Kreditkrise Der Zwei-Billionen-Dollar-Schock

Mehr als 160 Milliarden Dollar an faulen Kreditpaketen haben Banken weltweit bereits abgeschrieben. Die Folgen der US-Immobilienkrise sind damit aber noch lange nicht verdaut, wie das Beispiel Citigroup zeigt. Jetzt wagen sich Ökonomen an eine Schätzung, wie groß der Schaden insgesamt wird.

Hamburg - Hatten wir das nicht schon einmal? Der größte amerikanische Finanzkonzern wird als Pleitekandidat gehandelt. Nach Meinung von Sameer Al Ansari, dem Chef des arabischen Staatsfonds Dubai International Capital, reichen die bisherigen milliardenschweren Geldspritzen für die Citigroup  nicht aus. "Um die Bank zu retten, bedarf es viel mehr (Kapital)", sagte Al Ansari laut mehreren Medien auf einer Investorenkonferenz in Dubai.

Dabei haben das Nachbaremirat Abu Dhabi, Singapur, Kuwait und andere Regierungen seit November schon 22 Milliarden Dollar in die Großbank investiert. Die Zweckgesellschaften, die im Auftrag der Citigroup in riskante Papiere im Wert von mehr als 80 Milliarden Dollar investiert hatten, sind bereits vollständig in die Bankbilanz übernommen worden.

It ain't over until it's over. Große Wall-Street-Banken schreiben rote Zahlen, Millionen Amerikaner verlieren ihre Häuser, die US-Wirtschaft rutscht in die Rezession. Ein Dreivierteljahr jagt jetzt schon eine schlechte Nachricht die nächste. Erste beruhigende Einschätzungen im Sommer 2007, der größte Schaden der geplatzten Hypothekenkredite sei bereits verbucht, waren offenbar verfrüht. Weltweit warten die Anleger darauf, dass der Schrecken endlich vorbei ist.

Auch Alan Greenspan dürfte sich Entwarnung wünschen. Ihm lasten viele die Hauptschuld am Entstehen der nun geplatzten Spekulationsblase an, weil er als Gouverneur der Notenbank den Boom mit niedrigen Zinsen anheizte und einen Hauskauf als perfektes Investment anpries - ebenso, wie er schon Ende der 90er Jahre Warnungen vor der Aktienblase in den Wind schlug.

Irren ist menschlich

Irren ist menschlich

Doch irren ist menschlich. "Wir müssen die Möglichkeit berücksichtigen, dass vollkommen rationale Menschen in einer Blase gefangen sein können", ließ der Ökonom Robert Shiller jetzt über die "New York Times" wissen. Schließlich sei selbst ein Fed-Gouverneur in seinem eigenen Urteil auf die Meinung anderer Menschen angewiesen. Wenn alle denken, dass die Häuserpreise weiter steigen werden, wird jeder einzelne vernünftig Handelnde sich leichter dieser Meinung anschließen, selbst wenn er von allein nicht auf die Idee käme und die Preise tatsächlich viel zu hoch sind.

Robert Shiller besitzt die Autorität, um Greenspan freizusprechen. Der Yale-Professor hat den wichtigsten Indikator für den amerikanischen Häusermarkt entwickelt und gehörte zu den Ersten, die schon vor Jahren vor einer Preisblase warnten.

Gleichzeitig propagiert er die Verbriefung und den Weiterverkauf von Kreditpaketen, also genau jener Papiere, die - zum Teil mit faulen Hypotheken von US-Hausbesitzern unterlegt - vielen Banken und Anlegern zum Verhängnis wurden. Und er bleibt auch heute bei seiner Meinung, dass solche Instrumente nützlich sein können, um Ausfallrisiken besser in der Volkswirtschaft zu verteilen.

