Banken-Kodex "Armutszeugnis"

In der Finanzkrise tritt der internationale Bankenverband IIF die Flucht nach vorn an. Selbstkontrolle statt mehr staatliche Aufsicht lautet die Devise. Bankenexperte Wolfgang Gerke kritisiert das Programm und bewertet Teile der Agenda als Versuch der "Trickserei".

mm.de: Herr Gerke, die Kernbotschaft des an die Politik adressierten 98-Punkte-Plans des internationalen Bankenverbandes (IIF) lautet: "Mischt euch nicht ein, wir regeln unsere Probleme selbst." Teilen Sie diese Botschaft?

Gerke: Nein, die Branche hatte viel Zeit, die Probleme selbst aus der Welt zu schaffen. Das ist ihr nicht gelungen. In guten Zeiten mögen Selbstregulierung und Selbstverpflichtung funktionieren. Bei der nächsten Krise aber haben wir es mit den gleichen oder ähnlichen Verwerfungen zu tun. Ich habe da keinerlei Vertrauen. Eines sollten wir auch nicht vergessen: Nachdem die Branche lange gegen den Staat opponierte, muss jetzt letztlich der Steuerzahler die Suppe auslöffeln, die ihm andere eingebrockt haben. Deshalb hat er ein Recht auf eine gute Kontrolle der Banken.

mm.de: Der Präsident der deutschen Finanzaufsicht erklärte, die Finanzkrise sei ein Ergebnis von zwei Jahrzehnten Deregulierung. Wenn die Politik die Banken jetzt gewähren ließe, machte Sie damit den Bock zum Gärtner?

Gerke: Ja, das sehe ich so. Die Schieflagen sind so dramatischer Natur, das Versagen vieler Bankmanager so immens, dass man kein Vertrauen haben kann, dass die Branche die Probleme selbst in den Griff bekommt. Dies geht nur mit mehr Transparenz und stärker zentralisierter Aufsicht. Die meisten Banken agieren international, die Finanzaufsichten national - das passt nicht zusammen.

mm.de: Die Krise sei so nicht vorhersehbar gewesen, heißt es oft auf Bankenseite.

Gerke: Damit redet man sich jetzt gern heraus. Die Krise war vielleicht nicht vorhersehbar für den einen oder anderen, weil es eben keine richtige Beaufsichtigung gab und man die Risiken nur unzureichend überwacht hat. Ich muss mich da wiederholen: Wir brauchen keinen Verhaltenskodex, sondern eine stärkere Aufsicht.

mm.de: Wenn jetzt der IIF in Folge der Krise das Risikomanagement als Teil der Unternehmensstrategie, als Schlüsselaufgabe eines Vorstandschefs erkennt, was sagt Ihnen das?

Gerke: Diese Erkenntnis ist ein Armutszeugnis und kommt Jahrzehnte zu spät. Das Risikomanagement ist eine der wichtigsten Aufgaben des Vorstandes und hätte längst dort an oberster Stellen angesiedelt werden müssen. Das dieser Job Spezialisten braucht, ist klar. Aber die Gesamtverantwortung liegt beim Vorstandchef. Insofern änderte der jetzt vorgeschlagene Kodex an dem, was vernünftigerweise ohnehin in einer Bank gemacht wird, gar nichts.

"Alles andere ist nur Trickserei"

mm.de: In guten Zeiten profitierten Banken von einer Bewertung ihrer Vermögenswerte nach aktuellen Marktpreisen. Statt mehr stille Reserven zu bilden, zeigte man lieber höhere Gewinne - das war gut für den Aktienkurs, gut für die Boni. Jetzt will man die Bilanzierungsregeln lockern. Wie bewerten Sie das?

Gerke: Der Wunsch, höhere Werte für Wertpapiere ansetzen zu dürfen, ist nicht mehr als der Versuch, Missmanagement zu verstecken - und zwar in der Hoffnung, dass die Märkte einem später helfen werden. Es mag ja sein, dass sich die Lage ein paar Monate später entspannt. Aber darauf darf man nicht vertrauen: Es gilt der aktuelle Wert, alles andere ist nur Trickserei.

mm.de: Falsche Anreize für Manager werden als ein Grund für die Finanzkrise genannt. Glauben Sie, dass ein anderes Bonussystem Banker dazu bringen könnte, künftig mehr die langfristige Profitabilität als den kurzfristigen Gewinn im Auge zu behalten?

Gerke: Der Vorschlag ist richtig, die Bonuszahlungen stärker an langfristig orientierte Ziele zu koppeln. Kurzfristige Gewinn- und Bonusmaximierung hilft niemandem. Die Bemessungsbasis im Handel aber auch anderen Bereichen einer Bank ist zumeist so kurzfristig ausgelegt, dass Manager oder Händler mit Blick auf den Bonus häufig zu hohe Risiken eingehen, für diese aber nicht gerade stehen müssen. Hier gab es Fehlentwicklungen, die es zu korrigieren gilt. Das ist im Interesse aller Beteiligten, insbesondere der Aktionäre und auch der Unternehmen selbst.

mm.de: Der Bankenverband will mehr Transparenz bei strukturierten Produkten schaffen. Da ist unter anderem die Rede von vereinheitlichten Wertpapierprospekten oder mehr Informationen über die Risiken etwa mit Immobilienkrediten besicherter Papiere. Wie wär's denn damit, wenn die Institute genauen Einblick in diese Portfolien gewährten oder zum Beispiel auch ihre Kreditbücher weit öffneten?

Gerke: Für wen sollten sie das tun?

mm.de: Analysten, Aktionäre - für möglichst viele Marktteilnehmer eben.

Gerke: Meiner Meinung stehen die Aufsichtsbehörden hier an erster Stelle. Sie müssen mehr Einblick erhalten - und zwar weltweit. Denn es kann nicht sein, dass die Banken international agieren, Risiken international eingehen und verstecken, die Aufsicht aber mit bescheidenen nationalen Mitteln versucht, diese Risiken aufzudecken.

mm.de: Die Forderung nach mehr Regulierung und öffentlicher Aufsicht weist die Finanzlobby entschieden zurück, stellt sie aber mit gleicher Vehemenz für Ratingagenturen. Zeugt das von gutem Stil?

Gerke: Es wäre doch ein ganz einfacher Schritt für die Banken, jetzt auch für sich umzusetzen, was man bei den Ratingagenturen als richtig erkannt hat. Zweifelsohne haben sich die Bonitätswächter in dieser Krise blamiert. Aber nicht sie, sondern die Banken sind die Engagements am Subprime-Markt eingegangen. Die Kreditwirtschaft muss für sich das gleiche Maß an Transparenz und Aufsicht gelten lassen, wie sie es für die Ratingagenturen einfordert.

98-Punkte-Plan: So wollen die Banken sich retten

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