Dax-Geflüster Riskante Dividenden

Mehr als 28 Milliarden Euro werden die 30 Dax-Konzerne bis Juni ausschütten, so viel wie nie zuvor. Hohe Dividendenrenditen einzelner Unternehmen sind in Zeiten der Börsenkrise mit Vorsicht zu genießen. Optimisten sehen dagegen bereits Parallelen zu 2003.

Der Eindruck von Stärke täuscht manchmal. Die Aktionäre des Pharmakonzerns Merck  werden am heutigen Freitag dem Vorschlag des Managements zustimmen, die Dividende mehr als zu verdreifachen. Am kommenden Montag ist dann Zahltag für die Anleger. Doch eine solch üppige Ausschüttung wird sich das Darmstädter Unternehmen auf Dauer kaum leisten können: Die diesjährige Dividende wird durch den Verkaufserlös der Generikasparte gepäppelt. Im Folgejahr droht wieder Magerkost.

Oder die Deutsche Bank . Eine Dividendenrendite von mehr als 6 Prozent bietet der deutsche Bankenprimus derzeit. Eigentlich ein klares Kaufsignal - doch wenn die Kreditkrise das Unternehmen doch noch einholt, sind alle Gewinn- und Ausschüttungsprognosen für das laufende Jahr hinfällig.

Gefährlich hohe Renditen

Vorstandschef Josef Ackermann hat Investoren in dieser Woche schonend darauf vorbereitet, dass das Gewinnziel von 8,4 Milliarden Euro in diesem Jahr möglicherweise nicht erreicht wird. Er spricht auch seit einigen Wochen nicht mehr von klaren Zielen, sondern nur noch von einer "Vision". "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", lautet ein Bonmot von Altkanzler Helmut Schmidt - und wenn ein Unternehmenslenker von Visionen spricht, sollten Aktionäre die scheinbar positiven Kennzahlen mit großer Vorsicht genießen.

Oder die Deutsche Telekom . Rund 3,3 Milliarden Euro schüttet das Unternehmen am 16. Mai an seine Aktionäre aus, so viel wie kein anderer deutscher Konzern. 78 Cent Dividende pro Aktie ergibt beim aktuellen Kurs von knapp elf Euro eine Dividendenrendite von mehr als 7 Prozent, das ist etwa doppelt so viel wie die Rendite fünfjähriger Bundesanleihen. Der Schönheitsfehler: So viel Geld hat der Konzern im Jahr 2007 gar nicht verdient. Die Telekom muss an ihre Reserven gehen, um den Geldhunger ihrer Großaktionäre Bund und Blackstone zu stillen.

Dividendensaison als Schlussakkord

"Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn ein Unternehmen die Dividende aus seiner Substanz zahlen muss", sagt Christian Kahler, Analyst der DZ Bank. Ebenso sei es als Warnsignal zu sehen, wenn eine hohe Dividendenrendite nicht auf stark steigende Gewinne und Ausschüttungen, sondern vor allem auf den Kursrutsch einer Aktie zurückgeht. Ein Unternehmen, dessen Bewertung sich auf Grund von Zukunftssorgen halbiert, verdoppelt bei gleichbleibender Ausschüttung seine Dividendenrendite - doch dies sagt noch nichts über die langfristige Ertragsstärke des Unternehmens aus.

"Zu den attraktiven Dividendenwerten zählen nicht unbedingt Titel mit der nominal höchsten Rendite", sagt Kahler. Attraktiv seien Unternehmen, die über viele Jahre steigende Gewinne und kontinuierlich steigende Dividenden ausweisen. Der Analyst zählt dazu die Dax-Werte Eon , RWE  und BASF .

Die diesjährige Dividendensaison dürfte zum Schlussakkord einer jahrelangen, rauschenden Party werden. In den kommenden zehn Wochen werden die Dividenden des Geschäftsjahres 2007 ausgeschüttet, als die Börsenwelt noch halbwegs in Ordnung war.

Gewinne steigen, Aktionäre zahlen

Gewinne steigen zweistellig - ab 2008 nicht mehr

Der Nettogewinn aller Dax-Unternehmen (Dax 30 , MDax , TecDax  und SDax ) ist nach Berechnungen der DZ Bank im Jahr 2007 um satte 20 Prozent auf 74 Milliarden Euro gestiegen. Davon schütten die Unternehmen rund 41 Prozent an ihre Anleger aus, das ist der höchste Wert seit 2001. 34 Milliarden Euro werden auf diese Weise an die Anleger weitergereicht, 12 Prozent mehr als im Vorjahr.

Rund 28 Milliarden Euro entfallen auf den Dax 30. Allein die Zahlungen der fünf Schwergewichte Deutsche Telekom , Eon , Allianz , Deutsche Bank  und Daimler  summieren sich auf rund 13,1 Milliarden Euro.

Zehn Dax-Konzerne erreichen Dividendenrenditen von 4 Prozent und mehr, zwölf Dax-Konzerne haben ihre Auszahlung um mindestens 30 Prozent gesteigert (siehe Übersicht: Der Dividenden-Dax).

