Milton Friedman Der Ideologe mit dem Tigerlächeln

Für die einen ein "Monster", für die anderen einer der "ganz Großen" - Milton Friedman polarisiert auch gut ein Jahr nach seinem Tod. Die Rolle als Reizfigur war dem Kämpfer für freie Märkte und begabten Selbstdarsteller wie auf den Leib geschrieben.
Von Arne Stuhr

Hamburg - Mindestlohn, Bürgergeld, Schlammschlacht. Nein, hier soll es nicht um die Große Koalition in Berlin gehen, sondern um Milton Friedman, 1912 in New York geboren, 1976 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet und 2006 in San Francisco gestorben.

"Die beste Sozialpolitik ist eine freie Marktwirtschaft", hatte Friedman einst gesagt; und damit ist man dann wohl doch mitten in der aktuellen Tagespolitik angekommen. Globalisierung, Finanzkrise oder eben auch das deutsche Lieblingsthema Mindestlohn, in kaum einer Debatte verzichten weder Freunde noch Feinde Friedmans darauf, den Vater des Monetarismus in die Schlacht zu führen.

Horst Siebert, dereinst Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, hatte also recht, als er vor sechs Jahren in seinem Geleitwort für die Neuauflage von Friedmans Buch "Kapitalismus und Freiheit" schrieb: "Wenn ein Buch […] 40 Jahre nach seinem ersten Erscheinen wieder auf den Markt gebracht wird, ist dies ein Anzeichen dafür, dass wir es mit einem Klassiker zu tun haben."

Und ob. Der "kleine, lebhafte Mann mit dem Tigerlächeln ("Die Zeit") war unbestritten einer der einflussreichsten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Und genau dahin, in die ökonomische Mottenkiste, möchten ihn einige Wirtschaftswissenschaftler verbannt wissen. Vorne weg Paul Krugman, der die "Schlammschlacht um das Erbe des Milton Friedman" ("Handelsblatt") vor knapp einem Jahr mit seinem Essay "Who was Milton Friedman?" im "New York Review of Books" eröffnete.

Der Princeton-Ökonom warf dem Nobelpreisträger nicht weniger als intellektuelle Unehrlichkeit, Borniertheit und Markthörigkeit vor. Immer wieder hätte Friedman für alle Probleme dieser Welt Marktlösungen verlangt, für Bildung, Gesundheitswesen und Drogenhandel, so Krugmans Vorwurf. Zwar bleibe Friedman einer der "wichtigsten ökonomischen Denker aller Zeiten", doch wie Friedman selbst - einem "Ignatius von Loyola im Kampf gegen Martin Luther" gleich – einst die "Gegenreformation" gegen John Maynard Keynes anführte, sei es nun Zeit für eine "Gegen-Gegenreformation".

Die Antwort der von Krugman – ganz in seinem mittelalterlichen Bild bleibend - als "disziplinierte Armee der Gläubigen" bezeichneten Anhänger Friedmans kam Ende vergangenen Jahres. Pünktlich zu dessen erstem Todestag sprachen die 92-jährige Ökonomin Anna J. Schwartz und Edward Nelson von der Federal Reserve Bank of St. Louis in einem Arbeitspapier dem "respektierten Handelstheoretiker" Krugman jegliches Recht ab, ein Urteil über Friedmans Vermächtnis zu fällen. Sein wissenschaftlicher Hintergrund reiche dazu einfach nicht aus. Krugmans Versuch, Friedman zu "verunglimpfen", stuften die beiden "Gralshüter" ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") als "kläglich" ein.

Von Pinochet bis Reagan und Thatcher

Schwartz, die 1963 zusammen mit Friedman das Standardwerk "A Monetary History of the United States" verfasste, indem die beiden die Rolle der US-Notenbank während der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre beleuchten, ist noch immer eine gefragte Autorität in Sachen Zinspolitik. "Die Geldpolitik war zu entgegenkommend. Mit Ein-Prozentsätzen wurden alle möglichen Arten riskanten Verhaltens ermutigt", kommentierte sie jüngst die aktuelle Finanzkrise. Auch dieses Mal hätten die Währungshüter versagt, lautet Schwartz' Urteil, die noch immer täglich im National Bureau of Economic Research in New York arbeitet.

Friedmans Erben also als prophetische Mahner vor den Auswüchsen der weltweiten Finanzströme? Naomi Klein, der "heiligen Johanna der Antiglobalisierungsbewegung" ("Financial Times Deutschland"), würde sich bei diesem Gedanken wohl der Magen umdrehen. Sieht sie in Friedman doch einen "der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte" – ein wahres "Monster".

