Malik-Kolumne Wirtschaft verstehen heißt Schulden verstehen

Wer die Finanzkrise verstehen möchte, muss verstehen, was Verschuldung bedeutet. Erst durch das richtige Verständnis von Schulden zeigt sich, wie wirksam Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise sein können und worin die Gefährlichkeit dieser Krise liegt. Das tatsächliche Problem sind nicht fallende Aktien- und Immobilienpreise, sondern es ist die Verschuldung.
Von Fredmund Malik

Inflation, Steuern, Börsenkurse, Währungen und Zinsen bleiben zusammenhangloses Stückwerk, solange man das Phänomen der Schulden nicht in Betracht bezieht. Nur über die Schulden-Dynamik ergibt sich ein ganzes Bild. Im akademischen Theorie-Lager scheint es wenige zu geben, die sich damit auskennen. Auch die meisten Medien berichten lediglich über die Oberflächenerscheinungen der Krise.

Um die Finanzkrise in ihrem Ausmaß und ihrer vollen Gefährlichkeit zu begreifen, benötigt man die polaren Begriffe Schuldner und Gläubiger. Aber in der allgemeinen Diskussion tauchen sie viel zu selten auf. Gebräuchliche Begriffspaare wie Käufer und Verkäufer, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Produzent und Konsument tragen wenig zum Durchblick bei.

Kern des Wirtschaftens ist das über der Gesellschaft liegende unsichtbare Netz aus Schulden und Forderungen, das aus dem Eingehen von vertraglichen Beziehungen resultiert. Jeder Forderung in einer Bilanz entspricht eine Schuld in einer anderen Bilanz und umgekehrt. Wegen der bilanziellen Gleichheit von Schulden und Forderungen schließen viele, es gebe kein Problem, weil sich die beiden Bilanzpositionen rechnerisch gegenseitig ausgleichen. Hier steckt der Irrtum, der dazu führt, dass die systemischen Risiken im Finanzsystem übersehen oder unterschätzt werden - was anscheinend auch den 3000 Revisoren einer Schweizer Großbank passiert ist, weswegen die Topbanker sich überrascht gaben, als die Milliarden faul wurden.

So genannte ausgeglichene Bilanzen sind bedeutungslos, denn Bilanzen sind immer auf beiden Seiten gleich. Die entscheidende Frage ist, ob die Bilanzen gut sind! Wenn Schuldner nicht bezahlen können, sind die Forderungen uneinbringlich. Sie müssen abgeschrieben werden und dies führt zu Verlusten.

Die Totengräber: Shareholder Value und Wertsteigerung

Die bisherige Finanzkrise ist erst der erste heftige Kopfschmerz, den ein "Tumor" verursacht, der tiefer liegt: Es ist der Unfug von Shareholder Value und Wertsteigerung - das groteske Zerrbild von Marktwirtschaft und wirklichem Liberalismus, euphemistisch Neoliberalismus genannt, den keiner der echten liberalen Denker akzeptiert hätte. Nicht der American Way of Life ist das Problem, sondern der American Way of Management, Corporate Governance and Economic Policy, worüber ich in dieser Kolumne mehrfach geschrieben habe.

Ökonomische Legitimierung liefert die Wealth Creation Theory, die ebenso einfach, wie wirtschaftsschädlich ist: Treibe die Preise für Vermögenswerte durch billigen Kredit endlos in die Höhe. Reduziere die Sicherheiten für die Kredite, damit immer mehr Leute ohne Kreditwürdigkeit immer mehr Schulden machen können. Nenne das vornehm "Finanzierung" oder noch vornehmer und verlockender "Wealth Creation".

Mit den billigen Krediten kaufen die Leute was immer ihnen vor die Augen kommt: Noch mehr Aktien und Zertifikate, noch mehr Häuser - und vor allem konsumieren sie. Auf dem Papier werden sie immer reicher, ob sie je die Schulden zurückbezahlen ist egal. Bringe daher die wertlosen Hypotheken an die Börse, gib ihnen schöne Namen, und nenne das ganze "Securitization". Wenn dann die Schuldenlawine zu rutschen beginnt, nenne die faulen Kredite vornehm "Subprimes", was deshalb zulässig ist, weil schließlich alles unter Triple A "subprime" ist.

Größte wirtschaftliche Fehlsteuerung

Größte wirtschaftliche Fehlsteuerung

Echter Wohlstand kommt nicht von Schuldenpyramiden, sondern von leistungsfähigen Fabriken, exzellentem Marketing und Vertrieb und zufriedenen Kunden. Wohlstand kommt vom zuverlässigen Funktionieren von Wirtschaftsunternehmen, Schulen, Universitäten, Krankenhäusern, Gerichten und Verwaltungsbehörden.

Sinkende Asset-Preise, egal ob Aktien oder Immobilien, sind zwar lästig, aber nicht wirklich ein Problem, vorausgesetzt man hat beim Kauf bezahlt. Es wird aber schon lange nicht mehr bezahlt, sondern nur "bezahlt".

