Kreditkrise Furcht vor der nächsten Bombe

Die Rezessionsangst geht um in den USA. Damit droht die nächste Bombe im Kreditmarkt zu platzen: Die US-Bürger haben mehr als 900 Milliarden Dollar Kreditkartenschulden angehäuft. Das Geschäft mit dem Plastikgeld ist nicht nur Kerngeschäft für die Finanzhäuser – es trifft Konsum und Realwirtschaft am Lebensnerv.

Hamburg - Es klingt schon nach einer Verzweiflungstat. Knapp zwei Millionen US-Haushalte werden in diesem und im nächsten Jahr deutlich mehr Zinsen für ihren Hypothekenkredit zahlen müssen. Es geht um neue Vereinbarungen für Kredite im Volumen von geschätzten 500 Milliarden Dollar. Die US-Regierung bemüht sich, die Zinssätze einzufrieren, zumindest für Schuldner schlechter Bonität.

Daraus spricht nicht nur taktisches Kalkül im US-Wahljahr 2008, sondern die blanke Angst, das Finanzmonopoly könne vollends außer Kontrolle geraten. Es werde "keine einfachen Lösungen geben", warnte Finanzminister Henry Paulson am Montag. Die "Exzesse der vergangenen Jahre" werde man nicht mit einem Federstrich bereinigen können.

Die US-Regierung will die Zinssätze einfrieren, und die nächste Zinssenkung der amerikanischen Notenbank ist am Markt fest eingeplant. Dennoch sind nicht nur die US-Börsen seit Jahresbeginn eingebrochen: Der Dow Jones  hat seit seinem Rekordhoch im vergangenen Herbst mittlerweile rund 10 Prozent nachgegeben, und die Technologiebörse Nasdaq  erlebte am vergangenen Freitag die stärksten Kursverluste seit fünf Jahren.

Schwache Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten haben die Sorgen verstärkt, die US-Wirtschaft könne doch noch im Frühjahr in eine Rezession rutschen. Das wäre ein Szenario, in dem die Sünden der Vergangenheit mit doppelter Wucht auf die Beteiligten treffen. Finanzwerte wie die Citigroup  haben sich binnen Jahresfrist halbiert: Doch kaum jemand wagt, in den schwer angeschlagenen Finanzbereich jetzt einzusteigen.

Es geht längst nicht mehr nur um faule Hypothekenkredite. In den USA leuchten in einem weiteren Bereich die Warnlampen auf, der mit einem Volumen von mehr als 900 Milliarden Dollar ähnlich schwer ist wie das gesamte Subprime-Hypothekensegment. Es geht um das Geschäft mit Kreditkarten, einem Kernbereich nicht nur der großen Konsumentenbanken.

Die Krise, die sich an Immobilienkäufern mit schwacher Bonität und deren Kreditgebern entzündet hat, droht auf das Geschäft mit Plastikgeld überzuschwappen.

Ein Einkaufsbummel ohne Kreditkarten ist in den USA kaum vorstellbar, sie bilden eine der Säulen des US-Konsums. Sollte die Kreditkrise auch diesen Bereich infizieren, werde sich "das Blutbad noch verschlimmern", meint der US-Ökonom Nouriel Roubini. Die Krise ist noch längst nicht abgehakt – sie werde "noch mindestens ein Jahr dauern", schätzt Lewis Alexander, Chefökonom bei der Citigroup.

Für das Kartenkonto bleibt kein Geld

Für das Kartenkonto bleibt kein Geld übrig

Dabei war in der Vergangenheit alles so einfach. Viele US-Bürger konnten ihren steigenden Konsum dadurch finanzieren, dass sie auf ihren – damals steigenden – Häuserwert zusätzliche Kredite aufnahmen. Doch dieses konsumfördernde Spiel nach dem Prinzip "mein Haus ist mein Geldautomat" funktioniert in Zeiten fallender Immobilienpreise nicht mehr.

Im Gegenteil nehmen die steigenden Zinsen der meist mit variablem Zins abgeschlossenen Kreditverträge den Schuldnern jeden weiteren finanziellen Spielraum. Viele Konsumenten "ersticken unter der Last der monatlichen Zins- und Tilgungsleistungen", meint Willem Selst, Stratege bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort.

US-Schuldnern stehen fünf verschiedene Szenarien ins Haus. Die wenigen Glücklichen haben genug Einkommen oder finanzielle Reserven, um die steigende Zinsbelastung zu bedienen. Bei anderen sorgen die anziehenden Zinsen für die Immobilie dafür, dass kein Geld mehr übrig bleibt, um das Kreditkartenkonto auszugleichen.

Eine weitere Gruppe erhöht kurzerhand das Kreditkartenlimit, um den persönlichen Lebensstandard in Zeiten steigender Zinsen zumindest kurzfristig zu halten. Und einige Schuldner nutzen schlicht den Charme einer frischen "no questions asked" Kreditkarte, um mit Hilfe eines "cash advance" die auflaufende Hypothekenbelastung zu bedienen.

Umschuldung per cash advance

Damit wird das Problem nicht nur kurzfristig verschoben, sondern auch dramatisch verschärft, denn Kreditkartenzinsen von 20 Prozent und mehr übersteigen die Kosten eines Hypothekenkredits deutlich. Mit derlei Umschuldungsstrategien ist jedoch kurzfristig Zeit gewonnen, auch wenn die Belastung stark zunimmt. In allen Fällen bleibt jedoch weniger Geld für den Konsum.