Weg sind die Risiken damit allerdings nicht. Bislang mussten vor allem Großbanken weltweit mehr als 160 Milliarden Dollar an Kreditpaketen abschreiben. Die größten Verluste gingen auf die Konten von Citigroup  (24,6 Milliarden Dollar), Merrill Lynch  (22,4 Milliarden Dollar) und UBS  (18,4 Milliarden Dollar). Weil der Preisverfall amerikanischer Häuser, der die Verluste ausgelöst hat, weitergeht und außerdem weitere Kreditarten von der Krise erfasst werden, kann es damit nicht getan sein. Die Risikoaufschläge für Wertpapiere, die mit Hypothekenkrediten unterlegt sind (MBS), brechen auch in dieser Woche wieder Rekorde.

Die Frage ist bloß: Wie viel kommt da noch? Die Zahl von 400 Milliarden Dollar ist inzwischen beinahe offiziell. Jedenfalls verkündete Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) nach dem jüngsten Treffen der G7-Kollegen, dieser Abschreibungsbedarf werde nun im Konsens erwartet.

Wie aus Milliarden Billionen werden

Wie aus Milliarden Billionen werden

Mit 400 Milliarden Dollar (als "sehr unsicherer, aber wahrscheinlicher Schätzung") rechnet auch Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jan Hatzius, der nun gemeinsam mit David Greenlaw von Morgan Stanley, Anil Kashyap von der Universität Chicago und Hyun Song Shin von der Universität Princeton eine umfassende Studie vorgelegt hat.

"Im Vergleich zur Größe der Wirtschaft oder des Finanzsektors erscheinen auch diese Verluste noch nicht groß", erklärt Hatzius. Doch die Autoren gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Hypothekenschulden in den Büchern amerikanischer Finanzinstitute steht, die selbst mit Fremdkapital finanziert sind.

Das verschlimmert das Problem nach Ansicht von Hatzius und Kollegen gewaltig, denn um die Verluste auszugleichen, müssen die Banken ihren Fremdkapitalanteil senken, und das wirkt wie ein großer Hebel auf ihre Fähigkeit, Geld zu verleihen. Nach dieser Schätzung nimmt die Kreditvergabe um ungefähr zwei Billionen Dollar ab. Die Hälfte davon trifft den Finanzsektor selbst, die andere Hälfte "Main Street", also Unternehmen und private Haushalte.

Dieser Effekt trifft die US-Wirtschaft hart. Hatzius schätzt, dass das Wachstum deshalb im nächsten Jahr um 1 bis 1,5 Prozentpunkte geringer ausfällt - zusätzlich zum ohnehin bremsenden Effekt der fallenden Hauspreise, die über geringere Baunachfrage, geringeren Konsum wegen schrumpfender Vermögen und zunehmende Arbeitslosigkeit ohnehin die Realwirtschaft herunterziehen.

Auch in diesem Fall meldet sich ein Berufener zu Wort. Goldman Sachs  ist wohl diejenige Bank, die den Kollaps der Subprime-Hypotheken bislang am glücklichsten überstanden hat. Schon Ende 2006 zog sich Goldman auf Anweisung des Finanzchefs David Viniar aus diesen Papieren zurück und wettete stattdessen Milliarden auf deren Abwertung.

Während einige Wettbewerber an der Wall Street das Jahr 2007 mit Verlusten, neuen Chefs und asiatischen Staatsfonds als neuen Großeignern abschlossen, konnte Goldman Sachs einen Gewinn von 11,6 Milliarden Dollar melden. Mit etwas geringerem Erfolg und nicht ganz so früh zog sich auch die Deutsche Bank  aus der Affäre. Beide Fälle belegen, dass nicht nur einige wenige Exoten rechtzeitig vor der Spekulationsblase warnten.

Das gilt umso mehr für Volkswirte, die nicht für Banken oder andere Finanzinstitute arbeiten. An den Universitäten war eine Hauspreisrezession schon lange ein Mainstream-Thema. Und dort scheut man sich jetzt auch nicht, noch dramatischere Szenarien zu zeichnen als die Bankökonomen. Der renommierte Professor Paul Krugman aus Princeton zum Beispiel rechnet damit, dass sich die Verluste an Wertpapieren auf ungefähr eine Billion Dollar summieren werden, weil die Krise bei Subprime-Hypotheken nicht haltmacht.

