Deutsche Bank "Vision" geplatzt

Lange hatte sich die Deutsche Bank gesträubt, jetzt kassiert sie ihre Jahresprognose - wortlos. Josef Ackermann hätte das zum Thema machen sollen wie auch die Entzauberung seiner Investmentbanker. Fehlanzeige. Wie die Bank künftig nachhaltig ihre Erträge stabilisieren will, ist unklar. Stattdessen versprüht der Deutsche-Bank-Chef Zweckoptimismus.

Hamburg/Frankfurt am Main - Die Deutsche Bank  ist auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Erstmals seit dem Jahr 2003 hat das deutsche Vorzeigeinstitut unter Führung von Josef Ackermann nach Milliardenabschreibungen wieder einen Quartalsverlust ausgewiesen. Der Verkauf von Beteiligungen konnte das nicht verhindern. Zugleich hat die Bank nun endgültig ihre Ergebnisziele für das laufende Jahr kassiert.

Die Zeiten seien unsicher, und die Marktentwicklung daher nicht vorhersehbar, sagte Finanzchef Anthony di Iorio am Dienstag. Daher wolle die Deutsche Bank auch keine Aussagen über das zu erwartende Ergebnis im laufenden Jahr machen.

Für Märkte und Analysten kommt die Entwicklung nicht überraschend. Spätestens Anfang April, als die Bank Milliardenabschreibungen für das erste Quartal angekündigt hatte, dürfte auch dem letzten Optimisten klar gewesen sein, dass das Ziel eines bereinigten Vorsteuergewinns von 8,4 Milliarden Euro nicht mehr zu halten ist. "Das hat der Markt längst abgehakt", erklärte seinerzeit LBBW-Experte Olaf Kayser. Seit heute ist es endgültig Makulatur.

Lange hatte die Bank das zu besseren Zeiten ausgegebene Ziel gegen Skeptiker in der Finanzwelt verteidigt, entfernte sich nur widerwillig und in sprachlich homöopathischen Dosen von dem Nimbus der Unverwundbarkeit, während andere Institute dem Markt längst tief klaffende Wunden in ihren Bilanzen präsentierten.

Die Deutschbanker formulierten das Ziel dann etwas kleinlauter zunächst zur "Vision" um. Mitte März erklärte das Management dann verklausuliert, dass die "negativen Effekte auf unsere Ertragslage möglicherweise nicht durch Erfolge in anderen Geschäftsbereichen aufgefangen werden können". Während manche Analysten von einer Gewinnwarnung sprachen, hatte die Deutsche Bank größte Schwierigkeiten, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass die hoch bezahlten Investmentbanker um ihren Star Anshu Jain nur neue Ertragsquellen aus dem Hut zaubern müssten, um den drohenden Gewinnbruch zu stoppen.

Entzauberte Investmentbanker

Jain und Co. - entzauberte Investmentbanker

Die Vorstellung erwies sich als Illusion. So schrieb die über Jahre erfolgreichste Sparte (Corporate Banking & Securities) im ersten Quartal nach Milliardenabschreibungen auf Kredite zur Finanzierung von Firmenübernahmen und dramatisch eingebrochenen Erlösen einen Vorsteuerverlust von 1,6 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum hatten Jain und Co. noch einen Gewinn von 2,2 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Die personellen Konsequenzen für die Sparte nehmen sich angesichts ihrer jüngsten Ergebnisse indes noch vergleichsweise freundlich aus. 1000 Stellen baute die Bank im Investmentbanking im ersten Quartal ab, die Hälfte davon allein im US-Hypothekengeschäft. Da haben ebenfalls unter der Kreditkrise leidende Investmentbanken in jüngster Vergangenheit ganz andere Schnitte angekündigt und zum Teil bereits auch vollzogen.

Die vergleichsweise moderate Reaktion mag daran liegen, dass Ackermann im Investmentbanking nun verstärkt auf Produkte und Regionen setzen will, die nicht so stark von der Finanzkrise betroffen sind: Dazu zählten unter anderem der Rohstoffhandel und die Schwellenländer. In diese Bereiche wolle die Bank nun zusehends Mitarbeiter und Kapital verlagern. Die ohnehin stabileren Geschäftsfelder wie etwa das Privatkundengeschäft sollen ausgebaut werden, gegebenenfalls auch mit Übernahmen.

Ertagslage nur schwer zu verbessern

Zukauf ein möglicher Ausweg aus der Ertragsklemme

Dass die Deutsche Bank  ein gesteigertes Interesse an der Postbank  hat, ist ein offenes Geheimnis. Dabei hatte Ackermann vor nicht einmal 18 Monaten - also etwa ein halbes Jahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise - noch durchblicken lassen, sein Institut sei an der Postbank nicht interessiert. So mancher Experte aber sieht in dem Kauf eines stark auf Privatkunden fokussierten Instituts mittlerweile den einzig gangbaren Weg für die Deutsche Bank, sich vom volatilen Geschäft ihrer entzauberten Stars unabhängiger zu machen.

Das Milliardenminus im Investmentbanking konnte die Deutsche Bank zumindest teilweise über geringere Personalkosten und den Verkauf von Tafelsilber ausgleichen. So stellte die Bank deutlich weniger Geld für Bonuszahlungen vor allem an die erfolgsverwöhnten Investmentbanker zurück. Zugleich reduzierte das Institut seine Beteiligungen an Daimler , Allianz  und Linde  und spielte damit einen satten Buchgewinn von 854 Millionen Euro ein.

Sondereffekte verhindern Schlimmeres

Ohne diese Sondereffekte hätte Ackermann der Finanzwelt sogar einen Milliardenverlust vor Steuern präsentieren müssen. Unter diesen Umständen aber betrug das Minus "nur" 254 Millionen Euro, nach einem Vorsteuergewinn von rund 3,2 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum.

Ob es der Deutschen Bank  gelingen wird, künftig ihre Ertragslage durch neue Erlösquellen deutlich zu verbessern - konzernweit brachen die Erträge von 9,6 Milliarden Euro auf 4,6 Milliarden Euro um mehr als die Hälfte ein - gilt unter Experten als unsicher: "Die starke Abhängigkeit vom Anleihegeschäft könnte sich dabei als Achillesferse herausstellen", meldete etwa Christopher Wheeler von Bear Stearns seine Zweifel an. Und Fondsmanager Dieter Ewald von Frankfurt Trust sagte: "Die Deutsche Bank ist abhängig von der Marktentwicklung. Ob sie da in einer starken Position ist, ist fraglich."

Ackermann selbst sah das am Dienstag anders: Zwar seien die kurzfristigen Aussichten in "hohem Maße unsicher". Die Deutsche Bank sei aber "gut gerüstet" und "zuversichtlich, aus dieser Krise stärker denn je hervorzugehen."

Da kann man dem Schweizer nur viel Glück und ein gutes Gespür wünschen. Denn keine andere deutsche Bank hängt nun mal so stark am Tropf der Märkte wie die Deutsche - in guten wie in schlechten Zeiten. Womöglich erholen sich die Finanzmärkte auch schneller als gedacht, was zuerst die Geschäfte des Branchenprimus antreiben dürfte. Doch schon zu oft wähnten Zweckoptimisten in jüngster Vergangenheit Licht am Ende des Tunnels, hatten die Finanzkrise für sich bereits abgehakt und mussten dann doch klein beigeben - auch Ackermann.

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