Zinssenkung Bernanke, Paulson und die Windmühlen

US-Präsident George Bush hat mit müden Formeln versucht, die Märkte zu beruhigen. Doch die Fed, die am Dienstag den Leitzins um 75 bis 100 Basispunkte senken dürfte, kann derzeit nur auf neue Hiobsbotschaften reagieren. Eine Kurserholung steht auf tönernen Füßen.

Hamburg - Die Versicherung von US-Präsident George Bush, man habe "die Lage im Griff", klang recht müde. Niemand hatte die Ankündigung eines weiteren spektakulären Konjunkturprogramms erwartet: Zu oft schon haben Regierung und Notenbank in den vergangenen Monaten versucht, dem grassierenden Vertrauensverlust in das Finanzsystem Einhalt zu gebieten - bisher vergeblich.

Trotz US-Konjunkturprogramm, raschen Zinssenkungen und immer neuen Liquiditätsspritzen der Notenbanken haben Dow Jones  und Dax  ihren Abwärtstrend beschleunigt. Der Dollar ist im freien Fall, und die Krisenwährung Gold  haussiert.

Vor allem die jüngsten Aktionen der Fed wirken derzeit wie die aussichtslosen Bemühungen eines Don Quichote im Kampf gegen die Windmühlenflügel. Notenbankchef Ben Bernanke hat den Leitzins binnen eines halben Jahres von 5,25 Prozent auf aktuell 3 Prozent heruntergenommen.

Zinssenkung um 75 bis 100 Basispunkte

Die Mehrheit der Analysten an der Wall Street erwartet, dass die Fed am am Dienstag den Leitzins auf 2,25, vielleicht sogar auf 2 Prozent drücken wird. Das wäre eine Senkung um 100 Basispunkte. Bernanke hätte das Zinsniveau binnen sechs Monaten dann um 3,25 Prozent heruntergenommen. Der S&P 500-Index hat trotz dieser starken Zinssenkungen seit September um mehr als 10 Prozent nachgegeben.

Düstere Parallelen zu 2001

Die Kursverluste trotz der jüngsten Zinssenkungsserie sind ein schlechtes Zeichen, wie Daten des Börseninformationsdienstes Standard & Poors belegen. Seit dem Jahr 1954 legte der S&P 500 bis auf wenige Ausnahmen während eines vergleichbaren Zinssenkungszyklus zu, zwischen September 1998 und März 1999 zum Beispiel um 25 Prozent.

Die durchschnittlichen Gewinne, mit denen die Börse in der Vergangenheit auf eine Reihe von Zinssenkungen reagierte, betrugen 12,3 Prozent.

Doch der aktuelle Kursverlust weist Parallelen zum Krisenjahr 2001 auf. Im Jahr 2001 senkte Alan Greenspan insgesamt elf Mal die Zinsen, von 6,5 bis auf 1,75 Prozent. Doch sechs Monate nach der ersten Zinssenkung im Januar 2001 wies der S&P ebenfalls einen Verlust (damals ein Minus von 3,6 Prozent) auf. Es folgte ein zäher Bärenmarkt bis zum März 2003. Diesmal, im Frühjahr 2008, sind die Verluste im S&P sogar rund viermal so hoch.

Geldspritzen versickern

Die Fed dreht nicht nur am Leitzins. In der vergangenen Woche hatte die US-Notenbank angekündigt, dem Geldmarkt weitere 200 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen. Doch da die Banken sich gegenseitig nicht trauen und allein die US-Großbanken in dieser Woche wahrscheinlich weitere Abschreibungen in Höhe von rund 30 Milliarden Dollar melden müssen, saugen sie jede Finanzhilfe gierig auf.

Die Liquiditätsspritzen der Notenbanken drohen auf diese Weise zu versickern - auch die Ankündigung der Bank of England, weitere 5 Milliarden Pfund zuzuteilen, konnte den Verfall an den Börsen am Montagvormittag nicht stoppen.

Ziel der Geldspritzen der Notenbanken ist es, den Geldfluss zwischen den Banken vor dem Austrocknen zu bewahren. Doch die Finanzinstitute haben derzeit andere Probleme, als Geld an andere weiterzureichen. Die Krise bei der US-Investmentbank Bear Stearns  hat sich auch deshalb so dramatisch verschärft, weil binnen Stunden kaum ein Finanzinstitut noch bereit war, mit Bear Stearns Geschäfte zu machen.

Eine Bank zum Schleuderpreis

Eine Bank zum Schleuderpreis

JP Morgan Chase hat den taumelnden Konkurrenten zum Preis von rund 2 Dollar je Aktie übernommen - nachdem der Kurs von Bear Stearns am Freitag von gut 50 auf 30 Dollar abgesackt war.

Auch dieses Geschäft stützte die Notenbank noch mit einer Sonderfinanzierung, indem sie den Diskontsatz um 25 Basispunkte auf 3,25 Prozent senkte und ein Sonderkreditprogramm ankündigte, um großen Finanzfirmen zusätzliches Geld zur Verfügung zu stellen.

Mit diesen Aktionen verhindert die US-Notenbank kurzfristig (noch) Schlimmeres. Doch die Marktteilnehmer reagieren auf die dramatischen Rettungsaktionen mit berechtigter Sorge: "Jeder fragt sich: Wer ist der Nächste? Gibt es einen Fall wie Bear Stearns in Europa?", fragte Edmund Shing von BNP Paribas. Die Windmühlenflügel drehen weiter.

Sogar der IWF warnt

Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF), ansonsten stets auf Konsolidierung der Staatshaushalte bedacht, forderte in der vergangenen Woche die Regierungen auf, das "Undenkbare zu denken" und notfalls durch höhere Staatsausgaben und Konjunkturprogramme einer Verschärfung der Krise zu begegnen. Selbst die auf Preisstabilität fixierte Europäische Zentralbank dürfte in solch einem Fall noch in diesem Jahr die Zinsen senken.

Inhaltlich ist die Sorge der Weltbanker begründet. Auch die US-Regierung und die überfordert wirkende US-Notenbank haben guten Grund, sich mit allen Mitteln gegen den Abwärtssog von US-Konjunktur und Weltbörsen zu stemmen.

Doch die psychologische Wirkung der Kriseninterventionen ist eine andere: Börsianer sehen nicht mehr den möglichen Ausweg aus der Krise, sondern sehen in jeder Aktion einen weiteren Hinweis auf den Ernst der Lage.

Chronik: Rettungsaktionen für US-Banken

Überblick: Wie der schwache Dollar stützt

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