Notenbanken "Ich hoffe, sie wissen mehr"

Die US-Zentralbank hat die Leitzinsen drastisch gesenkt, die Arbeitslosigkeit in den Staaten steigt - und dennoch bleibt John Carey mit Blick auf amerikanische Aktien ganz ruhig. Warum das so ist und welche Fehler die Zentralbanken machen, erklärte der Manager des milliardenschweren Pioneer Fund gegenüber manager-magazin.de
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es ist vermutlich keine gute Zeit für einen US-Aktienfondsmanager, nach Deutschland zu kommen. Die Fed hat die Zinsen um insgesamt 1,25 Prozentpunkte gesenkt, die US-Arbeitslosigkeit steigt, und die ausstehenden Konjunkturdaten lassen nichts Gutes hoffen. Das Wort Rezession wird nicht mehr hinter vorgehaltener Hand geraunt, sondern als realistische Gefahr deutlich ausgesprochen.

Es ist auch kein guter Tag, um nach Hamburg zu kommen. Draußen regnet es, es stürmt, und die Hansestadt zeigt sich einmal mehr in Grau. John Carey scheint das in der Lobby des Louis C. Jacob nicht auf die Laune zu schlagen. Dunkler Anzug, braun getönte Streifenkrawatte, schwarze Schuhe; er sitzt in der globalen Uniform der Fondsmanager da und stützt die Ellbogen auf die Knie.

"Die Fed hat zu schnell gehandelt. Besser wäre es gewesen, mehr Geduld zu haben und zum Beispiel nach der ersten Zinssenkung abzuwarten und damit der Politik die Chance zu geben, fiskalische Stimuli zu setzen." Sagt Carey, lehnt sich noch etwas vor und reibt sich die Hände. "Doch die haben sich wohl dem politischen Druck gebeugt und der öffentlichen Stimmung, es fehlte die Geduld." Immerhin brauchen Zinssenkungen regelmäßig rund sechs bis neun Monate, um ihre Wirkung zu entfalten.

Geduld ist eine Tugend, die Carey nicht nur predigt, sondern auch praktiziert. Sei es aus dem anscheinend entspannten Naturell des Kaliforniers, sei es aus einer bewussten Geisteshaltung. Denn Carey ist vor allem Valuemanager. Er legt das Geld seiner Kunden also in jenen Aktien an, die er für unterbewertet hält. Die hält er dann bis zu fünf Jahre lang. Was sich so klar liest, unterliegt in der Finanzbranche einem Glaubensstreit. Denn den Value-Jüngern stehen die Growth-Verwalter gegenüber. Sie schauen eher in die Zukunft, auf die Wachstumschancen eines Unternehmens - und reklamieren für ihren Ansatz gleichfalls, der bessere zu sein. Je nach Wirtschaftszyklus hat mal die eine, mal die andere Schule recht. Langfristig, so haben US-Studien ergeben, haben die Valuemanager den Streit für sich entschieden. Allerdings gibt es den Value-Stil schon deutlich länger als den Growth-Stil - der Vergleich hinkt also.

Was soll's, scheint Carey zu denken und nippt an einer Tasse grünem Tee. Nicht gerade das typische Getränk für Amerikaner, die statistisch gesehen 646 Tassen Kaffee pro Jahr trinken. Wie er auch ansonsten weniger konventionell anlegt als andere US-Fondsmanager. Neben jenen Aktien wie Chevron oder AT&T, die man in einem solchen Fonds erwartet, finden sich auch Nokia-Papiere im Portfolio. Ein finnisches Unternehmen in einem US-Fonds, passt das? "Ja, das passt. Denn Nokia macht viel Geschäft in den Staaten und hat viel bessere Zahlen als zum Beispiel Motorola". Sagt Carey und reibt sich die Hände.

"Keine klassische Rezession"

"Keine klassische Rezession"

Überhaupt scheint Carey ein geduldiger Mann zu sein. Denn anders als sonst in der schnelllebigen Finanzbranche üblich, hält er seinem Arbeitgeber seit Jahrzehnten die Treue. Und umgekehrt. Wie fragil die Verbindung zwischen Fondsmanager und Arbeitgeber sein kann, zeigte zuletzt das Beispiel Murdo Murchison. Auch er war erst der dritte Fondsmanager eines alten Fonds, des Templeton Growth Fund. Doch zu Beginn des Jahres wurde er ausgetauscht - auf eigenen Wunsch, wie es hieß.

Geduld bedeutet aber nicht, alles einfach laufen zu lassen, ein Laissez-faire der Fondsmanager mag Carey nicht. Man muss auch zuschlagen können. Darum ist die Krise auch eine Chance. "Es ist aktuell eine gute Zeit für Aktien." Und nach einer kaum merklichen Pause. "Zumindest um nach Aktien zu schauen". Diese Zeit dürfte auch noch andauern, schätzt er. "Im ersten und zweiten Quartal wird es noch weitere unerfreuliche Zahlen geben, in der zweiten Hälfte des Jahres wird es dann wieder besser laufen." Rezessionsgefahr, "Well", wiegt er den Kopf, zwar laufe einiges in die Richtung - er nennt das "lehrbuchhaft", doch "per definitionem müsste das Wirtschaftswachstum dazu in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen negativ sein." Und das ist es nicht.

Die US-Wirtschaft ist im vierten Quartal um rund 0,6 Prozent gewachsen. Das ist nicht viel, aber "immerhin gewachsen und damit keine klassische Rezession". Aber kurz davor. Entsprechend rau wird der Kursverlauf von den amerikanischen Börsen das erste Halbjahr bleiben. Denn bevor es wieder nachhaltig aufwärtsgeht, muss Klarheit über die Folgen der Kreditkrise geschaffen werden. "Es hat mich ehrlich gesagt erstaunt, zu sehen, wie viele Derivate, CDO und so weiter in den Bilanzen der Banken waren. Das kann keiner mehr verstehen."