Nach Einschätzung der Ratingagentur Fitch Ratings ist es nicht ausgeschlossen, dass sich eine steigende Zahl von Kunden im Bereich Kreditkartengeschäft auf diese oder ähnliche Weise übernimmt: Den Finanzinstituten drohe in diesem Fall ein noch schärferer Gegenwind, da ein weiterer wichtiger Geschäftsbereich in Gefahr gerate.

Ein weiteres Problem: Für Kreditkartenschulden gibt es keine Sicherheiten. Platzt ein Immobilienkredit, können Banken zumindest auf das Haus zurückgreifen, auch wenn dessen Wert sinken mag. Ein Kreditkartenschuldner haftet dagegen höchstens mit seinem pfändbaren Arbeitseinkommen: Rutschen die USA in eine Rezession und verlieren mehr Bürger ihre Jobs, dürften die Zahlungsausfälle bei Kreditkarten deutlich ansteigen, schätzt der Finanzdienstleister Thomson Financial. Im Frühjahr 2003 kletterten die Ausfallraten zum Beispiel über die Marke von 8 Prozent: Eine Ausfallwelle droht nicht nur bei Kreditkarten, sondern auch im Geschäft mit Autofinanzierungen.

Rückstellungen deutlich erhöht

Rückstellungen deutlich erhöht

Die Kreditinstitute reagieren. Die Bank of America  hat ihre Rückstellungen zum Ende des dritten Quartals bereits um rund 50 Prozent erhöht. Die Ausfälle bei Kartenkrediten waren bis Ende September 2007 um rund ein Drittel gestiegen, meldete das Institut. Auch die Citigroup und der Kartenanbieter American Express  rechnen mit steigenden Ausfällen in diesem Jahr und haben ihre Rückstellungen deutlich erhöht: Capital One, größter unabhängiger Anbieter von Kreditkarten der Marken Visa und Mastercard, hat ebenfalls seine Verlustprognose auf rund 5,5 Milliarden Dollar angehoben.

Diese Schritte sind angesichts wachsender Risiken ein Gebot der Vernunft, haben aber auch weitere Konsequenzen für die Realwirtschaft. Banken, die ihre Rückstellungen erhöhen und mit steigenden Ausfällen rechnen, werden künftig weniger Geld verleihen, betont Jan Hatzius, Volkswirt bei Goldman Sachs . Damit werden die Probleme schließlich auch bei Unternehmen guter Bonität ankommen, die auf Grund der Zurückhaltung der Kreditgeber ihr Wachstum nicht mehr finanzieren können.

Subprime ist noch nicht alles

Ein Problem nur für die USA? Leider nicht. Großbritannien bietet sogar Anschauungsunterricht dafür, wie Probleme am Hypothekenmarkt auf den Kreditkartenmarkt überspringen können. In England ist das Volumen der Immobilienkredite auf mehr als eine Billion Pfund gestiegen, die Verschuldung der Briten ist durchschnittlich etwa doppelt so hoch wie in Resteuropa. Nach Berechnungen des Magazins "Fortune" sind die Kreditkartenausfälle seit Ende 2005 um rund 50 Prozent gestiegen, und rund 6 Prozent der Schuldner haben ihre Hypothekenschuldner zeitweise mit teurem Plastikgeld bedient. Wenn sich die gleiche Entwicklung in den USA wiederholt, wird es unangenehm.

Bislang haben Kreditinstitute weltweit Subprime-Kredite in Höhe von rund 50 Milliarden Dollar abgeschrieben. Nach Schätzungen von S&P könnten die Abschreibungen im Subprime-Bereich auf rund 200 Milliarden Dollar ansteigen. US-Banken wie die Citigroup, die ihre Bilanz am 15. Januar vorlegt, dürften im vierten Quartal 2007 weitere Milliarden abschreiben, Kosten eindampfen und wahrscheinlich auch ihre Dividende kürzen. Unterdessen drohen die in den Büchern verbleibenden Kreditpakete weiter an Wert zu verlieren, da die Stimmung trotz zahlreicher Geldspritzen der Notenbanken nervös bleibt und sich auch die Banken selbst untereinander nicht mehr über den Weg trauen, sprich Geld leihen wollen.

In dieser Woche haben die Analysten der Schweizer Großbank Credit Suisse die Aktie der Deutschen Bank  von "Outperform" auf "Underperform" herabgestuft. Als einen Grund nannten sie, dass das Kreditgeschäft der Deutschen breit aufgestellt ist, während beispielsweise die UBS  stark in Hypotheken auf Wohnhäuser investierte. "In der Vergangenheit war das eine Quelle der Stärke", stellen die Experten fest. In der Tat: Die UBS musste zehn Milliarden Dollar abschreiben und Hilfe bei Staatsfonds suchen. Das Frankfurter Bankenviertel war dagegen eine Oase der Ruhe. Doch "wenn die Probleme sich ausbreiten", so die Credit-Suisse-Analysten, "sind die zusätzlichen Risiken für die Deutsche Bank größer". Die Akteure in den Kreditabteilungen wissen: Subprime ist noch nicht alles.