Zeitgeistkonform und durch theoretischen Unfug legitimiert, wird nicht mit eigenem Geld, sondern mit Krediten gekauft. Gemäß den falschen Theorien ist das die ultimative wirtschaftliche Rationalität und das Mittel, die Eigenkapitalrendite, den Shareholder-Value und die Wertsteigerung zu maximieren.

In Wahrheit haben diese Theorien zur größten wirtschaftlichen Fehlsteuerung der Geschichte geführt, die jetzt in Form dieser Finanzkrise ihre erste eruptive Korrektur erfährt. Viele weitere werden folgen, was schon vor 2000 zu sehen war und bereits zum Abschwung von 2000 bis 2002 geführt hat.

Solange die Börsen steigen, ist das wie ein Wunder

Zur Niedrigzinszeit, vermutlich für lange vorbei, war es leicht, Kredite zu bekommen. Sie wurden einem aufgedrängt. Man wurde als dumm angesehen, wenn man keine genommen hat. Deswegen hat "Jedermann" mehr Assets gekauft, als er sich leisten konnte. Leverage ist das Zauberwort. Bei 50 Prozent Beleihung kann man doppelt so viel kaufen – und doppelt so viel Gewinn machen – ohne Sicherheiten bringen zu müssen, denn die beliehenen Assets selbst dienen als Kreditbesicherung. Wenn die Aktien oder Immobilien gestiegen sind, hat man seine Position weiter aufgestockt, wieder mit Kredit.

Solange die Börsen steigen, ist das wie ein Wunder. Alle werden von allein immer reicher, alle Werte steigen, weil der nächste Käufer bereit ist, noch mehr zu zahlen, als der vorhergehende. Man nennt das die "Greater Fools-Theory".

Sobald die Lage aber dreht, zeigt sich die wahre Natur einer auf Schulden basierenden Wirtschaft. Nun werden zwei Dinge sichtbar, die man bis dahin nicht beachtet hat: nämlich Nachbesicherungspflicht und Nachschusspflicht.

Eine Kältewelle breitet sich aus

Woher die Schuldner das Geld zum Bezahlen nehmen, ist den Gläubigern egal. Kommt das Geld aus Gewinnen - gut. Wenn nicht, muss es von woanders kommen. Woher kann es kommen? Aus Reserven, wenn man solche hat. Wenn auch die Reserven erschöpft sind, muss man Liquidität beschaffen. Wie? Indem man etwas verkauft. Nun zeigt sich auch der wahre Charakter der jahrelang bejubelten Liquidität, von der es zwei Arten gibt, was selten beachtet wird: Liquidität aus Kredit und Liquidität aus Verkauf.

Kredit bekommt man in dieser Situation nicht mehr, denn man muss schon vorhandene Kredite zurückzahlen. Möglich ist das ausschließlich mit echter Liquidität, nämlich Geld. Das Zauberwort und der Schlüssel zur Bewältigung einer solchen Lage heißt Bargeld.

In den Augen der Finanzgurus war das in den vergangenen Jahren so etwa das Dümmste, worüber man reden konnte. In ihren Denkkategorien kommt Bargeld nicht vor. In US-Treasury-Bills gehalten hat es seit Anfang 2000 die beste Rendite erzielt, nämlich rund 30 Prozent risikofrei, während der Dow Jones Index mit 27 Prozent zwar nahe, aber nicht herangekommen ist und der S&P 500 lediglich mit knapp über 5 Prozent rentierte.

Zwang zur Schuldenliquidierung ist Deflation

In dieser Situation verkauft man Aktien und Immobilien nicht, weil man Gewinne glattstellen oder lieber in eine besser rentierende Anlageform gehen will. Man verkauft, weil man dazu gezwungen ist, um Zahlungsmittel zu erlangen. Man verkauft zu jedem Preis, weil man das Geld braucht, um seine Schuldverpflichtungen zu erfüllen. Gelingt das nicht, kommt der Prozess der Zwangsliquidierung in Gang, nämlich Verpfändung und Versteigerung.

Weil potenzielle Käufer in einer solchen Situation wissen, dass der Verkäufer unter Verkaufszwang steht, lassen sie sich Zeit und warten zu, denn der Preis kann nur günstiger werden. Das Schlüsselwort heißt Attentismus. Immer mehr müssen verkaufen, immer weniger wollen kaufen. Bildhaft gesprochen breitet sich eine Kältewelle über der Wirtschaft aus, die alle wirtschaftliche Tätigkeit abkühlt und verlangsamt. Eben dies ist Deflation.

Welcher der verschiedenen Märkte als erstes kippen wird, war nicht vorherzusagen. Dass es aber dazu kommen musste, war klar, weil es auf Grund der Logik der Marktwirtschaft unvermeidlich ist, und dass der Immobilienmarkt besonders anfällig dafür sein wird, konnte man monatlich den Zahlen entnehmen. Nach der ersten Eruption des Schuldenvulkans Überraschung zu bekunden, ist entweder gebotene Vorsicht, um Vertrauen nicht zu gefährden, oder Selbstauskunft über sein Niveau an Wirtschaftskompetenz.

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