Dax-Geflüster Bis zur letzten Runde

Der Dax ist angezählt, die Abgeltungsteuer droht mit noch härteren Schlägen - der deutsche Anleger hängt in den Seilen. Eine unheilige Allianz macht sich daran, die private Altersvorsorge auf die Bretter zu schicken.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es könnte so schön sein. Der Dax  würde stetig steigen und die Steuerbehörden einen fairen Anteil daran erhalten. Ein sauberer Kampf. Doch wie gesagt, es könnte. Denn die Realität sieht anders aus.

Der Dax zum Beispiel hat seit Jahresbeginn um rund 18 Prozent an Wert verloren, dümpelt nun immerhin seitwärts. Eine Erholung wird statistisch gesehen kommen, doch wann? Und wie stark? Unsicherheit ist Gift für zarte Anlegerseelen, vor allem für die der deutschen. Psychologen haben herausgefunden, dass Verluste zweimal so stark empfunden werden wie Gewinne. Mit anderen Worten: Die Gewinne der Jahre 2004 bis 2006 sind längst vergessen, in Erinnerung sind nur die Verluste der ersten drei Monate des laufenden Jahres.

Das ist die eine Seite, die der Marktsituation. Die andere ist die Notwendigkeit der privaten Altersvorsorge. In Telegrammstil gefasst: Staatliches Rentensystem immer schwächer … Eigenvorsorge nötig … Aktien empfohlen. Ende.

Aktien deswegen, weil keine andere Anlageklasse langfristig so hohe Wertzuwächse erwirtschaftet. Über zehn Jahre gerechnet legten zum Beispiel deutsche Aktienfonds pro Jahr im Schnitt um 6,2 Prozent zu, errechnet der deutsche Fondsverband BVI. Über fünf Jahre waren es 21,1 und über drei Jahre 22,1 Prozent. Und da deutsche Anleger wie alle Investoren der Welt eher an die Heimat glauben und entsprechend heimische Aktien kaufen - wenn überhaupt - so böten sich unter anderem eben jene Dax-Investments für die Altersvorsorge an. Das könnte als Direktinvestment geschehen oder über entsprechende Fonds. Könnte.

Wenn denn das Bundesfinanzministerium nicht zum 1. Januar 2009 die Spielregeln ändern würde. Lange hatte der Anleger die ganze Breite des Rings zur Verfügung. Konnte, um im Bild des Faustkampfes zu bleiben, in die Defensive tänzeln und seine Aktien verkaufen. Oder nach vorne aufrücken und Aktien kaufen. Ohne dass das Finanzamt davon profitiert. Mit Spekulieren hat das nichts zu tun; nur mit einer Anpassung an die Marktumgebung, die der Anleger zur langfristigen Portfoliosicherung durchführt und nicht, um kurzfristige Gewinne zu erzielen.

Doch der Spielraum wird immer enger. Die geplante Steuerregel besagt grundsätzlich, dass 25 Prozent der Gewinne einer Geldanlage an den Staat abzuführen sind - gleich, welchem persönlichen Steuersatz der Anleger unterliegt. Betroffen sind Kapitalerträge aus Aktienverkäufen, Dividenden, Zinsen oder Zertifikaten. "Die beschlossene Abgeltungsteuer, die die Direktanlage in Aktien gegenüber der Anlage in Aktienfonds und Mischfonds diskriminiere, wirkt sich negativ auf das Anlegerverhalten aus", heißt es auf der Homepage des Deutschen Aktieninstituts (DAI).

Politisches Possenspiel

Politisches Possenspiel

Im Finanzministerium will man das offenbar so nicht sehen. Peer Steinbrück (SPD) selbst, der deutsche Finanzminister, erklärte noch zu Beginn des Jahres auf einer Tagung der Deutschen Börse vollmundig seine Verbundenheit zum System Aktie.

"Beginnen möchte ich mit einem deutlichen Plädoyer für eine Aktienkultur in Deutschland. Nicht, um Ihnen nach dem Munde zu reden und mir dann den - augenblicklich einsetzenden - Beifall einzufangen. Sondern, weil die Bundesregierung der generellen Auffassung ist, dass wir eine verbesserte Aktienkultur in Deutschland brauchen, auch und gerade mit Blick auf eine notwendige, ergänzende private Altersvorsorge." Wenn so die Verbundenheitsadresse eines deutschen Politikers aussieht, mag man sich seine Kriegserklärung nicht vorstellen.