Zwölf Schritte zum finanziellen Desaster

Zwölf Schritte zum finanziellen Desaster

Der New Yorker Wirtschaftsforscher Nouriel Roubini gehört auch zu diesem Lager. Er hält nicht die Kreditnehmer für "Subprime", also kreditunwürdig, sondern spricht von einem "Subprime-Finanzsystem". Roubini zählt "zwölf Schritte zum finanziellen Desaster":

  • die Hauspreise fallen noch das ganze Jahr hindurch; der Tiefpunkt liegt 20 bis 30 Prozent unter dem in der Spekulationsblase erreichten Maximum und wieder auf dem Niveau der langjährigen Trends; vier bis sechs Billionen Dollar an Wert gehen so verloren, zehn Millionen Haushalte geraten in die Überschuldung
  • nach den Hypotheken der Subprime-Kreditnehmer fallen auch höhere Anteile der Kredite an Hausbesitzer höherer Bonität (Near Prime, Prime) aus; das drückt den Wert der Kreditpakete wie ABS, CDO oder der Zweckgesellschaften der Banken (Conduits) noch weiter
  • die Ausfallraten unbesicherter Konsumentenkredite wie Kreditkarten, Auto- oder Studienkrediten steigen schnell
  • Anleihenversicherer ( Monoliner), die sich mit ABS übernommen haben, werden reihenweise insolvent, sodass alle von Monolinern versicherten Papiere an Wert verlieren; die aktuellen Rettungsversuche scheitern, weil nicht genug Kapital zusammenkommt
  • nach Wohnhäusern verlieren auch gewerbliche Immobilien drastisch an Wert, weil die Konsumschwäche den Bedarf an Einkaufszentren und Büros einbrechen lässt
  • wie bereits mehr als 200 Hypothekenbanken könnten auch einige große regionale oder gar landesweite Banken Pleite gehen
  • die Banken bleiben auf einer wachsenden Zahl von Krediten für Übernahmen (Leveraged Buy-outs) sitzen; wegen der hohen Fremdfinanzierung hebeln sich die Verluste in den Bilanzen auf mehrere Hundert Milliarden Dollar
  • wegen der Kreditklemme und der Rezession fallen mehr Unternehmensanleihen aus, die Rate steigt von historisch niedrigen 0,6 auf mehr als 10 Prozent
  • einige "Schattenbanken" wie Conduits, Hedgefonds, Geldmarktfonds oder Monoliner, die genau wie Banken kurzfristig Geld leihen und langfristig verleihen, aber anders als Banken im Notfall kein Zentralbankgeld bekommen, gehen Pleite
  • die globalen Aktienmärkte, die bereits eine milde US-Rezession eingepreist haben, rechnen mit einer schweren und sich weltweit ausbreitenden Rezession und fallen noch deutlicher
  • trotz weiterer Geldspritzen der Zentralbanken verweigern die Banken untereinander das Vertrauen, der Interbankenhandel trocknet aus
  • weil viele Investoren Liquidität brauchen, um Ausfälle zu ersetzen oder Schulden zu begleichen, neigen sie zu Notverkäufen; die Kurse vieler Papiere fallen deshalb noch unter den ohnehin gesunkenen fairen Wert.

Dieses Szenario kann eintreten, muss aber nicht, räumt Roubini ein. Die meisten Punkte seien aber zum Teil schon erfüllt, oder es gebe bereits Anzeichen, dass sich die düstere Voraussage erfüllt. Sicher ist, dass es mehr als ein paar Milliarden aus Arabien braucht, um die Banken, die sich am schwersten verspekuliert haben, vor dem Kollaps zu retten.

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