Finanzkrise Der Schatten des Giftbaums

Banken-, Finanz- oder Kreditkrise - egal wie man das Debakel nun auch nennt, die Branche ist schwer angeschlagen. Immerhin üben sich einige große Player der sonst oft so hochmütigen Szene mittlerweile in Selbstkritik. Hoffentlich ein Beispiel, das Schule macht.
Von Arne Stuhr

Köln – "Private Equity ist kein Weg aus der Bankenkrise." Nein, auch dem Begehren seiner Konkurrenten J. C. Flowers und Cerberus nach deutschen Geldhäusern zum Trotz, erlag Johannes Huth an diesem sonnigen Frühlingstag in Köln nicht der Versuchung, die Folgen der Kapitalmarktexzesse mit einem neuen Versprechen noch ein Rädchen weiterzudrehen.

Es hätte auch nicht zum Vortrag des Europa-Chefs von KKR auf der diesjährigen Schmalenbach-Tagung gepasst. "Die Heuschreckendebatte hat uns damals völlig unvorbereitet getroffen", räumte der Deutsche mit Dienstsitz London ein. Der Ansatz "Private ist privat" sei falsch gewesen, und man müsse künftig selbstkritischer sein und sich auch politischen Fragen stellen.

So ein mea culpa hatten wohl die wenigsten der anwesenden Manager und Wissenschaftler von dem Mann erwartet, der in den Medien auch gern als "Erzheuschrecke" tituliert wird. Doch Huth ging noch weiter, sprach von "schwarzen Schafen in seiner Industrie" und prophezeite einigen Investoren, die ihr Geschäftsmodell ausschließlich auf sogenannten Secondary Buy-outs, also dem Weiterereichen von einem Investor zum nächsten, gründeten, schwere Zeiten. "Einige werden Probleme bekommen, einen Stuhl zu finden, wenn die Musik aufgehört hat zu spielen", sagte Huth.

Für KKR macht er sich hingegen keine Sorgen. Schließlich würden nur 14 Prozent (Branchendurchschnitt 60 Prozent) der Engagements seines Unternehmens an andere Finanzinvestoren weitergereicht, ein knappes Drittel gehe an strategische Anleger und rund 50 Prozent der gekauften Unternehmen bringe KKR an die Börse.

"Wir spüren keinen Anlagedruck"

Nach Aussagen von Huth ist der Kapitalmarkt dabei zwar eine Conditio sine qua non, aber eben nicht der Motor des Geschäfts. Der Erfolg kommt nach seinen Aussagen aus der "operativen Wertsteigerung". Diese sei laut Huth nur in Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern zu erreichen. "Sie müssen schon in die Werkhallen gehen, damit die Mitarbeiter sehen, dass da Personen sind, mit denen man reden kann", erstaunte Huth seine Zuhörer. Hinzu komme dass KKR seine Beteiligungen im Schnitt sieben Jahre und damit vier Jahre länger als in der Branche üblich halte.

Eine Prognose, wie lange die Kreditkrise seine Branche noch belasten werde, machte Huth auch: Mindestens für die nächsten 18 Monate gehe er von einem weiteren Rückgang der Private-Equity-Aktivitäten aus. Schließlich sei der "Fremdkapitalmarkt fast versiegt und der Markt für Hochzinsanleihen seit Juli 2007 praktisch geschlossen". Für KKR laut Huth alles kein Problem, schließlich habe man auch nach dem Platzen der Tech-Blase im Jahr 2000 für viele Monate keine Transaktion ausgeführt. "Wir spüren keinen Anlagedruck", gab sich Huth sehr entspannt.

Gute Bubbles, schlechte Bubbles

Gute Bubbles, schlechte Bubbles

Mit seinen (selbst)kritischen Tönen stand KKR-Mann Huth auf der Tagung (Motto: Kapitalmarkt – Motor oder Störfaktor?) allerdings nicht allein dar. Auch Klaus Kaldemorgen, DWS-Chef und Doyen der deutschen Fondsmanager, sparte nicht mit harschen Worten. "Finanzinstitute und Konsumenten gehen beide als große Verlierer aus dieser Krise hervor. Statt realer Werte schuf die Finanzbranche eine Vermögensillusion, der sie am Ende selbst erlag", so Kaldemorgens Zwischenfazit zur aktuellen Kreditblase, deren Folgen aus seiner Sicht über dieses Jahr hinaus reichen dürften. "Der volkswirtschaftliche Schaden dieser Kapitalmarktentgleisung ist vergleichbar mit der Japan-Bubble", so der Fondsmanager. Die Japaner hätten sich bis heute nicht davon erholt.

Mit ihrem negativen Durchschlagen auf die Realwirtschaft unterscheide sich die aktuell geplatzte Kreditblase laut Kaldemorgen allerdings deutlich von der Tech-Bubble (1995 bis 2000), deren negative Wirkungen sich weitgehend auf die Finanzmärkte beschränkt hätten. Im Gegenteil: Der "beispiellose Anstieg der Produktivität" durch die New Economy habe sich "auch nach dem Platzen der Blase ungebrochen weiter fortgesetzt." Es sei also falsch, jede Übertreibung an den Kapitalmärkten pauschal zu verteufeln. Auch beim Eisenbahn-Boom ab Mitte des 19. Jahrhunderts oder dem Durchbruch der Elektrizität am Übergang zum 20. Jahrhundert hätten ganz im Sinne der Schumpeter'schen Kraft der schöpferischen Zerstörung die positiven Effekte wie Innovations- und Wettbewerbsförderung überwogen.