In ihrem Buch "Die Schock-Strategie – Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus" wirft die Kanadierin ihm und den Anhängern der Chicagoer Schule vor, die Notlagen von Ländern weltweit dazu missbraucht zu haben, diversen Staaten einen radikalen Kapitalismus aufzuzwingen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Bestes Beispiel sei Chile, dessen Diktator Augusto Pinochet in der Tat Anfang der 70er Jahre von Friedman und seinen "Chicago Boys" beraten worden war, wofür sich der Ökonom von allen Seiten scharfen Protest einhandelte. Friedmans Lehre als quasi ursächlich für Folter und Unterdrückung zu machen, werten Kleins Kritiker aber zu Recht als "pure Demagogie".

Klar, jemand, der wie Friedman die Begriffe "Wahlfreiheit, Herausforderung und Risiko" auf seine Fahne schrieb, war - und ist es auch posthum - ein Wegbereiter für das, was heute Neoliberalismus genannt wird. Die Regierungen Reagan in den USA und Thatcher in Großbritannien sind untrennbar mit dem Namen Friedman verbunden. Die Frage, wie Friedman, der die "Entlohnung in Relation zur Leistung" als "Schlüsseleinrichtung" verstanden wissen wollte, die aktuelle Debatte um den Mindestlohn in Deutschland kommentieren würde, ist unschwer zu beantworten. Schließlich bezeichnete er, der durch Bücher, Vorträge und eine eigene Fernsehserie ("Free to Choose") Millionen verdiente, sich selbst als "Inkarnation des Automatismus, der den Tüchtigen auch wohlhabend werden lässt".

"Die Bürger sind doch nicht blöd"

Doch es war auch Friedman, der schon in den 60er Jahren Vorschläge zu einem Bürgergeld in Form der "negativen Einkommensteuer" machte und später das schlechte Schulsystem in den USA für die größer werdenden Unterschiede zwischen Arm und Reich verantwortlich machte. Er forderte Schulgutscheine für alle Familien, damit diese die freie Wahl bei der Ausbildung ihrer Kinder hätten.

Den Wirtschaftsnobelpreis bekam Friedman aber nicht für seine liberale Ideologie, sondern laut der den Preis in Gedenken an Alfred Nobel verleihenden schwedischen Reichsbank "für seinen Beitrag zur Verbrauchsanalyse, zur Geldgeschichte und -theorie sowie seine Klarlegung der Komplexität der Stabilisierungspolitik".

Im Kern ging es vor allem darum, Keynes' Idee zu widerlegen, dass der Staat durch zusätzliche Ausgaben die Wirtschaft ankurbeln könne. Friedman vertrat die Ansicht, dass staatliche Konjunkturprogramme, wenn überhaupt, nur kurzfristig erfolgreich sein könnten.

Außerdem bestritt er die Gültigkeit der Phillips-Kurve, die aussagte, dass eine höhere Inflation die Arbeitslosenquote senken würde. Aus Friedmans Sicht ist es daher sinnlos, die Arbeitslosigkeit bekämpfen zu wollen. Bekannt wurde die Phillips-Kurve auch durch Helmut Schmidt, der einst "lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit" haben wollte.

"Die Bürger sind doch nicht blöd"

Friedman begründete die nicht vorhandene Korrelation von Inflation und Arbeitslosigkeit damit, dass die Arbeitnehmer die künftigen Preissteigerungen bei ihren Lohnvorstellungen bereits antizipieren würden. "Die Bürger sind doch nicht blöd", so Friedman. Ähnliches gelte auch für die Konsumenten, die nicht nur ihre Jahres-, sondern ihre Lebenseinkommen im Blick hätten, und daher nicht wie von den Regierungen erwünscht auf Konjunkturprogramme mit einem spontanen Kaufrausch reagierten. Die einzige Option der Wirtschaftspolitik sei daher eine Steuerung der Geldmenge.

Auch wenn sich der Monetarismus in seiner reinen Form nicht durchsetzte, weil die Notenbanken eben nicht wie im Modell die Geldmenge wirklich regulieren konnten, sind viele Gedanken und Theorien Friedmans mittlerweile Allgemeingut. Und so fielen die Nachrufe auf Friedman denn auch überwiegend sehr wohlwollend, ja fast schon ehrfürchtig aus. "Welche Person folgt auf Keynes und Friedman, die großen Polarisierer?" fragte zum Beispiel die "Zeit". Oder wie es der Ökonom Paul Samuelson, ebenfalls Wirtschaftsnobelpreisträger (1970), formulierte: "Wir Ökonomen haben einen der ganz Großen verloren."

Dieses Porträt ist der Auftakt zu der Serie "Die großen Ökonomen", in der manager-magazin.de künftig Wirtschaftswissenschaftler vorstellt, die das ökonomische Denken bis heute prägen.

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