Deutsche Bank "Er hat einen guten Job gemacht"

Gerüchte über weitere Milliardenabschreibungen bis hin zur Gewinnwarnung - nichts davon ist eingetreten. Josef Ackermann liefert im Vergleich zur Konkurrenz sehr gute Zahlen. Merck-Finck-Analyst Konrad Becker erklärt im Interview, was die Deutsche Bank besser macht als UBS oder Citigroup.

mm.de: Herr Becker, was glauben Sie: Wird ein Chef der Deutschen Bank  zuvor gefragt, ob er die Geschäftszahlen an seinem Geburtstag präsentieren möchte?

Becker (lacht): Tja, wenn wir das wüssten. Also, ich weiß es nicht und kann mir das auch nur schlecht vorstellen. Ich hoffe indes nicht, dass wir derart byzantinische Zustände bei der Deutschen Bank haben, dass die Verantwortlichen im Finanzdepartment den Geburtstag ihres Chefs bei der Festlegung des Termins der Veröffentlichung des Jahresergebnisses berücksichtigen.

Aber Spaß beiseite: Mir ist klar, worauf Ihre Frage abzielt. Dem kann man nur entgegnen: Auch wenn im Vorfeld viel über diesen zeitlichen Zusammenfall geschrieben wurde, die Berichtstermine sind schon ein Jahr zuvor bekannt - so wie jetzt auch für 2009. Ich sehe da keinen Zusammenhang zwischen der Qualität des Ergebnisses und dem Zeitpunkt seiner Veröffentlichung. Es hätte ihm sicherlich wenig Freude bereitet, Herr Ackermann hätte an seinem Geburtstag aber auch Milliardenabschreibungen verkündet.

mm.de: Das ist nicht der Fall. Dabei hatte es kurz zuvor noch Gerüchte über eine Gewinnwarnung gegeben. Die Deutsche Bank hält an ihrer Prognose für 2008 fest. Ist das die eigentliche Überraschung oder die Tatsache, dass sie im letzten Quartal kaum noch Wertberichtigungen vornehmen musste?

Becker: Eher das Letztere - ich hatte jedenfalls aufgrund der schlechteren Marktlage im vierten Quartal mit höheren Abschreibungen gerechnet. Die Gerüchte über eine Gewinnwarnung konnte man indes nicht ernst nehmen.

mm.de: Warum nicht?

Becker: Für mich war zu offensichtlich, was dahintersteckte. In der Gerüchteküche waren offenbar sehr viele Köche zugange, die auf fallende Kurse gewettet hatten, um sich dann günstig mit Aktien einzudecken. Das gleiche Spiel hatten wir in der Vergangenheit zu mehreren Anlässen auch bei der Allianz  beobachten können.

mm.de: Nun gab es aber schon im Vorfeld eine ganze Reihe von Analysten, die das Festhalten an der Prognose als zu ambitioniert bezeichneten und erklärten, das werde kaum zu halten sein.

Becker: Zweifelsohne wird der Deutschen Bank ein Gewinn von 8,4 Milliarden Euro in diesem Jahr nicht in den Schoß fallen. Sollte es aber tatsächlich keine weiteren Abschreibungen mehr im Zuge der Hypothekenkrise geben, halte ich dieses Ziel durchaus für erreichbar.

mm.de: Gleichwohl weist die Deutsche Bank eine deutlich höhere Risikovorsorge für das Kreditgeschäft aus. Muss das nicht zu denken geben?

Becker: Wir müssen da genauer unterscheiden zwischen mit Hypothekenkrediten unterlegten Portfolios und Kreditportfolios. Weder auf ihr vergleichsweise kleines CDO-Portfolio von einer Milliarde Euro noch auf das etwa sieben Milliarden Euro schwere ABS-Portfolio hat die Bank Abschreibungen vornehmen müssen. Da gibt es zwar keine absolute Sicherheit. Für mich ist das aber ein Indiz, dass es sich um hochsolide Papiere handeln muss und weitere Abschreibungen eher unwahrscheinlich sind. Bricht der Markt weiter zusammen, wird indes auch die Deutsche Bank hier nicht um weitere Wertberichtigungen umhinkommen. Die auf 329 Millionen Euro erhöhte Risikovorsorge wiederum führt die Bank vor allem auf eine einzelne Kundenbeziehung im Investmentbanking zurück. Es handelt sich also um einen Einzelfall und nicht den Beginn einer Welle wegplatzender Kredite.

mm.de: Also kein Grund zur Sorge um weitere Abschreibungen im Kreditbereich?

Becker: So würde ich das nicht sehen. Kühlt sich die Konjunktur ab, ist es sehr wahrscheinlich, dass Probleme im Firmenkundenbereich auftreten. Dann könnte auch die Deutsche Bank ihre Risikovorsorge im Laufe des Jahres noch erhöhen. Nur sollten wir hier das Pferd im Stall lassen und die Risikovorsorge im vierten Quartal 2007 nicht auf alle kommenden Quartale hochrechnen.

