Sonntag, 21. April 2019

Joseph A. Schumpeter Keintrosthasen

Frauen, Pferde, Feindschaften - der Ökonom Joseph A. Schumpeter exerzierte wohl das, was man gemeinhin ein Leben auf der Überholspur nennt. Gleichzeitig litt der Vater der schöpferischen Zerstörung aber unter schweren Depressionen, die er unter anderem im Zwiegespräch mit seiner im Kindbett verstorbenen großen Liebe zu lindern versuchte.

Hamburg - Er wolle der beste Liebhaber Wiens, der beste Reiter Europas und der größte Ökonom der Welt sein. Zwei Ziele habe er erreicht, aber leider habe er einen zweitklassigen Sattel geerbt. Auch die jüngste Biografie über Joseph A. Schumpeter kommt natürlich nicht ohne diesen Kalauer aus, den der Ökonom so gerne zum Besten gab. Er sage viel über seine Prioritäten aus, schreibt die Journalistin Annette Schäfer in ihrem viel beachteten Buch "Die Kraft der schöpferischen Zerstörung", das seit Jahresanfang auf dem Markt ist.

Joseph A. Schumpeter: "Es ist ein armseliges Ergebnis eines Lebenswerkes, zu der Erkenntnis zu gelangen, dass diese ganze verdammte Sache den verbrauchten Atem nicht wert ist."
Die lesenswerte Biografie kommt genau zum richtigen Moment, denn immer wenn sich Zeitenwenden andeuten, schafft der am 8. Februar 1883 im mährischen Triesch geborene Joseph Alois Schumpeter den Sprung aus der volkswirtschaftlichen Basisvorlesung in die tägliche Debatte. So auch in diesen Monaten, als kein geringerer Patient als der von Schumpeter so glänzend analysierte Kapitalismus auf der Intensivstation liegt.

Gut, Josef Ackermanns kurzzeitiger Versuch, seine Branche mit dem Hinweis auf die einst von Schumpeter proklamierten kreativen Kräfte der Zerstörung vor dem staatlichen Regulierungsapparat zu schützen, wurde schnell von der Realität der Finanzkrise überholt. Doch Hinweise wie die des Basler Finanzmarkttheoretikers Heinz Zimmermann auf die Metapher, in der Schumpeter Wirtschaft und Börse mit einem Mann vergleicht, der mit seinem Hund spazieren geht, sind durchaus hilfreich. Der Mann, so Schumpeter, laufe langsam und gleichmäßig, der Hund ständig vor und wieder zurück – aber beide bewegten sich in die gleiche Richtung. Demnach müssten sich Politiker und Manager also nicht sonderlich davor fürchten, dass die aktuellen Verwerfungen an den Finanzmärkten die Realwirtschaft langfristig schädigten.

Ganz so einfach lässt Schumpeter den Kapitalismus dann allerdings doch nicht davonkommen. Ganz im Gegenteil: In seinem 1942 erschienen und wohl bekanntesten Werk "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" sagt er ihm sogar den sicheren Tod voraus. "Nein, ich glaube nicht, dass er das kann", beantwortet er die von ihm selbst aufgestellte Frage, ob der Kapitalismus überleben wird.

Der Grund dafür sei, dass das kapitalistische System selbst sein Grab aushebe, indem es eine soziale Atmosphäre und gesellschaftliche Strukturen schaffe, die seine eigene Überlebensfähigkeit gefährdeten. Zudem würden der Zerfall der bürgerlichen Werte und die wachsende Macht von Bürokratie und Großkonzernen langfristig das Aus für das System bedeuten. Schau nach bei Schumpeter will man bei solchen Worten so manchem Kapitalismuskritiker vom Schlage Attac und Co. zurufen.

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