Rohstoffe Geht der Opec schon 2024 das Öl aus?

2024, 2037 oder doch erst 2048? Eine Studie, nach der die Opec-Reserven nicht mehr lange reichen, hat zum Ölpreisrekord beigetragen. Zwar wurden bei den Prognosen zahlreiche Unwägbarkeiten nicht berücksichtigt. Die Quelle der Berechnungen ist jedoch einwandfrei: Es ist die Opec selbst.

Hamburg - Zu den Auslösern des zuletzt wieder drastischen Ölpreisanstiegs zählt auch eine Studie der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec). Die Analyse geht der Frage nach, wie lange die Ölreserven der Opec-Mitglieder und mithin die Vorräte des gesamten Förderkartells noch halten können.

Eines der Ergebnisse hat die Märkte besonders alarmiert: Im schlimmsten Fall könnte der Organisation schon 2024 das Öl ausgehen. Andere Szenarien taxieren den Zeitpunkt, zu dem die Opec-Staaten ihren Beitrag zur Befriedigung der Weltnachfrage nicht mehr leisten können, auf 2037 oder 2048.

Für die Weltwirtschaft, deren Wachstum auch mit einem stetig steigenden Bedarf an schwarzem Gold verbunden ist, sind das düstere Aussichten. Um 1 bis 2 Prozent pro Jahr wird die Nachfrage nach Öl Schätzungen zufolge in den kommenden Jahren zulegen. Spätestens im Jahr 2020 soll vor allem das starke Wirtschaftswachstum in China, Indien und anderen südostasiatischen Schwellenländern die Weltnachfrage auf 107 Millionen Barrel pro Tag geschraubt haben.

Opec muss mehr fördern

Die Opec-Staaten müssen das Gros dieser Last schultern. Schon heute liefern sie rund 40 Prozent der Weltölförderung. Zudem verfügen sie über mehr als drei Viertel aller bekannten Reserven. Künftig wird der Anteil der Opec aber noch steigen müssen, weil die Nicht-Opec-Länder mit der Nachfrageexpansion nach Expertenmeinung kaum mithalten können.

Die Frage, wie die Opec auf ihre besorgniserregende Prognose kommt, erscheint daher umso drängender. Der Analyse liegen drei Szenarien zugrunde. Erstens: Alle Opec-Staaten steigern ihre Produktion künftig in dem Maße, in dem die Opec ihre Förderung im Schnitt auch in den vergangenen Jahren ausgeweitet hat. Die Rate lag bei 2,7 Prozent pro Jahr. Diese Annahme führt in der vorliegenden Betrachtung noch zum geringsten Übel, nämlich einem Auslaufen der Ölförderung im Jahr 2048.

Im zweiten Szenario reichen die Vorräte bis 2037. Die Voraussetzung: Die Förderung wird jährlich um 5 Prozent erhöht. Nach Einschätzung des Analysten Ayoub Kazim, Director der Dubai Technology and Media Free Zone Authority und Autor der Opec-Studie, ist dies die wahrscheinlichste Variante. "Die angenommene Entwicklung der Ölproduktion liegt sehr nahe an der Vorhersage der Energy Information Administration des amerikanischen Energieministeriums", schreibt Kazim. Für Saudi-Arabien, Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) beispielsweise werde demnach eine Produktionssteigerung um 102, 90 beziehungsweise 88 Prozent bis zum Jahr 2020 erwartet.

Kuwait und Irak haben den längsten Atem

Kuwait und Irak haben den längsten Atem

Bleibt Szenario drei, die trübste Prognose, derzufolge schon 2024 die Vorräte der Opec-Staaten zur Neige gehen könnten. Dabei wird angenommen, dass jedes Mitglied seine Förderung in den kommenden Jahren im gleichen Maße steigert, wie es dies auch im Schnitt der vergangenen 25 Jahre getan hat.

