John Maynard Keynes Der Mann, der Hitler kommen sah

Nur wenige Denker prägten die Wirtschaft so wie John Maynard Keynes. Noch heute, 62 Jahre nach seinem Tod, polarisiert er. Denn soll der Staat tatsächlich eingreifen, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Sogar im Videonetzwerk Youtube ist er zu finden. Er, das ist John Maynard Keynes. Und er dürfte sogar in jenen Kreisen bekannt sein, die an Wirtschaft kein Interesse haben. Denn Keynes gilt als Begründer jener Schule wirtschaftlicher Denker, die dem Staat mehr als nur eine bloße Nachtwächterrolle zumisst.

Der Staat solle nicht bloß die Aufsicht führen, sondern gegebenenfalls eingreifen. Denn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steuere die Wirtschaft. Und dazu gehört auch der Staat.

Das mit den Gräben, das war auch Keynes. Der Brite plädierte dafür, der Staat solle notfalls selbst zum Kunden werden. Es sei also besser, die Menschen Gräben ausheben und dann wieder zuschütten zu lassen als die Menschen in der Arbeitslosigkeit zu belassen. Denn so werde immerhin die Nachfrage angekurbelt.

Für diese Fokussierung auf die Nachfrage dürften ihm Gewerkschaftler weltweit noch immer ein Lichtlein am 21. April, dem Todestag des Briten, entzünden. Immerhin verleiht er damit ihren steten Forderungen nach höheren Löhnen wissenschaftliches Fundament. Keynes selbst sprach von der inhärenten Unsicherheit der Wirtschaft. Anders als die bis dato herrschende Meinung darlegte, komme es also nicht automatisch zu einem Gleichgewicht am Arbeitsmarkt. Um das zu erreichen, sei neben dem privaten Konsumenten auch der Staat in der Pflicht. Im Abschwung, so Keynes, solle der Staat die Wirtschaft durch Aufträge stützen - zum Beispiel mit den genannten Bauaufträgen. "Deficit spending" ist das Schlagwort, das seitdem die Runde macht - angeblich nicht von Keynes selbst geprägt. Im Aufschwung könne sich der Staat dann wieder finanzieren, zum Beispiel über höhere Mehrwertsteuern.

Das gleiche Bild auf Unternehmensebene - auch sie trügen eine Verantwortung gegenüber der Gesamtwirtschaft. Daher sollen Unternehmen ihren Angestellten auch in Krisenzeiten nicht die Löhne kürzen, so seine Empfehlung.

Die wohltemperierte Wirtschaft

Die wohltemperierte Wirtschaft

Die Folge dieser Interventionen, so die Theorie: Die Wirtschaft bliebe wohltemperiert, Übertreibungen in die eine wie die andere Richtung gäbe es nicht.

Keynes selbst wäre diese Einschätzung vermutlich etwas zu reduziert. Denn der Volkswirt ist mehr als Vater der Nachfragetheorie.

Beispiel Verhandlungsteilnehmer: Keynes nahm zum Beispiel an historischen Verhandlungen teil. Vor allem die von Versailles war prägend, die 1919 festlegte, wie mit dem im ersten Weltkrieg niedergerungenen Deutschen zu verfahren sei. Und vor allem, in welcher Höhe Deutschland Reparationen an die Siegermächte zu zahlen habe. 160 Milliarden Mark verlangten die Alliierten. Keynes Kommentar: "Eine Zahlungsfähigkeit von 160, oder auch nur von 100 Milliarden Mark, liegt bei vernünftiger Schätzung nicht im Bereich der Möglichkeit. Diejenigen, welche glauben, dass Deutschland jährlich mehrere Milliarden Mark bezahlen kann, mögen doch angeben, in welchen bestimmten Waren diese Zahlung ihrer Meinung nach erfolgen soll und auf welchen Märkten die Waren verkauft werden sollen. Bis sie sich etwas genauer ausdrücken und ihre Schlüsse durch greifbare Angaben unterstützen, verdienen sie keinen Glauben." Später sah Keynes in diesem Vertrag eine wichtige Ursache für die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren, die wiederum Adolf Hitler an die Macht brachte.

Auch in Bretton Woods war Keynes mit von der Partie. Als britischer Verhandlungsführer schuf er damit maßgeblich das von 1944 bis 1973 gültige Währungssystem der Welt. Dieses System stützte sich auf den goldhinterlegten Dollar und kreierte - quasi im Vorübergehen - die Weltbank sowie den Internationalen Währungsfonds. Eine Niederlage war es dennoch für Keynes.

Sein Gegenspieler war seinerzeit Harry Dexter White, ein Amerikaner und Chef des Finanzministeriums. Und er wollte die Stellung des heimischen Dollar gestärkt wissen. Das Ergebnis ist bekannt - die Dollar-Fokussierung der Welt war zementiert. "Wir haben nicht den Krieg gewonnen, um uns einer Horde Bankiers zu unterwerfen", wird die US-Delegation zitiert. Und entsprechend autark konnten die USA ihre Geld- und Währungspolitik bestimmen. Alle anderen Mitgliedstaaten mussten sich daran ausrichten, nur bei dauerhaften Ungleichgewichten wurde international interveniert. Keynes hatte für die Schaffung einer neuen Reservewährung gestimmt, die er hätte "Bancor" nennen wollen.

Ein Mann der vielen Facetten

Ein Mann der vielen Facetten

Beispiel Glamour. Keynes war Mitglied der Bloomsbury Group, einem Zusammenschluss von Künstlern und Wissenschaftlern. Ein bekanntes Mitglied war Virginia Woolf. Er war homosexuell und stand dazu, was seinerzeit eine Seltenheit war. Er heiratete die schillernde russische Tänzerin Lydia Lopokova. Und er wurde 1942 geadelt, war fortan ein Lord of Tilton und damit Mitglied des House of Lords.

Beispiel Geheimbünde. Bereits an der Universität von Cambrige, seiner akademischen Heimat, war er Mitglied des elitären Debattierclubs der Cambridge Apostles. Bekannt wurde der Club 1979 - durch den Cambridge Spionagering. Mindestens vier Männer in den höchsten Ämtern Großbritanniens wurden der Spionage für den Sowjet-Geheimdienst KGB überführt - und zwei davon waren ehemalige Apostles.

Heute ist Keynes Beispiel und Vorbild für viele junge Volkswirte. Nur einen Nobelpreis hat er nie erhalten. Seiner Bekanntheit schadet das nicht.

Dieses Porträt ist der zweite Teil der Serie "Die großen Ökonomen", in der manager-magazin.de monatlich einen Wirtschaftswissenschaftler vorstellt, der das ökonomische Denken bis heute prägt.

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