Telekom Showdown in der Stadthalle

In einem Mammutprozess verlangen ab Montag 17.000 wütende Kleinaktionäre Schadensersatz von der Deutschen Telekom. Ihr Vorwurf: Der Konzern habe sie mit falschen Versprechungen geködert, bevor der Kurs des Papiers abrutschte. Der Showdown in einer Frankfurter Veranstaltungshalle könnte auch andere Aktionäre ermuntern, häufiger vor Gericht zu ziehen.

Hamburg - Für einen Prozess verlassen die Richter am Frankfurter Oberlandesgericht ihr Justizgebäude an der Zeil nur alle paar Jahrzehnte. Beim AEG-Konkursverfahren Anfang der 80er Jahre zog das Gericht wegen Platzmangels in die Festhalle. Bei den Auschwitz-Prozessen in den 60er Jahren wichen die Richter aus demselben Grund samt Entourage ins Bürgerhaus Gallus aus.

Nun zwingt der Aufstand von 17.000 frustrierten Telekom-Aktionären den 23. Zivilsenat in ein Veranstaltungszentrum in Frankfurt-Bornheim. 600 Menschen haben in dem roten Klotz Platz. Obwohl längst nicht alle Kläger und ihre 900 Anwälte erwartet werden, soll ein extra engagierter Sicherheitsdienst an den zunächst 17 Verhandlungstagen Tumulte verhindern und dafür sorgen, dass der Prozess dem Gericht "nicht entgleitet", wie es ein Justizsprecher formuliert. Zumal als Zeugen die Ex-Vorstandschefs Ron Sommer und Kai-Uwe Ricke, dazu Ex-Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus und der noch amtierende Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick erwartet werden.

Wenn das Anlegervolk ab Montag mit der Volksaktie abrechnet, sind jede Menge Emotionen im Spiel. Manche Kläger behaupten, der Kursverfall bei der Telekom habe sie um ihre Altersvorsorge gebracht. Im wohl größten Gerichtsverfahren der deutschen Wirtschaftsgeschichte wollen sie endlich nachweisen, dass die Telekom sie bei ihrem dritten Börsengang mit geschönten Verkaufsprospekt geködert und etwa den Wert der eigenen Immobilien bewusst zu hoch angesetzt habe - Vorwürfe, die die Deutsche Telekom  zurückweist. Das Unternehmen lehnt auch einen Vergleich weiter ab. "Wir haben da keine neuen Signale von der Telekom", sagt Anwalt Peter Gundermann von der Kanzlei Tilp, die die Musterkläger vertritt.

Eine Niederlage würde den ehemaligen Staatskonzern angesichts eines Streitwerts von 80 Millionen Euro zwar finanziell nicht allzu sehr schmerzen. "Sollten die Kleinanleger recht bekommen, würde das den Kurs vielleicht einen Tag lang moderat belasten", sagt Analyst Theo Kitz vom Münchener Bankhaus Merck Finck gegenüber manager-magazin.de. Eine höchst richterliche Tatsche für den Emissionsprospekt würde jedoch einen neuen Image- und Vertrauensschaden für das Unternehmen bedeuten. Verläuft das historisch einmalige Sammelverfahren reibungslos, könnte das zudem Aktionäre anderer Unternehmen ermuntern, sich künftig vor Gericht gegen die Konzerne zu verbünden.

Die Anleger wollen Genugtuung

Die Anleger wollen Genugtuung

Die gebeutelten Anleger der Deutschen Telekom wollen endlich Genugtuung nach Jahren, in denen sie den Kursverlauf ihrer Papiere meist mit Entsetzen verfolgten. Aus heutiger Sicht war es eine denkbar schlechte Entscheidung, beim dritten Börsengang der Telekom im Juni 2000 Aktien zum Preis von 63,50 Euro zu zeichnen. Denn seinen damals bereits angedeuteten Sinkflug setzte der Wert danach fort. Seit bald sechs Jahren hat er die 20-Euro-Marke nicht mehr überschritten und dümpelt derzeit bei elf Euro, die Stimmung der Aktionäre auf den Hauptversammlungen schwankt oft zwischen Wut, Zynismus und Hoffnung.

In 33 Punkten seien sie beim Börsengang nicht ausreichend informiert worden, behaupten die Kläger. So habe die Telekom-Unternehmensleitung intern bereits den Kaufpreis von 40 Milliarden Euro für das US-Mobilfunkunternehmen Voicestream abgesegnet, ohne die Anleger im Verkaufsprospekt darüber zu informieren. Zudem habe der Konzern die Zeichner mit überhöht angesetzten Werten seiner Immobilien geblendet, bevor es sie schließlich um 2,8 Milliarden Euro heruntersetze. Auch die Belastungen aus dem milliardenschweren Erwerb der UMTS-Lizenzen stehen auf der Prüfliste des Gerichts. In den USA hat sich der Konzern mit Klägern bereits in einem Vergleich über 120 Millionen Dollar geeinigt, in Deutschland setzt er dagegen derzeit auf Sieg und beteuert, nach bestem Wissen gehandelt zu haben. Dies werden vermutlich auch Ron Sommer am 14. April und Kai-Uwe Ricke am 29. April zu Protokoll geben.

Die Anwälte der Musterkläger befürchten zudem, dass es mit den zunächst angesetzten 17 Verhandlungstagen bei Weitem nicht getan sei, was der Telekom entgegenkommen würde. "Das Verfahren ist für diesen Prozess denkbar ungeeignet", sagt Andreas Tilp. Er rechnet damit, dass es noch zehn bis 20 Jahre dauern könnte, wenn das Oberlandesgericht alle 187 Punkte abarbeitet, die ihm das Landgericht zur Prüfung vorgelegt hat. Dann könnten viele Kläger aufgeben. "Vielleicht wollte man das ja", sagt Tilp mit Blick auf das extra für solche Prozesse geschaffene Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz , das die Verfahren bündelt und somit eigentlich effizienter machen soll.

Kommt das Gericht dagegen zügig zu einem Urteil, könnte dies nach Ansicht von Experten die Streitlust von Aktionären, die sich bei Börsengängen schlecht informiert fühlen, weiter anstacheln. "Das Telekom-Verfahren ist die Nagelprobe für das Gesetz", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Er sieht es zwar kritisch, dass Kläger in einem Massenverfahren weniger Einfluss auf den Prozess hätten. Billiger sei es für den Einzelnen jedenfalls meistens, und vielleicht eben auch schneller. Gut möglich also, dass Unternehmenschefs ihr Vorgehen künftig häufiger vor Gerichten in Stadthallen und Kongresszentren rechtfertigen müssen.

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