Oberoi-Kolumne Vorfahrt für Dickschiffe

Manchmal muss man an der Börse mit kleinen Erfolgen zufrieden sein – nämlich, dass in Krisenzeiten Verluste kleiner ausfallen als die des jeweiligen Vergleichsindex. Fidelity-Fondsmanager Sanjay Oberoi erklärt, warum er sich von den Large Caps im derzeit rauen Fahrwasser am meisten verspricht.

Hamburg - Immerhin: Der Sturz ins Bodenlose scheint zunächst abgewendet. Nach den massiven Abverkäufen in den ersten drei Januarwochen, die den Dax  in der Spitze um mehr als 20 Prozent bis auf unter 6400 Punkte abstürzen ließen, konnte sich der deutsche Leitindex im Februar zusehends stabilisieren.

Maßgeblichen Anteil an dieser Kursberuhigung hatten die Dickschiffe in der ersten deutschen Aktienliga - die hoch kapitalisierten Gesellschaften, die die Branche so gerne als Large Caps oder Bluechips bezeichnet. Während der Dax derzeit bei rund 6600 Zählern notiert und damit knapp 18 Prozent gegenüber seinem Stand zum Jahresbeginn verlor, konnten ausgewählte deutsche Konzerne der Börsenkrise um einiges besser begegnen.

Die relativ stabile Wertentwicklung der Large Caps ist für mich keine Überraschung. Bereits in den vergangenen neun Monaten habe ich damit begonnen, mein Fondsportfolio systematisch umzustrukturieren - raus aus Small und Mid Caps und rein in Large Caps. Aber auch bei einer stärkeren Gewichtung von großen Werten gilt weiterhin das Prinzip der Einzeltitelauswahl. Denn in jedem Bereich gibt es Nischenwerte, die sich zurzeit besonders gut entwickeln.

Favoritenwechsel im Schatten der Hausse

Tatsächlich ereignete sich schon zur Mitte des vergangenen Börsenjahrs im Schatten der ausdauernden Hausse an den deutschen Aktienmärkten so etwas wie ein Favoritenwechsel, der an vielen Anlegern vorbeigegangen ist. Seit Beginn des Jahrzehnts hatten Small und Mid Caps die Standardwerte beharrlich hinter sich gelassen: Während der Dax  im ersten Halbjahr 2007 gerade einmal das Startniveau von 2000 wieder erreichte, hatten sich SDax  und MDax  im selben Zeitraum mehr als verdoppelt!

Mit dem Heraufziehen der Subprime-Krise erreichte die fast notorische überdurchschnittliche Wertentwicklung der Kleinst- und Nebenwerte jedoch ihr jähes, zyklisches Ende. Entsprechend ging der Dax 30 im vergangenen Jahr auch erstmals seit 2000 als großer Gewinner unter den drei großen Indizes hervor: Während der SDax gar 7 Prozent an Wert verlor, brachte es der MDax immerhin auf ein Plus von 5 Prozent - der deutsche Bluechip-Index konnte jedoch stolze 22 Prozent auf der Habenseite verbuchen.

Was für Bluechips spricht

Gute Gründe sprechen für Bluechips

Auch wenn SDax  und MDax  mit geringeren Verlusten bislang leicht besser ins neue Börsenjahr gestartet sind, rechne ich nicht mit einem schnellen Ende des eingeschlagenen Favoritenwechsels des Vorjahres. Die Erfahrung lehrt nämlich, dass Trends, wenn sie an der Börse einmal eingeschlagen worden sind, meist nachhaltiger und länger laufen, als gemeinhin angenommen.

Das gilt erst recht in Zeiten der immer weiter ausufernden Immobilien- und Kreditkrise, in denen sich die Risikoscheu von Geldgebern erhöht und sich die Aufnahme neuer Mittel dadurch entsprechend verteuert hat. Besonders für mittlere und kleinere Unternehmen in Deutschland und Europa dürfte die Finanzierung von Fusionen und Übernahmen nun um einiges schwieriger werden. Bei den ersten Fusionen wurden bereits Termine verschoben oder die Finanzierungsbedingungen nachverhandelt.

Folglich sind Unternehmen mit einer starken Bilanz und einem niedrigen Verschuldungsgrad beziehungsweise entsprechend komfortablen Kapitalbeständen besser aufgestellt. Zudem verfügen viele der Large Caps aufgrund ihrer Internationalität nicht nur über eine stärkere Wettbewerbsposition, sondern partizipieren gleichfalls von der globalen Wachstumsdynamik, wenn auf dem deutschen Heimatmarkt die Konjunktur abflauen sollte.

Und dann gibt es da noch den Bewertungsaspekt. Für Nebenwerte werden bis heute tatsächlich erheblich höhere Bewertungen akzeptiert als für Standardwerte. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des MDax  mit 16 noch immer deutlich über dem aktuellen KGV des Dax , das für das laufende Jahr aktuell auf historisch niedrige 12,5 taxiert wird.

Überraschendes Fazit der aktuellen Großwetterlage an den deutschen Aktienmärkten: Large Caps sind besser positioniert - und trotzdem günstiger. So könnten sich die ermäßigten Kursniveaus führender deutscher Unternehmen in diesen Tagen langfristig einmal mehr als eine Kaufchance herausstellen.

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