Stolze Zahlen, doch sie sind ein Blick in den Rückspiegel. Das Gewinnwachstum dürfte in diesem Jahr aufgrund der Kreditkrise und einer möglichen Rezession in den USA deutlich nachlassen. "Wir rechnen mit einem Gewinnwachstum von etwa 4 Prozent", sagt Kahler. Unwahrscheinlich, dass die Ausschüttungen weiterhin so stark steigen wie in den vergangenen Jahren.

Für den Anleger bedeutet die Auszahlung einer Dividende auch keinen kurzfristigen Zugewinn. Sie ist zunächst sogar ein Minusgeschäft.

Depotwert schrumpft, Fiskus langt zu

Nachdem die Hauptversammlung über die Höhe der Ausschüttung entschieden hat, wird die Dividende in der Regel am ersten Werktag nach der Hauptversammlung ausgezahlt. Die Aktie des Unternehmens wird dann "ex Dividende" gehandelt, die gezahlte Dividende wird also vom Kurswert abgezogen. Das bedeutet in der Praxis: Ein Anleger, der 100 Aktien der Deutschen Bank im Depot hat, bekommt am 30. Mai 2008 voraussichtlich 450 Euro abzüglich Steuern überwiesen. Gleichzeitig schrumpft sein Depotwert um 450 Euro. Aufgrund des Steuerabzugs bleibt unter dem Strich weniger übrig.

Die Steuerlast auf Dividenden wird sich ab 2009 für Durchschnittsverdiener ohnehin dramatisch erhöhen. In diesem Jahr gilt zum letzten Mal das Halbeinkünfteverfahren, nach dem nur die Hälfte der ausgeschütteten Dividende auf Aktionärsebene besteuert wird. Ab 2009 kehrt der Staat zur Doppelbesteuerung zurück: Zunächst zahlt das Unternehmen Steuer auf seine Gewinne, und dann greift der Fiskus noch einmal beim Aktionär auf die aus bereits versteuertem Gewinn gezahlten Dividenden zu.

Der Anleger muss auf die Dividende in voller Höhe dann 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Soli plus eventuell Kirchensteuer zahlen. Von 1000 Euro gezahlter Dividende bleiben dann nur noch rund 720 Euro. Doch das ist nur die eine Seite.

Dividende schlägt Anleihen

Schwierige Aufholjagd bei Small Caps

Eine hohe Dividende rechnet sich für den Investor dann, wenn das Unternehmen den Dividendenabschlag möglichst rasch wieder aufholt. Doch das erfordert Geduld.

"Besonders bei illiquiden Werten aus den Nebenwerteindizes MDax und TecDax kann es sehr lange dauern, bis die Aktie den Dividendenabschlag ausgeglichen hat", sagt Kahler und verweist auf eine Langzeitstudie der DZ Bank, die mehr als 4000 Unternehmen einbezieht.

Titel aus dem Dax 30 dagegen legten im Betrachtungszeitraum der Studie in den drei Wochen vor Ausschüttung im Durchschnitt um 1,7 Prozent zu. In den drei Wochen nach Ausschüttung stiegen sie durchschnittlich um weitere 0,6 Prozent und zeigten sich damit robuster als die Small Caps.

"Die sehr liquiden Dax-Titel fangen Verkaufsdruck nach der Ausschüttung tendenziell besser auf als die Nebenwerte", sagt Kahler. Bei Small Caps mit hohen Ausschüttungsquoten wie ProSiebenSat.1 , AWD  oder Hugo Boss  sei daher Vorsicht geboten.

Dividende schlägt Anleihen - Zeichen für die Wende

Trotz aller Risiken bei einzelnen Titeln: Die stark gestiegenen Dividendenrenditen könnten auch ein Zeichen dafür sein, dass sich der Gesamtmarkt bald wieder stabilisiert. Im Dax 30 bieten derzeit zehn Titel eine Dividendenrendite von 4 Prozent oder mehr und werfen damit mehr ab als eine zehnjährige Bundesanleihe. Dies war zuletzt im Frühjahr 2003 der Fall, als der Dax nach langjähriger Baisse wieder auf Erholungskurs schwenkte.

"Dass die Dividendenrenditen in so vielen Fällen die Anleihenrenditen überholen, weist darauf hin, dass am Aktienmarkt bereits sehr viele Risiken eingepreist sind", sagt Kahler. Auf dem aktuellen Kursniveau hat sich der Aktienmarkt in dieser Woche als recht robust erwiesen: Trotz schwacher Daten vom US-Häusermarkt und eines auf ein Fünfjahrestief gesunkenen US-Verbrauchervertrauens legten die Indizes leicht zu. "Es muss ja nicht gleich eine so starke Erholung wie ab März 2003 sein", sagt Kahler. Doch viele Dax-Titel seien auf aktuellem Niveau auch dann noch attraktiv bewertet, wenn die Gewinne im laufenden Jahr sinken.

Die Dividendensaison 2008 wäre dann nicht nur Schlusspunkt einer Serie von zweistelligen Gewinnsteigerungen. Sie könnte auch Schlusspunkt eines Verkaufsrausches sein, der Anfang 2008 eingesetzt hat.

Übersicht: Die Dividenden-Topwerte im Dax 30

Tabelle: Der Dividenden-Dax

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