Dass dies eher unwahrscheinlich ist, lässt sich allerdings schon am Beispiel Kuwait deutlich erkennen. Bedingt durch den Überfall durch den Irak Anfang der 90er Jahre kam es in Kuwait zu erheblichen Schwankungen in der Ölproduktion. So ging die Förderung in den Jahren 1990 und 1991, während der Invasion und der darauffolgenden Zerstörung zahlreicher Ölfelder also, um schätzungsweise 32 beziehungsweise 78 Prozent zurück. Unmittelbar darauf starteten die Kuwaitis jedoch eine enorme Aufholjagd mit Steigerungsraten von 457 und 78 Prozent in den Jahren 1992 und 1993.

Die Folge: Kuwait brachte es in den vergangenen 25 Jahren laut Kazim auf eine durchschnittliche jährliche Ausweitung der Ölförderung von 23,5 Prozent - würde das Land die Produktion im gleichen Tempo weiter steigern, so wäre es laut Opec-Studie, Szenario drei, bereits im Jahr 2017 am Ende der Fahnenstange angelangt.

Tatsächlich jedoch, auch das schreibt Kazim in seinem Bericht, gehört Kuwait zu jenen Ländern mit den am weitestreichenden Reserven. Bei moderatem Tempo kann dort laut Opec noch mehr als 180 Jahre lang gefördert werden. Auch der Irak mit 192 Jahren und die VAE mit 148 Jahren verfügen - isoliert betrachtet - über ein komfortables Polster.

Die Krux: Die Opec-Prognosen unterstellen, dass, sobald ein Land seine Reserven aufgebraucht hat, die verbleibenden Mitglieder dessen Anteil an der Gesamtförderung mit stemmen müssen. Kuwait zählt daher ebenso wie der Irak in den Szenarien eins und zwei zwar zu den Ländern mit dem längsten Atem. Die 180 Jahre bleiben jedoch eine theoretische Größe, die praktisch nicht erreicht werden kann.

Indonesien fällt als erstes aus

Indonesien fällt als Erstes aus

Eines der ersten Länder, die ihren Lieferverpflichtungen nicht mehr nachkommen, könnte dagegen Indonesien sein. Alle drei Szenarien der Opec-Studie kommen zu diesem Ergebnis. Die Folge: Schon zu Beginn des kommenden Jahrzehnts dürfte Indonesien als Ölförderland innerhalb der Opec bedeutungslos werden.

Es gibt indes weitere Faktoren, die die Präzision der Opec-Vorhersagen einschränken. Nach Ansicht von Opec-Analyst Kazim spielen beispielsweise die hohen Investitionen, die in den kommenden Jahren in den Ausbau der Fördertechnik gesteckt werden müssen, eine wichtige Rolle.

Der Experte glaubt, dass vor allem Opec-Staaten mit ohnehin angespannter Haushaltlage wie Irak, Nigeria und Venezuela Schwierigkeiten haben werden, diese Investitionen vorzunehmen.

Mögliche künftige geopolitische Konflikte wurden zudem bei der Analyse ebensowenig berücksichtigt, wie die Option, dass neue Ölvorkommen entdeckt werden oder neue Mitglieder wie beispielsweise Russland oder Norwegen zur Opec stoßen könnten. Schließlich darf die künftige Nutzung erneuerbarer Energien nach Ansicht von Kazim nicht außer Acht gelassen werden. Insbesondere die Fortschritte im Bereich der Brennstoffzellen- und der Wasserstoffmotoren könnten die Nachfrage nach Öl zumindest im Transportbereich drastisch senken.

Experten sind nicht zuletzt deshalb skeptisch, was die Aussagekraft der Opec-Prognosen angeht. "Neben dem schwachen Dollar, aktuellen politischen Spannungsfeldern beispielsweise in Pakistan sowie dem Agieren einiger Hedgefonds am Markt hat das Opec-Papier sicher zum Preisanstieg der vergangenen Tage beigetragen", meint etwa Eugen Weinberg von der Commerzbank.

"Grundsätzlich denke ich aber, dass derartige Vorhersagen mit Vorsicht zu genießen sind." Weinberg macht darauf aufmerksam, dass vor 30 Jahren bereits das Ende der Ölvorräte für das Jahr 2000 vorhergesagt wurde. "Wie Sie wissen, hat sich die Prognose nicht bewahrheitet", so der Fachmann.

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