Goldman-Sachs-Kolumne So schlimm wird es nicht

Wie wird sich die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr entwickeln? Mit dem starken Euro, dem hohen Ölpreis und der drohenden Rezession in den USA sind nur einige negative Einflussfaktoren genannt. Noch vor Jahren hätte all dies zusammen die deutsche Wirtschaft wohl in die Knie gezwungen - heute ist das anders.
Von Dirk Schumacher

Frankfurt am Main - Wie die vom statistischen Bundesamt vergangene Woche veröffentlichten Zahlen zeigen, hat sich das Wachstum im vierten Quartal des vergangenen Jahres deutlich verlangsamt. Während das Inlandsprodukt im dritten Quartal noch um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal wuchs, waren es dann im vierten Quartal nur noch 0,3 Prozent.

Quartalszahlen sind notorisch volatil, und deshalb sollte man sich eher auf einen gleitenden Durchschnitt konzentrieren, um die zugrunde liegende Dynamik der Wirtschaft abzuschätzen. Nimmt man einen solchen Durchschnitt, ist die deutsche Wirtschaft im Schnitt in der zweiten Jahreshälfte etwa mit ihrer Potenzialrate gewachsen.

Während also die zuletzt verfügbaren "harten" Zahlen durchaus noch solides Wachstum signalisieren, braucht man allerdings nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass dies nicht so bleiben wird. In der Tat deuten die Stimmungsindikatoren darauf hin – harte Zahlen für das erste Quartal 2008 gibt es bislang noch nicht –, dass das Wachstum sich nicht wieder beschleunigen wird, sondern eher weiter nachgeben wird. Wir erwarten deshalb für dieses Jahr nur ein Wachstum von 1,4 Prozent nach einem Wachstum von 2,6 Prozent (kalenderbereinigt).

Der Grund für die Verlangsamung ist das langsamere globale Wachstum, ausgelöst durch die Schwäche der USA, die signifikante Aufwertung des Euro, der anhaltend hohe Ölpreis und schließlich die Krise in den Kreditmärkten.

Nimmt man diese vier Faktoren zusammen, müsste einem eigentlich angst und bange um die deutsche Wirtschaft werden. Gefragt, wie wohl das Wachstum in Deutschland aussehen würde, wenn der Euro-Dollar-Kurs um die 1,50, der Ölpreis um die 100 Dollar pro Fass wäre und gleichzeitig die USA in eine Rezession schlittern, hätte vermutlich eine große Zahl von Volkswirten – zu denen auch der Autor dieser Zeilen gehört - vor noch gar nicht allzu langer Zeit geschlussfolgert, dass ein Wachstumsstillstand oder gar eine Rezession nicht zu vermeiden wäre.

Zum Glück hat es allerdings mittlerweile etliche strukturelle Verschiebungen in der Funktionsweise der globalen Wirtschaft gegeben, die die negativen Auswirkungen der genannten Entwicklungen dämpfen. Der hohe Ölpreis etwa belastet das Wachstum deutlich weniger als früher, da die Wirtschaft insgesamt deutlich weniger "ölintensiv" geworden ist (pro Einheit Wertschöpfung ist weniger Öl notwendig als früher). Darüber hinaus fließt ein großer Teil der zusätzlichen Ausgaben für Öl wieder nach Deutschland zurück, wie das starke Exportwachstum in die Opec-Länder und Russland zeigt.

Geringere Bedeutung der USA in der Weltwirtschaft

Geringere Bedeutung der USA in der Weltwirtschaft

Der wahrscheinlich wichtigste Unterschied zu früher ist die geringere Bedeutung der USA für die Weltwirtschaft. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, die USA sind nach wie vor die mit Abstand größte Volkswirtschaft, und eine Rezession in den USA bremst das Wachstum im Rest der Welt. Aber im Vergleich zu früher sind diese Bremsspuren weniger tief. Ein gutes Beispiel für die Veränderung der weltwirtschaftlichen Dynamik sind die Exporterwartungen deutscher Unternehmen wie sie das Ifo-Institut jeden Monat misst.

Während der 90er Jahre gab es zwischen diesen Exporterwartungen und dem Sentiment in der amerikanischen Industrie eine sehr enge Korrelation: Eine Verlangsamung in den USA bedeutete, dass sich die Exporterwartungen innerhalb weniger Monate eintrübten. Seit 2005 hat sich dieser Zusammenhang in Luft aufgelöst. Die Stimmung in den USA hat sich seitdem rasant verschlechtert, während die deutschen Exporterwartungen immer noch auf einem sehr hohen Niveau sind.

Der Grund für diese veränderten Korrelationen ist die Integration der Emerging Markets, insbesondere der BRICs, in die Weltwirtschaft. Diese Veränderung kann man nicht nur in den Stimmungsindikatoren sehen, sondern auch in den tatsächlichen Exportzahlen. Während sich die deutschen Exporte in die USA zum Ende des vergangenen Jahres etwa auf demselben Niveau befinden wie vor zwei Jahren, sind die Exporte nach Russland im gleichen Zeitraum um fast 70 Prozent gestiegen und die Exporte nach China um fast 50 Prozent.

Die relative Unempfindlichkeit gegenüber dem starken Euro lässt sich auch zum Teil mit diesen Verschiebungen in den Handelsströmen erklären. Darüber hinaus haben deutsche Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Jahren stark verbessert, was die Sensitivität gegenüber dem Wechselkurs weiter verringert.

Konsum wird sich leicht erholen

All dies bedeutet nicht, dass das außenwirtschaftliche Umfeld in diesem Jahr nicht deutlich schwieriger geworden ist, und dies wird das Wachstum deutlich bremsen. Aber eben nur bremsen und nicht abwürgen, wie das früher der Fall gewesen wäre.

Die große Unbekannte in all dem ist die Bankenkrise. Sollte diese zu einem deutlichen Anziehen der Kreditkonditionen führen, könnte dies die Konjunktur zum Entgleisen bringen. Die zuletzt verfügbaren Daten liefern hierfür keine Hinweise, aber dies kann sicher nicht ausgeschlossen werden, sollten die Banken sich gezwungen , ihre Bilanzen aufgrund von erlittenen Verlusten zu verkürzen.

Schließlich muss noch die Konsumschwäche genannt werden, um das konjunkturelle Bild zu vervollständigen. Wir gehen davon aus, dass sich der Konsum in diesem Jahr leicht erholen wird. Die Beschäftigung wird weiter zunehmen, wenn auch weniger rasant, und die Löhne steigen stärker. Dies wird, trotz relativ hoher Inflationsrate, zu einem Anstieg des real verfügbaren Einkommens führen und damit zu einer moderaten Belebung des privaten Verbrauchs nach Jahren der Stagnation. Findet diese Belebung nicht statt, wird es kritisch für das Wachstum in diesem Jahr.

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