Doch woran erkennt man eigentlich entstehende Blasen? Kaldemorgen nannte einige Frühindikatoren, die Investoren im Blick behalten sollten. So habe sich zum Beispiel vor dem Bersten der Kredit-Bubble die Gewinnentwicklung der Investmentbanken extrem von der in anderen Branchen abgekoppelt, Tech-Werte hatten vor dem Platzen der New-Economy-Blase einen Anteil von über 30 Prozent an der Marktkapitalisierung im S&P 500 und vor dem Ende des Japan-Booms fanden sich unter den nach Marktkapitalisierung 15 größten Unternehmen der Welt gleich acht japanische Firmen. Aktuell sind in dieser Liste übrigens chinesische Unternehmen und Rohstofffirmen auf den vorderen Plätzen zu finden. Beides Bereiche, in denen Kaldemorgen die nächsten Bubble-Gefahren ausmacht.

Dass auch seine Branche mitunter möglichen Modethemen hinterherläuft, räumte Kaldemorgen dabei freimütig ein. So konnte die DWS zum Beispiel im Umfeld des "Phänomens Klimawandel" in kürzester Zeit rund fünf Milliarden Euro Kapital mobilisieren. "Wenn Sie das Geschäft nicht machen, macht es ein anderer", so Kaldemorgens simple aber einleuchtende Logik.

Für die aktuellen Exzesse am Kapitalmarkt und die sogenannte Subprime-Krise macht Kaldemorgen maßgeblich die amerikanische Zentralbank verantwortlich. Als "Gegengift" zur Bekämpfung der New-Economy-Blase habe die Fed mit "leichtem Geld billigend die Inflationierung am amerikanischen Immobilienmarkt in Kauf genommen". Durch die deflationären Effekte der Globalisierung habe lange Zeit der "Sanktionsmechanismus Inflation" gefehlt, sodass die Fed bei ihrer Politik praktisch einen "Free Lunch" hatte. Diese Entwicklung gehe jetzt aber ihrem Ende entgegen.

Herr und Hund

Herr und Hund

Zitierte Fondsmanager Kaldemorgen Joseph A. Schumpeter, um zu verdeutlichen, dass nicht jede Blase nur negative Wirkungen hat, stellte der Finanzmarkttheoretiker Heinz Zimmermann von der Universität Basel seinen Zweifeln an einem kausalen Zusammenhang zwischen Aktienmarkt und Realwirtschaft ebenfalls ein Zitat des Großökonomen zur Seite.

Dieser hatte in einer Metapher Wirtschaft und Börse mit einem Mann verglichen, der mit seinem Hund spazieren geht. Der Mann laufe langsam und gleichmäßig, der Hund ständig vor und wieder zurück – aber beide bewegten sich in die gleiche Richtung, so Schumpeter. Dieses Bild treffe den Punkt relativ gut, sagte Zimmermann, über kausale Zusammenhänge sei damit eben aber noch wenig gesagt.

Zwar räumte Zimmermann ein, dass es in Anbetracht der gegenwärtigen Krise verwegen sei, den Finanzmärkten realwirtschaftliche Effekte abzusprechen. Und so stellte er seinen Ausführungen auch den Ausspruch des preußischen Staatsministers Albert von Maybach voraus, der am 12. November 1879 im preußischen Abgeordnetenhaus von der Börse als einem "Giftbaum" sprach, der "auf das Leben der Nation seinen verderblichen Schatten wirft".

Allerdings hätten zum Beispiel die ersten Untersuchungen zum Wirken von Hedgefonds ergeben, dass sich zwar zahlreiche Finanzkennziffern bei den entsprechenden Firmen geändert hätten, aber halt operativ keine Fortschritte zu beobachten seien. Lediglich bei Börsengängen sei ein kurzfristiges Funktionieren des Kapitalmarkts als "Stimmungsmotor" zu beobachten.

Zusätzlich gelte Milton Friedmans Überlegung, dass die Bürger ihre Ausgaben ins Verhältnis zum erwarteten Lebenseinkommen setzen und ihren Konsum nicht von kurzfristigen Vermögenszuwächsen abhängig machen auch für Wertsteigerungen des Aktienbesitzes. Der Konsum sei laut Zimmermann zu 95 Prozent durch permanente Faktoren bestimmt.

Trotz dieser eigentlichen Good News gab Zimmermann zu, dass diese Beziehungen zum Beispiel in den USA aufgrund des stärker mit Fremdkapital finanzierten Konsums nicht so klar seien. Das wäre wenn auch keine wissenschaftlich bewiesene doch immerhin eine plausible Erklärung, warum der Schatten des Giftbaums dort zuerst seinen Schrecken verbreitete.

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