"Rechtzeitig von Gefahrenherden getrennt"

mm.de: Ob nun die Schweizer UBS  oder US-amerikanische Wettbewerber wie Merrill Lynch  - alle mussten und müssen womöglich noch weiter erhebliche Summen im Zuge der Kreditkrise abschreiben. Nicht so die Deutsche Bank, was also macht sie besser?

Becker: Es gibt ja durchaus Wettbewerber, die keine oder erheblich geringere Probleme als die Citigroup  oder die UBS haben. In den USA sind dies zum Beispiel Goldman Sachs  und J. P. Morgan, in Europa sind es spanische Banken oder die französische BNP  - das sollten wir zunächst einmal festhalten. Dass die Deutsche Bank im Vergleich zur UBS oder Citigroup nun deutlich besser dasteht, dafür sehe ich vor allem einen Grund.

mm.de: Welchen?

Becker: Die Deutsche Bank hat wie jede andere Großbank sogenannte CDOs produziert und auf den Markt gebracht. Der große Unterschied zu den jetzt angeschlagenen Wettbewerbern ist, dass sie diese komplexen Schuldverschreibungen im Gegensatz zu den Konkurrenten nur in geringem Ausmaß in die eigenen Bücher genommen hat und auf die Bildung von Conduits oder SIVs verzichtet hat. Daher ist das CDO-Portfolio der Deutschen Bank verglichen mit anderen Banken jetzt deutlich kleiner und folglich auch die damit verbundenen Abschreibungen. Man hat sich also rechtzeitig von möglichen Gefahrenherden getrennt, oder man hat erst gar nicht in diese Papiere investiert.

mm.de: Auf Spurensuche nach den Gründen des Erfolgs fallen Namen wie der des New Yorker Chefhändlers Greg Lippmann. Er habe sehr früh auf ein Platzen der US-Immobilienblase gesetzt und damit in 2007 etwa eine Milliarde Dollar für die Deutsche Bank verdient, heißt es. Hat die Deutsche Bank vielleicht auch nur ein wenig mehr Glück mit ihrem Personal?

Becker: Die Auswahl von Toppersonal ist eine der Kernaufgaben des Topmanagements. Und wenn es sich in diesem Fall wie beschrieben verhält, dann ist das kein Glück, sondern eher ein Zeichen für gutes Gespür bei der Personalauswahl.

mm.de: Auffällig ist der starke Ergebniseinbruch im Investmentbanking und das erneut reüssierende Privatkundengeschäft. Werden sich die Gewichte weiter in diese Richtung verschieben?

Becker: Wenn auch mit abnehmender Tendenz, den größten Teil des Gewinns erwirtschaftet die Deutsche Bank noch im Investmentbanking. Und ich glaube nicht, dass sich die Gewichte der verschiedenen Geschäftsfelder innerhalb der Bank grundlegend verschieben werden. Die stabileren Ertragskomponenten werden zweifelsohne wachsen, das ist ja das erklärte Ziel von Ackermann und einkalkuliert. Ich denke aber, die Deutsche Bank wird - ihre heutige Struktur zugrundegelegt - auch noch in zwei oder drei Jahren die Mehrheit ihrer Erträge aus dem Investmentbanking erzielen.

mm.de: Sie erwarten also demnach keinen einschneidenden Umbau oder gar einen Systemwechsel bei der Deutschen Bank?

Becker: Nein, keinen Systemwechsel. Sollte sich der Ergebnisbeitrag in Zukunft weiter zugunsten der weniger volatilen Geschäftsbereiche entwickeln, hat das sicherlich mit der Strategie und dem jeweiligen Marktumfeld zu tun - Letzteres kann in zwei Quartalen aber schon wieder ganz anders aussehen.

mm.de: Mit Blick auf die Kreditkrise war der Chef der Deutschen Bank im vergangenen Jahr in die Rolle des Saubermanns geschlüpft und von der Branche dafür auch kritisiert worden. Hat Ackermann in 2007 einen guten Job gemacht?

Becker: Ja, er hat einen guten Job gemacht, aber nicht nur er allein. Da wirkten im Hintergrund eine ganze Reihe hervorragender Leute mit, ohne die dieser Erfolg nicht möglich gewesen wäre. Zudem dürfen wir nicht nur auf 2007 schauen. Dass die Deutsche Bank die Krise im vergangenen Jahr relativ glimpflich überstanden hat, hat ihren Ursprung auch im Jahr 2006. Zu einer Zeit also, als die Hypothekenkrise noch kein beherrschendes Thema war, begann die Deutsche Bank bereits, ihre Risiken in diesem Geschäft zu minimieren.

mm.de: Man darf Herrn Ackermann also heute gratulieren?

Becker: Auf jeden Fall, selbst wenn er miserable Ergebnisse präsentiert hätte. Der Mensch Ackermann und die Bank, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.