Dax-Geflüster Die Mär von der Abkopplung

Der eine hinterzieht offenbar Steuern, der andere will die Versicherungswelt retten - und zwischen diesen Polen schwankt der Dax ebenso wie die Weltbörsen. Die Geschichte von der Abkopplung bestimmter Regionen von den USA mag in dieser Situation kaum einer mehr hören.
Von Arne Gottschalck

Wie war zu Cölln es doch vordem, m it Heinzelmännchen so bequem! Denn, war man faul:.... man legte sich hin auf die Bank und pflegte sich ...

Hamburg - So begann ein altes deutsches Märchen. Einfacher ausgedrückt, es waren paradiesische Zustände, in denen die Kölner seinerzeit lebten. Zustände, in denen nicht wenige Experten zuletzt auch die deutsche Wirtschaft sahen. So einfach drückten es die Finanzexperten allerdings nicht aus. Sie sprachen davon, dass bestimmte Regionen der Welt sich von der US-Wirtschaft abkoppeln könnten. Das wiederum würde den jeweiligen Aktienmarkt stützen. Und tatsächlich sah es eine zeitlang so aus, als würde die Geschichte wahr werden und Deutschland dieses Kunststück gelingen.

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt wuchs 2007 um 2,5 Prozent. Auch die Börse verlief märchenhaft. Der Dax  verteidigte bis Ende 2007 und damit auch unter der Regentschaft der Immobilienkrise sein Jahresplus von über 20 Prozent, während der Dow Jones , der knorrige US-Index, bereits von den Auswirkungen der Krise gebeutelt wurde. Und mit ihm fast die gesamte Aktienwelt. Doch das Märchen des deutschen Sonderwegs, der politische Begriff sei an dieser Stelle erlaubt, endete schnell. Bereits Anfang 2008 fiel auch der deutsche Vorzeigeindex - nichts war es mit dem Abkoppeln.

Und das trotz der mantrahaft wiederholten Aussage, nun käme der seit langem schwache deutsche Binnenkonsum auf die Beine - so recht scheint das nicht zu klappen. Das gleiche Bild auf europäischer Ebene. Lange hieß es, nun sei es der alte Kontinent, der sich dank besserer Unternehmenskennzahlen von dem siechen Amerika abkoppeln könne. Europas Aktien waren daher ein Muss für Anleger. Doch auch das erwies sich als Märchen. Der Euro Stoxx 50 sank seit einem Jahr von 4300 auf 3800 Punkte - der Dow Jones  startete und endete, etwas grob gerechnet, bei rund 12.300 Zählern.

Und was ist mit China - diesem mit eiserner Faust regierten wirtschaftlichen Koloss? Auch von ihm raunen Experten, dass seine Wirtschaft sich von den Problemen der USA, Sie ahnen es, abkoppeln könne. Denn immerhin sei die potenzielle Binnennachfrage gewaltig. Und außerdem sei China sowieso anders und mit westlichen Maßstäben nicht zu messen. Inzwischen wurde aber auch diese Meinung revidiert: Goldman Sachs  beispielsweise reduzierte seine Wachstumsprognose für China jüngst. Weil - vereinfacht gesagt - sich auch dieses Land so einfach nicht von seinen Verflechtungen mit den USA lösen könne.

Auf der Suche nach Neuland

Auf der Suche nach Neuland

Auch Kanada, das vermeintlich "bessere Amerika", scheint es jetzt erwischt zu haben. "Unter der Stärke des kanadischen Dollar dürfte aber perspektivisch die heimische Exportwirtschaft (Kanadas, Anmerkung der Redaktion) leiden. Zudem bleibt die konjunkturelle Entwicklung in den USA, dem wichtigsten Handelspartner Kanadas, ein Risikofaktor." So schreibt es HSBC Trinkaus  in einer Markteinschätzung vom vergangenen November.

Was nun - vielleicht Kasachstan oder Nigeria? Obwohl, beide Länder hängen am Ölpreis. Und der wiederum an der Nachfrage aus Amerika. Ein bisschen erinnert das Ganze also an das berühmte Pfeifen im Walde.

Dabei ist die aktuelle Entwicklung eigentlich kein Wunder. Die Börse sucht nach guten Nachrichten. Wie zum Beispiel jene von der Abkopplung einer Wirtschaftsregion von der anderen. Findet sie so eine Nachricht, steigen auch die Kurse. Zumindest grundsätzlich - ist die Stimmung erst einmal verhagelt, nützt das nichts. Wie umgekehrt in der Hausse die schlechten Nachrichten gerne mal als "irrelevant" oder "bereits eingepreist" abgebügelt werden. In Zeiten wie diesen, wo der Dax an einem Tag um 3 Prozent zulegt und am nächsten Tag genauso schwungvoll verliert, sind die Börsenfolgen neuer Erkenntnisse schwerlich vorherzusagen. Und rationales Anlegerverhalten ist noch viel schwieriger als sonst.

Nehmen wir die Personalmeldungen, die für Furore an der Börse sorgen. Warren Buffett zum Beispiel. Der Mann aus Omaha, seines Zeichens Börsenguru und Großanleger mit einer guten Witterung für unterbewertete Aktien, kündigte jüngst an, die drei Anleihenversicherer Ambac , MBIA  und FGIC mit 800 Milliarden Dollar unterstützen zu wollen. Allerdings gelte das Geld nur für Teile der Portfolios. Das trieb die Kurse weltweit in die Höhe. Nur die Kurse der Unternehmen selbst litten - weil Buffett nur die guten Papiere übernehmen wollte. War das vorherzusehen?

Die Folgen des Rücktritt von Jürgen Schrempp als Chef des seinerzeit noch als DaimlerChrysler firmierende Unternehmen war deutlicher vorhersehbar und wurde von der Börse deutlicher beantwortet - die Aktie des Hauses legte damals an einem Tag um rund 10 Prozent zu. Oder die causa Castro - allein aufgrund der Nachricht des Rücktritts des Latino-Diktators Fidel Castro soll ein auf die Geldanlage in der Region spezialisierter Fonds um fast 30 Prozent an Wert gewonnen haben. Über Nacht. Klaus Zumwinkel und seine vermuteten Liechtensteiner Steuerspiele sind dagegen nur eine kleine Nummer.

Und die Abkopplung? Auch sie wäre eine gute Nachricht für Anleger und Börse und wird noch immer, mal mit lauterer, mal mit leiserer Stimme erzählt. Nur im aktuellen Hin und Her geht diese Stimme unter.

Und die Moral von der Geschicht'?

Und die Moral von der Geschicht'?

Was lehrt so eine Unruhephase an der Börse - abgesehen von Demut? Vermutlich, dass Diversifikation immer schwieriger wird. Kein Wunder, wenn Investoren auf immer buntere Produkte setzen. Und zum Beispiel besicherte Papiere wie die Asset Backed Securities (ABS) nun in den Hintergrund treten und von ILS verdrängt werden - Insurance Linked Securities. Statt Immobilienrisiken werden damit Versicherungsrisiken handelbar gemacht.

Vermutlich die Lehre, dass stetes Starren auf die Börsenkurse nicht nur wenig aussagt, sondern auch gefährlich ist - weil es zu kostenträchtigen Handel über Banken oder Plattformen verführt.

Und vielleicht führt die aktuelle Phase auch zur altersmilden Einschätzung von John Maynard Keynes: "Es gibt nichts, was so verheerend ist, wie ein rationales Anlageverhalten in einer irrationalen Welt." Recht hat der Altmeister - was nützt es, wenn der Anleger die Wahrheit erkennt, doch die Börse verrückt spielt.

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