. Aus dem Sand der kanadischen Provinz Alberta wird bereits im großen Stil Öl gepresst und kommt auf den Markt. Neue Ölfelder in der Tiefsee wie ein spektakulärer Fund vor der brasilianischen Küste dürften allerdings noch viele Jahre offline bleiben.

Anders als in der letzten großen Ölkrise um 1980 zögert die Industrie mit großen Investitionen, die das Angebot schlagweise erhöhen, aber auch ihre Margen in den Keller schicken würden. Viel gesünder für die Weltwirtschaft wäre auch eine Wiederholung der zweiten Anpassung, die damals auf den Ölpreisschock folgte: Industrie und Verkehr wurden radikal auf sparsameren Verbrauch umgestellt.

Weil die Wirtschaft heute wesentlich weniger energieintensiv ist als in den 70er Jahren, hat sie bisher auch die Rekordölpreise besser verkraftet. Auf Dauer bleibt allerdings die Tatsache, dass die Ölvorräte endlich sind und es langfristig immer teurer wird, von diesem Treibstoff abhängig zu sein.

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