Die Finanzindustrie würde indes ihren Namen nicht verdienen, wenn sie nicht nach Auswegen gesucht hätte. Mit neuen Konstruktionen oder der Neuauflage altbekannter Produkte. Doch der Staat beginnt immer mehr, von seiner ursprünglichen Linie abzuweichen, beginnt nachzuschlagen. Beispiel Zertifikate: Sie galten bei der Planung der Abgeltungsteuer noch als ungefährdet. Dann der Knock-out - Mitte vergangenen Jahres wurde beschlossen, dass jene Zertifikate, die nach dem 15. März 2007 gekauft wurden, der Abgeltungsteuer unterfallen. Ein Tiefschlag.

Beispiel Luxemburger Fonds. Erst galten die als Millionärsfonds verschrienen Anlagen als Schlupfloch, der Abgeltungsteuer zu entkommen. Doch dann der Leberhaken - diese Möglichkeit wurde abgeschafft. Beispiel Zertifikatefonds. Sie galten als Chance, der Abgeltungsteuer zu trotzen - weil das Management zwischen Zertifikaten verschiedener Risikogruppen wählen kann und so den Fonds dem Marktumfeld anpassen kann - ohne dass Steuern fällig würden. Doch im März kursierte dann das Gerücht, dieser Vorteil solle fallen. Eine Finte? Beispiel Dachfonds. Jüngst raunte es in der Branche, auch jene Fonds, die ihrerseits in Fonds investieren, würden der Abgeltungsteuer unterfallen. Auch wenn der BVI die Nachricht als Gerücht wertet; es wäre ein weiterer Tiefschlag. Denn welche Möglichkeit bliebe den Anlegern noch, steuerfrei zwischen Anlageklassen hin und her zu schalten?

Die Fondsgesellschaften selbst werden immer stiller. Aus Vorsicht. "Übereifrige Marketingspezialisten ergreifen jede Gelegenheit, diesen mutmaßlichen Vorteil auf Folien zu drucken und diese herumzuschicken", wird Sven Zeller in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zitiert. Zeller ist Partner der Rechtsanwaltskanzlei Clifford Chance. "Das ist nicht gerade ein gutes Beispiel für politisches Geschick." Einfacher ausgedrückt - bloß keine schlafenden Hunde wecken. Einige wollen sich nur hinter vorgehaltener Hand äußern. Der Schlag gegen die Zertifikatebranche war Warnung genug.

"It ain't over till it's over"

"It ain't over till it's over"

Dabei geht es auch anders, wie der Blick ins Ausland lehrt. In Großbritannien können Anleger 7000 Pfund, also rund 9000 Euro, in ihr Altersvorsorgekonto stecken - steuerfrei. Doch davon ist Deutschland weit entfernt. Der Fondsverband BVI regte etwas Ähnliches bereits vor Jahren an, stieß aber offensichlich auf taube Ohren.

Dabei wäre das Interesse der Anleger da, bringt eine Studie der Fondsgesellschaft Fidelity an den Tag. Eine Mehrheit der Deutschen fordert ihr zufolge unter anderem mehr Steuervorteile für das Sparen zur Altersvorsorge. Allerdings sehen die wenigsten den Schlag kommen. Konkurrent J.P. Morgan fand heraus, dass 22,3 Prozent der befragten Deutschen meinten, mit Einführung der Abgeltungsteuer würde sich nichts ändern. 34,9 Prozent sind unsicher über deren Folgen. Und 13,9 Prozent ist diese Steuer unbekannt.

Und wie lautet nun die Lehre aus dieser Entwicklung? Sofort alles verfügbare Geld nehmen und investieren. Denn wer vor dem 1. Januar 2009 anlegt, den trifft die Abgeltungsteuer nicht. Wer besonders schnell ist, beugt sogar eventuellen Wirkungstreffern des Staates wie der Vorverlegung des Stichtags vor. Und nutzt die günstigen Kurse. Doch wie wusste schon der triefäugige Filmboxer Rocky Balboa? "It ain't over till it's over" - es ist erst dann vorbei, wenn es vorbei ist. Wie wahr.

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