Trotz allem, so schlecht sieht es für Amerika in seinen Augen nicht aus. Der Export steigt, auch dank des schwachen Dollar. Und die Arbeitslosigkeit ist zwar von 4,5 auf 5 Prozent gestiegen, aber solange sie nicht weiter steige, sei das in Ordnung. Denn erst ab diesem Prozentsatz mache sich der Amerikaner Gedanken um seinen Job, erst dann würde der Binnenkonsum einsacken. Und die europäischen Investoren, was sollen sie vom Dollar halten? "Sie bekommen unsere Aktien günstig", sagt Carey mit fast so etwas wie Augenzwinkern. "Im Ernst, ich denke, der Dollar wird mittelfristig wieder stärker werden, wenn die Folgen der Krise klarer sind."

Ein ruhiger Quereinsteiger

Ein ruhiger Quereinsteiger

Können die Zentralbanken in der Zwischenzeit noch etwas machen, zum Beispiel enger kooperieren? "Ich denke nein, es wird ja auch schon viel kooperiert. Und welche Rolle spielt der Société-Générale-Banker Jérôme Kerviel, auf den viele als Sündenbock für die jüngsten Kursrutsche zeigen? "Ich weiß nicht. Da wird viel Vertrauliches zwischen den Zentralbanken und den Aufsichtsbehörden gesprochen, die wissen da sicherlich mehr", sagt Carey. "Zumindest hoffe ich das."

Rezessionsnah war das Land übrigens zuletzt 1990, in der Savings-and-Loan-Krise, so der Manager weiter. Allerdings war auch das keine echte Rezession. Bei solchen Beobachtungen bricht die Freude des studierten Historikers an langen Zyklen durch. "Eine gute Grundlage für die Arbeit als Fondsmanager", sagt er über das Studium und sein Gesicht wird lebhafter. "Das ist viel Schreibtischarbeit, man muss Zeugenaussagen auf ihre Glaubwürdigkeit werten können und viel lesen. Und natürlich kommunizieren, mit Anlegern oder der Presse, das gehört zum Job." In Deutschland ist so ein Werdegang für einen Fondsmanager immer noch etwas ungewöhnlich, in den angelsächsischen Ländern beinahe schon normal. Und fast so, als wüsste Carey um die deutschen Gepflogenheiten, schiebt er noch hinterher: "Ich habe aber während des Studiums viel Buchhaltung gemacht und Wirtschaft und hinterher noch gelernt." Gleichviel, dem Fonds hat der Quereinsteiger nicht geschadet.

Immer wieder schafft er es, den MSCI Nordamerika knapp zu schlagen. Und Dachfondsmanager Eckhard Sauren hält offenbar große Stücke auf Carey, verleiht ihm zwei Goldmedaillen. Ärgerlich nur, dass der Fondsklon für Europäer teurer ist als sein US-Pendant. Während Amerikaner im Jahr 0,64 Prozent Verwaltungsgebühr zahlen, sind es für Europäer 1,25 Prozent.

Carey selbst ist in die Finanzindustrie und damit zu Pioneer eher zufällig gekommen. Obwohl er es vermutlich nicht zufällig nennen würde. "Ich habe gegen Ende des Studiums bereits etwas gearbeitet und dabei ein paar Leute von Pioneer kennengelernt. Da führte dann eines zum anderen." Spricht's und blickt in seine Teetasse aus weißem Porzellan, ganz bescheiden. Man glaubt es, dass ihm Starallüren, wie sie mit viel Erfahrung manchmal einhergehen, fremd sind. Sein Interesse an den alten Ölbildern, die an der Wand hängen, die Freude an der Stadt im Regen und ein Hemd ohne schwere Manschettenknöpfe, sondern mit ganz normalen Knöpfen. Wo ist Gordon Gekko, möchte man sich fragen.

Kleine Riesen aus China

Kleine Riesen aus China

Dabei verwaltet Carey insgesamt 14 Milliarden Dollar, umgerechnet sind das rund 9,5 Milliarden Euro. Für hiesige Verhältnisse ist das eine gewaltige Summe, für amerikanische Relationen eher moderat, ordnet Carey ein. "Wir können ein Prozent eines Bluechip-Unternehmens kaufen oder verkaufen, ohne dass der Markt es merkt. Bei Smallcaps wäre das allerdings schwierig. Mehr als 120 Aktien will Carey nicht verwalten, "das kann ich sonst nicht überblicken."

Was sonst noch? Ein Buch über Geschichte hat er geschrieben, damals, noch vor Pioneer. Und einmal ist er Warren Buffett begegnet, gleichfalls ein Value-Investor. Er hatte eine seiner Jahresversammlungen der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway besucht und beschreibt sichtlich amüsiert, wie Buffett und Partner Charlie Munger Stunde um Stunde auf dem Podium in Omaha saßen und "jede Frage beantworteten, ob sie nun zum Unternehmen gehörte oder nicht." Und zehntausend Menschen zuhörten.

Er mag seinen Garten, ohne wirklich einen grünen Daumen zu haben, wie er es selbst einschätzt. Er mag die Herausforderung, Pflanzen im rauen Bostoner Klima anzusiedeln; Pflanzen, die eigentlich nicht perfekt mit der Umwelt harmonieren. Wenn es nicht von Carey käme, klänge die Geschichte so, als stamme sie aus der Marketingabteilung: "Chinesische Redwood-Bäume zum Beispiel, die sind viel kleiner als die kalifornischen Riesen, daran habe ich viel Freude." Lächelt und nippt ein letztes Mal an seinem Tee, der längst kalt ist.

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